Magdeburg l Mehr als einhundert Schüler aus sieben Schulen Sachsen-Anhalts haben gestern im Magdeburger MDR-Funkhaus an einer Videokonferenz mit dem Holocaust-Überlebenden Pesach Anderman teilgenommen. Im Unterricht hatten sie vorher Andermans Buch "Der Wille zu leben" gelesen und konnten dem 1929 in der Ukraine geborenen Autor in einem Zeitzeugengespräch ihre Fragen stellen.

Ein bisschen funktionierte es wie Telefonieren übers Internet mit dem Programm Skype - allerdings war die Leinwand im Foyer des MDR-Funkhauses wesentlich größer als ein Computerbildschirm. Kurz nach 10 Uhr stand die Leitung zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, und ein gebräunter älterer Herr in Hemd und Jackett war zu sehen: Pesach Anderman. 60 Jahre lang hat er sich geweigert, über die Shoa zu sprechen, berichtet er den Schülern. Aus gutem Grund - 1929 in Galizien (Ukraine) geboren, hat Anderman bereits als Jugendlicher die Angriffe auf die jüdische Bevölkerung miterlebt. "Ich wollte meinen Kindern dieses Wissen ersparen", erklärt er.

Doch ein Freund habe ihn schließlich überzeugt, mit Schülern über den Holocaust zu sprechen, damit sich so etwas nie wiederholt. "Die Vergangenheit kann man nicht ändern, die Zukunft schon", ist seitdem Andermans Motto. Nur seine Schwester und er selbst haben den Krieg überlebt. In der Ukraine habe es bereits einen ausgeprägten Antisemitismus gegeben, und als die Deutschen kamen, wurde es noch schlimmer. Anderman berichtet den Schülern von Flucht und Folter, Hunger und Kälte und den Toten, die er sehen musste - viele davon seine Freunde und Verwandten. "Wir haben es vier Frauen zu verdanken, dass wir überlebt haben. Sie versteckten uns und gaben uns zu essen", denkt Anderman zurück.

Er hatte Glück und überlebte, wanderte nach Israel aus und gestaltete als Soldat, Kibbuznik, Arbeiter und Kaufmann die Geburt des neuen Staates mit. Anderman ist trotz aller Erlebnisse Mensch geblieben, hat palästinensische Freunde und wünscht sich, noch vor seinem Tod ein friedliches Zusammenleben beider Völker zu erleben.

"Spannend" und "interessant" fanden seine Zuhörer das Gespräch. "Man bekam Gänsehaut", sagte Lars Künstner (16) aus Magdeburg. Die insgesamt 100 Schüler kamen aus der Sekundarschule Gernrode, der Sekundarschule Nachterstedt, der Herder-Sekundarschule Calbe, der Sekundarschule Heinrich Heine aus Magdeburg, der Kooperativen Gesamtschule "Ulrich von Hutten" in Halle, dem "Kurfürst Joachim Friedrich Gymnasium" in Wolmirstedt und dem Geschwister-Scholl-Gymnasium in Magdeburg.

"Ich freue mich über das große Interesse der Schulen und ihrer Schüler. Wir wollten ihnen mit der Videokonferenz ein Kapitel der deutschen Geschichte authentisch vermitteln", sagte Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) nach der Konferenz der Volksstimme. Der Holocaust sei durch das persönliche Schicksal eines Überlebenden kein abstraktes Geschehen mehr - die Schüler stellen über Pesach Anderman eine unmittelbare persönliche Beziehung zum Thema her und berichten auch anderen davon, hofft der Minister. "Wir würden gerne mehr solcher Zeitzeugengespräche machen", sagte Dorgerloh. Denn mittlerweile könnten viele Holocaust-Überlebende nicht mehr zu den Schulen reisen. Die Videokonferenz sei da ein zeitgemäßes Hilfsmittel.

Pesach Anderman hat seine Erlebnisse im Buch "Der Wille zu leben" veröffentlicht, ISBN: 978-3-7700-1228-2.