• 19. Juni 2013


Newsticker

Sie sind hier:



Der Fall IKEA hat die Debatte um die Gefängnisarbeit politischer Häftlinge wieder angefacht. Von Andreas Stein


Arbeit im Knast: Devisen für die DDR

24.07.2012 04:20 Uhr |




Wolfgang Stiehl, Vorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, steht im Innenhof der Gedenkstätte Moritzplatz in Magdeburg. Für das Hören von West-Radiosendern und Lesen satirischer Zeitschriften saß er zu DDR-Zeiten beinahe vier Jahre im Gefängnis, musste in Schneiderei und Bäckerei arbeiten.

Wolfgang Stiehl, Vorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, steht im Innenhof der Gedenkstätte Moritzplatz in Magdeburg. Für das Hören von West-Radiosendern und Lesen satirischer Zeitschriften saß er zu DDR-Zeiten beinahe vier Jahre im Gefängnis, musste in Schneiderei und Bäckerei arbeiten. | Foto: Andreas Stein Wolfgang Stiehl, Vorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, steht im Innenhof der Gedenkstätte Moritzplatz in Magdeburg. Für das Hören von West-Radiosendern und Lesen satirischer Zeitschriften saß er zu DDR-Zeiten beinahe vier Jahre im Gefängnis, musste in Schneiderei und Bäckerei arbeiten. | Foto: Andreas Stein

"Als ich ein paar Wochen später am Wochenende meine Eltern in Schönebeck besuchte, wurde ich quasi auf offener Straße gekidnappt", erzählt der heute 74-Jährige. Eine schwarze EMW-Limousine habe in seiner Nähe gehalten, zwei Männer packten ihn mit "schraubstockhartem Griff an die Arme", und schon ging die Fahrt nach Halle in den Roten Ochsen. "Ich wusste, das ist die Firma, also die Stasi, und beschloss, dass ich niemanden verraten würde", so Stiehl.

Nach entwürdigenden Aufnahmeritualen schmorte er tagelang im A-Block des Roten Ochsen, dann folgten ständig nächtliche Vernehmungen. "Dabei wurde mir schnell klar, dass ich alles zugeben konnte, was im Beisein des Freundes passiert war. Den Rest habe ich für mich behalten", denkt Stiehl zurück. Dennoch fiel die Strafe empfindlich aus: Am 11. April 1953 verurteilte ihn der 1. Strafsenat des Bezirksgerichtes Halle/Saale wegen Verbrechen nach Artikel 6 der DDR-Verfassung (Boykotthetze) zu sechs Jahren Zuchthaus.

Stiehl fand das als junger Bengel nicht so schlimm. "Wir dachten damals alle, der Staat macht es nicht mehr lange. 80 Prozent der Bevölkerung waren unzufrieden, nur durch die Russen blieb die DDR an der Macht", sagt er mit Blick auf den Volksaufstand nur wenige Monate später. Stiehl bekam von den Tumulten nicht viel mit. Er saß im B/D-Block des Roten Ochsen in einer Jugendzelle, arbeitete erst in der Schneiderei und dann entsprechend seines erlernten Berufes in der Gefängnisbäckerei. "Ich hatte großes Glück. Wir litten keinen Hunger und konnten uns duschen." Doch auch im Ochsen gab es die berüchtigte Schrottabteilung, wo Häftlinge Metallteile durch Zerschlagen mit dem Hammer zerlegten und fürs Einschmelzen in volkseigenen Betrieben vorbereiteten. Dort, so Stiehl, habe es sehr viele Unfälle gegeben. "Die Arbeitsschutzbedingungen waren unter aller Sau, es gab eine hohe Norm, und viel Druck von den Aufsehern. Wer da nicht mithalten konnte, wurde verachtet und bestraft." Für Stiehl war das Planerfüllung auf Kosten der Gesundheit der Gefangenen.

Wieder hatte er Glück, kam am 16. November 1956 nach 46 Monaten im Rahmen einer Amnestie frei. Weiterstudieren, wie der junge Stiehl naiv annahm, konnte er nicht. Wenn überhaupt, sagte man ihm, dürfe er sich "in der Produktion bewähren". Ein drittes Mal war Wolfgang Stiehl das Glück hold: In Schönebeck kam er in einem HO unter, weil er den Betriebsleiter von seiner Anständigkeit überzeugen konnte. "Das war wie ein Sechser im Lotto. Ich habe mir dann eine Art Tarnkappe übergezogen und mich rege am politischen Diskurs in der DDR beteiligt. Aber über meine wahren Gedanken wusste niemand Bescheid", sagt Stiehl heute.

