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Verschollen geglaubt waren die Handschriften zum Zerbster Prozessionsspiel. Im Stadtarchiv wieder entdeckt, werden die für Mitteldeutschland einmaligen Originale in eine Ausstellung eingehen, die im Rahmen der Lutherdekade in Mühlhausen, Leipzig und Magdeburg gezeigt wird.
Zerbst l"Das ist ja einmalig", freut sich der Berliner Kirchenhistoriker Hartmut Kühne. Gemeint sind die Textbücher und das Regiebuch des Zerbster Prozessionsspiels, beides in vollständigen originalen Handschriften aus dem ganz frühen 16. Jahrhundert.
Der Zerbster Kulturamtsleiter Andreas Dittmann hat diese historischen Dokumente aus dem Zerbster Stadtarchiv mit ins Museum der Stadt Zerbst gebracht, um sie gemeinsam mit Kühne in Augenschein zu nehmen. Vor allem jedoch ebenso über deren Einbindung in ein geplantes Ausstellungsprojekt zu beraten.

"Wiederentdeckung ist wie göttliche Fügung."
Im Auftrag des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig sowie der Magdeburger und Mühlhäuser Museen beschäftigt sich der Kirchenhistoriker Kühne im Rahmen der Lutherdekade mit den Vorbereitungen für eine Ausstellung zur Frömmigkeitspraxis am Vorabend der Reformation in Mitteldeutschland.
Hannes Lemke, gebürtiger Zerbster und Mitarbeiter an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, hat die Handschriften zum Zerbster Prozessionsspiel bei seinen gezielten Forschungen im Februar dieses Jahres im Zerbster Stadtarchiv aufgespürt. Seit Kriegsende galten diese Dokumente als verschollen, vermutlich als verbrannt.
Zerbst ist damit die einzige mitteldeutsche Stadt, die solche Handschriften ihr eigen nennen kann, und zugleich eine von wenigen europäischen Städten, die eine derart vielfältige und komplette Handschriftenüberlieferung für solches Spiel hat.
"Diese Wiederentdeckung für die Forschung durch Hannes Lemke ist wie eine göttliche Fügung", klingt Kühne fast euphorisch. Vor allem auch mit Blick auf die geplante Ausstellung.
Diese Ausstellung "Umsonst ist der Tod!" wird im September 2013 in Mühlhausen eröffnet und 2014 in Leipzig und Magdeburg gezeigt.
Ausgangspunkt, so Kühne, seien die weit verbreiteten Vorurteile, die Jahrzehnte vor der deutschen Reformation als eine von klerikalen Missbräuchen und kirchlicher Unordnung geprägte Krisenzeit zu bewerten.
Nach aktuellen Forschungen aus dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts seien die Jahrzehnte vor der Reformation eine kulturell fruchtbare Zeit gewesen, "in der eine konfliktfreie Verkirchlichung der gesamten Gesellschaft eine breite religiöse Pluralität nicht ausschloss", heißt es im Ausstellungskonzept.
Hier kommen nun wieder die Zerbster Originaldokumente "ins Spiel". Im fünften von sechs Hauptschwerpunkten betrachtet die Ausstellung die Hintergründe der Popularität geistlicher Schauspiele, deren regionale Verortung, die Beteiligung von Laien sowie die Prozessionen, die man sich als eine Art von (Fest)umzügen im städtischen Raum vorstellen muss. "Dafür sind die wiederentdeckten Zerbster Dokumente ein nicht zu überbietender authentischer Beweis", hebt Kühne hervor.
"Herausragendes Alleinstellungsmerkmal"
"In Zerbst ist das vorliegende und im Gegensatz zum seit 1633 nachweisbaren Oberammergauer Passionsspiel bisher eher unbekannte Prozessionsspiel erstmals 1507, möglicherweise auch bereits 1502, aufgeführt worden. Zuletzt wohl 1522", erklärt der Germanist Hannes Lemke. Dabei seien die Zünfte und viele weitere Bürger einbezogen worden, die in den Straßenzügen einzelne Bilder darstellten. Die Prozession sei wohl von der Bartholomäikirche über den Markt bis zur Nicolaikirche und dann zurück verlaufen. In der Beratung, an der ebenfalls Museumsleiterin Agnes-Almuth Griesbach teilnahm, wurde auch über konkrete Maßnahmen zur für die Ausstellung notwendigen Restaurierung der besonderen Handschriften gesprochen.
"Mit diesen Dokumenten und deren erkannter bedeutsamer historisch-wissenschaftlicher Einordnung hat Zerbst ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal auch für die Geschichte der vorreformatorischen Zeit", stellt Andreas Dittmann fest.
Ob dieses Prozessionsspiel auch irgendwann einmal in Zerbst wieder aufgeführt wird, ist gegenwärtig nicht absehbar. "Visionen sollte man sich aber nicht total verschließen", unterstreicht er. Seite 5
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