Im Norden Magdeburgs entsteht auf einem alten Fabrikgelände ein überdimensionales Paradies für Graffitisprayer und andere Straßenkünstler. Wer will, kann Flächen, Farben und Verpflegung buchen wie bei einer Pauschalreise.

Magdeburg l Es ist ohne Zweifel beeindruckend, das riesige Areal im Rothenseer Industriegebiet. "Voll fett" würde der Kenner sagen. Denn das, was sich der Verein Freiluft-Atelier dort ausgemalt hat, sucht bundesweit seinesgleichen. Die "Aerosol-Arena" soll ein Mekka für alle Graffitisprayer und Straßenkünstler in Deutschland werden. Auf 30000 Quadratmetern können sie sich an meterhohen Fabrikwänden und zahlreichen Zügen kreativ austoben - völlig legal.

Entsprungen ist die Vision dem Kopf von Jens Märker, ein Urgestein an der Spraydose aus dem Ruhrgebiet. Seit Jahren geisterte dort die Idee von einer dauerhaften "Hall of Fame", einem legalen Gelände für Graffiti, herum. Erst als Märker in Magdeburg die Schweizer Journalistin Daniela Kreissl traf, wurde es konkret. "Sie schaffte es, meine wirren Gedanken in klare Worte zu fassen", erzählt er. Denn Worte brauchten die beiden, um ihr ambitioniertes Projekt Behörden schmackhaft zu machen.

Vor der Wende wurden in der Fabrik am Klosterkamp massenweise Brötchen und Nudeln produziert, danach stoppten die Maschinen, die Hallen verfielen. "Was soll man schon machen, außer zuschließen und bemalen?", dachte sich Märker, der in seinen wilden Jahren in den 1980ern unter dem Szenenamen "Pest" in Dortmund aktiv war. Die Brache in Magdeburg gehört inzwischen einem Bekannten. Dieser räumte ihm das Nutzungsrecht ein. Mittlerweile in seinen Vierzigern, konnte Märker nun seinen Traum umsetzen.

Sein Konzept vom Graffiti-Urlaub erklärt der Initiator so: "Wie bei einer Pauschalreise können die Künstler übers Internet ihre gewünschte Fläche buchen. Dazu liefern wir alles, was er oder sie braucht: Dosen, Farben, Leitern, Hebebühnen, Scheinwerfer, selbst die Unterkunft organisieren wir auf Wunsch."

"Als uns Jens von der Idee erzählte, hörte es sich an wie das ,gelobte Land\'."

Dennis Stobbe, Graffitikünstler

Ein Regelbetrieb mit täglichen Öffnungszeiten, während der man sich die Kunstwerke auch einfach nur anschauen kann, ist für den Herbst geplant. Derzeit kommen die Szenegrößen aus ganz Deutschland an die Elbe, um die Wände der "Aerosol-Arena" zu testen. Aus Dresden, Wuppertal, Berlin, Weimar, Erfurt kamen sie bereits und waren begeistert. So wie Dennis Stobbe und Marc Gmehling, die am vergangenen Wochenende zu Besuch waren.

"Als uns Jens das erste Mal von der Idee erzählte, hörte sich es an wie das ¿gelobte Land\'", erinnert sich Stobbe. Gmehling ergänzt: "Ich dachte ¿Ja, ja, na klar\'. Und heute stehe ich in zehn Metern Höhe auf einer Hebebühne und messe mein Wandbild aus."

Marc Gmehling arbeitet als Illustrator und betreibt die Sprühkunst als Ausgleich zum Job. Vor kurzem erst hat er in London eine seiner riesigen Kunstfiguren an eine Clubwand gebracht. Ende der 1980er Jahre hatte er angefangen, illegal zu sprayen, aber irgendwann damit aufgehört. "Wegen des Stresses", wie er zugibt. "Erst wenn man wie hier Zeit und Ruhe hat, kann man das Beste aus sich herausholen." Dennis Stobbe leitet eine Marketingagentur und glaubt, dass man durch "Wände bunt machen" die Grundlagen für manch kreativen Job lernt. Schließlich gehört ja auch Logistik dazu: Wie viele Dosen brauche ich? Wie viel Zeit hab ich? In der "Aerosol-Arena" kann man sich die Zeit frei einteilen und man muss nicht Angst haben, dass ein Werk sofort danach wieder übermalt wird. Auf Wunsch kann man seine Fläche nämlich "blocken". Denn der erste Gedanke eines Außenstehenden ist doch: "Irgendwann sind auch die höchsten Wände alle voll." Jens Märker klärt auf: "Beim Graffiti malt man nicht für die Ewigkeit. Man macht ein Foto von seinem Werk, und wenn man Pech hat, kommt gleich danach der Nächste und sprüht darüber." Nur echte Größen haben ein Dauerrecht.