Er habe trotzdem weiter NDR gehört - aber auch den Schwarzen Kanal, damit er wusste, was da los war. Nach der Wende konfrontierte er in einem Buch seinen "Freund" von damals und schickte ihm ein Exemplar. Eine Entschuldigung erhielt Stiehl nie. Heute setzt er sich für die Opferarbeit ein. "Ich hatte damals großes Glück", unterstreicht Stiehl nochmal. Doch die meisten politischen Strafgefangenen hätten durch die Haft und die Arbeit dort nicht nur bleibende körperliche und psychische Schäden erlitten. Heute erhalten sie auch nur eine Minirente, weil die meisten anders als Stiehl zu DDR-Zeiten kaum mehr einen Fuß in die Arbeitswelt bekamen. Erst seit 2007 gibt es für sie wenigstens eine Opferrente von maximal 250 Euro.


Seite 2 / 3
Pfeil Pfeil

Kommentare 0 Kommentare


Dokumenten Information
Copyright © Volksstimme 2013
Dokument erstellt am 2012-07-24 04:20:39
Letzte Änderung am 2012-07-24 04:20:39

Volksstimme.de



Newsletter kostenlos abonnieren und keine Nachricht mehr verpassen!


Der Volksstimme.de-Newsletter: Das Wichtigste vom Tage kostenlos per E-Mail. Bitte tragen Sie hier Ihre E-Mail-Adresse ein und klicken anschließend auf "Absenden" (Mit dem Eintragen und Abschicken Ihrer E-Mail-Adresse haben Sie unsere Datenschutzbestimmungen akzeptiert.):
Hier E-Mail-Adresse eintragen

Sicherheitscode



Newsletter abonnieren


Sie vermissen einen Artikel?


Die Volksstimme komplett als E-Paper

Bestellen Sie sich jetzt die tagesaktuelle Ausgabe der Volksstimme bequem als digitales E-Paper für nur 1,00 Euro in unserem Onlinekiosk.

Anzeige

Lokales



Stellenangebote in Sachsen-Anhalt

Stellenanzeigen in der Region Sachsen-Anhalt Sie suchen eine neue Stelle oder einen neuen Job in Sachsen-Anhalt? In unserem Stellenmarkt finden Sie aktuelle Stellenangebote.
Stellenanzeigen in Sachsen-Anhalt finden

Immobilien und Wohnungen
Sachsen-Anhalt

Immobilienanzeigen in der Region Sachsen-Anhalt Ob Wohnungen, Häuser, Grundstücke, Gewerbe - aktuelle Angebote für Sachsen-Anhalt finden Sie im Immobilienmarkt.
Immobilien in Sachsen-Anhalt finden

Fahrzeugangebote in Sachsen-Anhalt

KFZ-Anzeigen in der Region Sachsen-Anhalt Auto, Motorrad, Transporter - suchen Sie ein neues Fahrzeug? In unserem KFZ-Markt für Sachsen-Anhalt finden Sie die aktuellen Angebote.
KFZ-Anzeigen in Sachsen-Anhalt finden

Trauerfälle in Sachsen-Anhalt

Traueranzeigen in der Region Sachsen-Anhalt Traueranzeigen, Danksagungen, Nachrufe und Gedenkanzeigen zu Trauerfällen in Sachsen-Anhalt finden Sie in unserem Trauermarkt.
Traueranzeigen in Sachsen-Anhalt


Meistgeklickt


Ticker: Alles zum Hochwasser
Havelpolderdeich bei Jederitz wird verstärkt

Hinweise an flut2013@volksstimme.deLiebe Leserinnen und Leser... mehr


19.06.2013 00:08 Uhr
  • Kommentar
  • gefallen
  • Kamera

Video: Wasser, Dreck und Zerstörung
In Fischbeck heißt es noch immer an vielen Stellen Land unter. Screenshot: Youtube

Fischbeck / Schönhausen. Mit dem Unimog in das Überflutungsgebiet:... mehr


18.06.2013 19:59 Uhr

Video: Dank an alle Helfer
Wir sagen Danke

Magdeburg. Zwei Wochen lang bestimmte das Hochwasser das Leben in... mehr


18.06.2013 16:28 Uhr
  • gefallen

Die Flut weicht, ein neuer Deich soll her
Das Hochwasser der Elbe staut sich mittlerweile vor der Barriere, die Einsatzkräfte am Wochenende errichtet haben. Nur noch fünf bis zehn Prozent der blau-braunen Brühe fließen durch die Sandsäcke hindurch weiter nach Fischbeck.

