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"Als ich ein paar Wochen später am Wochenende meine Eltern in Schönebeck besuchte, wurde ich quasi auf offener Straße gekidnappt", erzählt der heute 74-Jährige. Eine schwarze EMW-Limousine habe in seiner Nähe gehalten, zwei Männer packten ihn mit "schraubstockhartem Griff an die Arme", und schon ging die Fahrt nach Halle in den Roten Ochsen. "Ich wusste, das ist die Firma, also die Stasi, und beschloss, dass ich niemanden verraten würde", so Stiehl.
Nach entwürdigenden Aufnahmeritualen schmorte er tagelang im A-Block des Roten Ochsen, dann folgten ständig nächtliche Vernehmungen. "Dabei wurde mir schnell klar, dass ich alles zugeben konnte, was im Beisein des Freundes passiert war. Den Rest habe ich für mich behalten", denkt Stiehl zurück. Dennoch fiel die Strafe empfindlich aus: Am 11. April 1953 verurteilte ihn der 1. Strafsenat des Bezirksgerichtes Halle/Saale wegen Verbrechen nach Artikel 6 der DDR-Verfassung (Boykotthetze) zu sechs Jahren Zuchthaus.
Stiehl fand das als junger Bengel nicht so schlimm. "Wir dachten damals alle, der Staat macht es nicht mehr lange. 80 Prozent der Bevölkerung waren unzufrieden, nur durch die Russen blieb die DDR an der Macht", sagt er mit Blick auf den Volksaufstand nur wenige Monate später. Stiehl bekam von den Tumulten nicht viel mit. Er saß im B/D-Block des Roten Ochsen in einer Jugendzelle, arbeitete erst in der Schneiderei und dann entsprechend seines erlernten Berufes in der Gefängnisbäckerei. "Ich hatte großes Glück. Wir litten keinen Hunger und konnten uns duschen." Doch auch im Ochsen gab es die berüchtigte Schrottabteilung, wo Häftlinge Metallteile durch Zerschlagen mit dem Hammer zerlegten und fürs Einschmelzen in volkseigenen Betrieben vorbereiteten. Dort, so Stiehl, habe es sehr viele Unfälle gegeben. "Die Arbeitsschutzbedingungen waren unter aller Sau, es gab eine hohe Norm, und viel Druck von den Aufsehern. Wer da nicht mithalten konnte, wurde verachtet und bestraft." Für Stiehl war das Planerfüllung auf Kosten der Gesundheit der Gefangenen.
Wieder hatte er Glück, kam am 16. November 1956 nach 46 Monaten im Rahmen einer Amnestie frei. Weiterstudieren, wie der junge Stiehl naiv annahm, konnte er nicht. Wenn überhaupt, sagte man ihm, dürfe er sich "in der Produktion bewähren". Ein drittes Mal war Wolfgang Stiehl das Glück hold: In Schönebeck kam er in einem HO unter, weil er den Betriebsleiter von seiner Anständigkeit überzeugen konnte. "Das war wie ein Sechser im Lotto. Ich habe mir dann eine Art Tarnkappe übergezogen und mich rege am politischen Diskurs in der DDR beteiligt. Aber über meine wahren Gedanken wusste niemand Bescheid", sagt Stiehl heute.
Er habe trotzdem weiter NDR gehört - aber auch den Schwarzen Kanal, damit er wusste, was da los war. Nach der Wende konfrontierte er in einem Buch seinen "Freund" von damals und schickte ihm ein Exemplar. Eine Entschuldigung erhielt Stiehl nie. Heute setzt er sich für die Opferarbeit ein. "Ich hatte damals großes Glück", unterstreicht Stiehl nochmal. Doch die meisten politischen Strafgefangenen hätten durch die Haft und die Arbeit dort nicht nur bleibende körperliche und psychische Schäden erlitten. Heute erhalten sie auch nur eine Minirente, weil die meisten anders als Stiehl zu DDR-Zeiten kaum mehr einen Fuß in die Arbeitswelt bekamen. Erst seit 2007 gibt es für sie wenigstens eine Opferrente von maximal 250 Euro.
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