Einer von ihnen ist Hendrik Beikirch. Bilder des deutschen Künstlers sind in Europa, den USA, Chile, Australien, Thailand und Russland zu sehen. Seit Kurzem kann auch Magdeburg eines seiner Werke vorweisen. Auf eine 30 Meter hohe Wand hat der scheue Künstler einen seiner typischen grauen Köpfe gezeichnet: Ein alter Mann blickt über die Elbe in Richtung Herrenkrug und zieht mit seinem traurigen Blick Betrachter in seinen Bann.

Weniger renommiert, aber mindestens ebenso ein Hingucker ist der "Mutanten-Elbotter" der Hamburger Kunststudentin Lea. Selbst nur 1,55 Meter groß malte sie das riesige Tier in drei Tagen mit einem winzigen Pinsel an die Hallenwand. Sie ist ein Beispiel dafür, dass nicht nur die Sprühdosenkünstler angesprochen werden sollen, sondern alle kreativen Köpfe, die einmal groß hinaus wollen. Deshalb hat sich der Verein dahinter auch bewusst Freiluft-Atelier genannt.

Mit den Wänden ist es aber längst nicht getan. Die beiden haben noch mehr vor. Drei Schienenstränge sollen verlegt werden. Darauf stehen dann die "rollenden Leinwände": ausgediente Zugwaggons. Das Dorado für jeden Sprüher. Aber fehlt nicht der Adrenalin-Kick, wenn man sie legal besprühen kann? "Nein, wir richten uns auch an ältere, ehemalige Sprayer, die heute Doktor oder Professor sind. Es juckt ihnen in den Fingern, aber sie dürfen nicht. Hier können sie mit ihren Kindern der alten Leidenschaft frönen", erklärt Märker. Um es realistischer zu gestalten, werden die Züge nur stundenweise vermietet. Dank Klebefolie sind die Werke blitzschnell danach wieder ab.

"Wir wollen die Graffitiszene aus der Schmuddelecke herausholen."

Jens Märker, Initiator der Aerosol-Arena

Einen weiteren Aspekt haben Jens Märker und Daniela Kreissl groß in ihr Konzept geschrieben: "Wir wollen die Graffitiszene aus der Schmuddelecke herausholen. Vor allem geht es uns um eine Entkriminalisierung." Es sei unverhältnismäßig, wenn ein Jugendlicher, der beim Sprühen erwischt wird, wegen Sachbeschädigung vorbestraft wird, meint Daniela Kreissl.

Hintergrund ist das 2005 verabschiedete Graffiti-Bekämpfungsgesetz. Danach gilt bereits das Ändern des Erscheinungsbilds einer Sache, zum Beispiel durch Besprühen, als Sachbeschädigung. Mögliche Strafe: zwei Jahre Gefängnis. "Wenn in meinen jungen Jahren schon so bestraft worden wäre wie heute, würde ich hier wohl nicht stehen", erklärt Jens Märker.

Den öffentlichen Segen hat das Projekt. Ende März gab es einen Rundgang mit diversen Amtsvertretern der Stadt. Nach anfänglicher Skepsis war man doch schnell angetan von der Idee. Auch die Nachbarn, die einen Hebebühnen-Verleih betreiben, profitieren davon. Sie können Maschinen werbewirksam vermarkten.

Das Engagement der beiden Galeristen ist ehrenamtlich, unter der Woche arbeiten sie in ihren Jobs. Fördermittel wollen sie nicht, den Weg zur Presse haben sie auch bewusst nicht gesucht. "Wir wollten mal sehen, wie lange es dauert, bis jemand mitkriegt, was wir hier machen", sagt Daniela Kreissl selbstbewusst. Die "Aerosol-Arena" habe "Leuchtturm-Charakter", einen Graffiti-Tourismus sehen sie bereits vor ihrem geistigen Auge. Danach gefragt, wie er seinen persönlichen Traum zusammenfassen würde, sagt Jens Märker: "Wir haben das von uns, für uns, für alle gemacht."Seite 4

www.freiluft-atelier.com