Jerichow l Die künstliche Barriere aus Beton, Stahl, Steinen und Sand... mehr


18.06.2013 06:12 Uhr
  • Kamera

SPD-Fraktion will Oberbürgermeister abwählen lassen
Frank
Schiwek

Die SPD des Schönebecker Stadtrates will die vorzeitige Abwahl des... mehr


19.06.2013 00:00 Uhr

Bilder aus Sachsen-Anhalt


Hochwasser aus der Luft
Hochwasser 2013 in Magdeburg: Herrenkrug. Foto: Oliver Schlicht

Magdeburg (ri) l Riesige Flächen sind in den vergangenen Tagen vom Hochwasser in der Region... weiterlesen


18.06.2013 13:15 Uhr
  • Kamera


Leerstehendes Haus in Flammen

Tangermünde (mh). Tangermündes Feuerwehr kämpft derzeit nicht nur gegen das Hochwasser... weiterlesen


16.06.2013 09:43 Uhr
  • Kamera


Spektakuläre Aktion zum Lückenschluss im Fischbecker Deich

Tangermünde/Fischbeck. Die Schiffssprengung im Deich bei Fischbeck ist zu 75 Prozent geglückt... weiterlesen


15.06.2013 12:47 Uhr
  • Kamera


Weitere Bildstrecken

Nachrichten


Inflation zieht wieder an

Halle - Die Inflation in Sachsen-Anhalt zieht wieder an. Die Jahresteuerung lag im Mai bei 1... weiterlesen


19.06.2013 14:32 Uhr


Kirschernte: Kalter Frühling schmälert Ertragsaussichten
Die Obstbauern erwarten weniger Ernteertrag als 2012.

Magdeburg - Die Obstbauern in Sachsen-Anhalt rechnen zum Ernteauftakt für Süßkirschen mit weniger... weiterlesen


19.06.2013 14:07 Uhr


Toter aus der Saale geborgen: Umstände und Identität unklar

Nienburg/Bernburg - In der Saale bei Nienburg (Salzlandkreis) ist am Mittwochmorgen ein Toter... weiterlesen


19.06.2013 14:02 Uhr


Hochwasser: Unternehmen will Landwirten bei Pacht Aufschub gewähren

Berlin - Die bundeseigene Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) will ihre vom Hochwasser... weiterlesen


19.06.2013 13:20 Uhr


Kultusminister: Beim Abitur künftig gemeinsam vorgehen
Minister wollen über Bildungsstandards konferieren.

Berlin/Wittenberg - Die Kultusminister der 16 Bundesländer streben beim Abitur mehr Gemeinsamkeiten... weiterlesen


19.06.2013 13:18 Uhr


weitere Nachrichten

Kommentar


Gerald Semkat zum Besuch von US-Präsident Obama: Drei Präsidenten, drei Reden
Gerald Semkat zum Besuch von US-Präsident Obama

Barack Obama ist in Berlin und hält heute am Brandenburger Tor eine Rede - fast 50 Jahre nachdem... mehr


19.06.2013 00:00 Uhr

Thomas Juschus zu den Demos rund um den Confed-Cup: Noch kein Grund zur Unruhe
Thomas Juschus

Eigentlich wollte sich Brasilien von seiner schönsten Seite zeigen. Der Confed-Cup sollte beste... mehr


19.06.2013 00:00 Uhr

Peter Wendt zur Syrien-Erklärung des G-8-Gipfels: Unterschiede bleiben
Peter Wendt zur Syrien-Erklärung des G-8-Gipfels

Der Syrienkonflikt hat den G-8-Gipfel im nord-irischen Enniskillen klar dominiert... mehr


19.06.2013 00:00 Uhr


Weitere Kommentare

Facebook



Nutzerlogin

Loggen Sie sich auf Volksstimme.de ein, um

- kostenlos den Volksstimme.de-Newsletter zu abonnieren
- Artikel auf Volksstimme.de zu kommentieren
- Ihre eigene Startseite (Nachrichtenbereich) zu gestalten

Sind Sie noch kein Nutzer auf Volksstimme.de? Dann registrieren Sie sich doch einfach und kostenlos!

Für die Anmeldung müssen Cookies in Ihrem Browser aktiviert sein.
Wichtiger Hinweis für Volksstimme.digital-Nutzer: Bitte nutzen Sie diesen Link oder klicken Sie auf E-Paper Login in der oberen Navigation

Benutzername: Passwort:

Jetzt anmelden Passwort vergessen