Vor 80 Jahren arbeitete Martha Muchow in Hamburg an der Studie "Der Lebensraum des Großstadtkindes". Ihre Ergebnisse waren Grundlage für eine Fachtagung mit Experten aus ganz Deutschland am Hochschulstandort Stendal.

Stendal l "Unser Anliegen ist zu fragen, wie heutige Kindheitsforschung sich umsetzen lässt, die die ,Perspektive der Kinder\' ernst nimmt und gleichzeitig darum weiß, dass erwachsene Forschende niemals die Welt mit den Augen der Kinder werden sehen können." Ausgerichtet wurde die Tagung als gemeinsame Veranstaltung vom Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften, dem in Gründung befindlichen Kompetenzzentrum Frühe Bildung und dem Verein Kinderstärken.

Die erste Referentin Dr. Imbke Behnken aus Siegen erzählte die Geschichte der Studie, die lange Zeit "vergessen" wurde, auch wegen der Nazi-Zeit in Deutschland und deren Nichtaufarbeitung bis in die 60er Jahre hinein. Seit der Wiederentdeckung der Studie in den späten 70er Jahren gilt diese Untersuchung als wichtiger Meilenstein der Kindheitsforschung. Die Zuhörenden erhielten so nebenbei einen Einblick in Wissenschaftsgeschichte.

Beatrice Hungerland, Professorin für Kindheitssoziologie in Stendal, nutzte das in der Studie von Muchow vorgetragene Verständnis von "Kind als Akteur" und machte deutlich, dass dieses für die Kindheitswissenschaften zentrale Konzept zu relativieren ist und Kinder immer in Bezug auf die Machtverhältnisse der Erwachsenenwelt zu denken sind. Das Forscherehepaar Prof. Peter Faulstich und Prof. Hannelore Faulstich-Wieland aus Hamburg, die erst jüngst eine wissenschaftliche Ausstellung zu Martha Muchow gestaltet haben, gaben in ihrem theoretisch gehaltenen Vortrag ein Verständnis für die Bezogenheit von Kind und Welt.

Der Organisator der Veranstaltung Prof. Mey selbst stellte heraus, welche Methoden besonders helfen, Kinder und ihre Lebenswelt umfassend zu erforschen, wenn das Vorgehen von Martha Muchow ernst genommen und mit heutigem Methodenwissen weiter entwickelt wird.

Aus Frankfurt angereist war Prof. Gerold Scholz, der auch Vorstand der 2010 gegründeten Martha Muchow-Stiftung ist. Er widmete sich der Frage, wie Kinder in "pädagogischen Räumen" handeln und diese "umgestalten" können. Zum Schluss machte Prof. Kristin Westphal aus Koblenz auf die veränderte Lebenswelt der Kinder aufmerksam, denn heute sei anzuerkennen, dass wir weniger über die Straßenkindheit zur Zeit von Muchow als über Medienkindheit reden müssen, die den Kindern vielfältige Erfahrungsmöglichkeiten biete.

"An einem Tag so viele der renommierten Forschenden zu sehen und zu hören, die Sie sonst nur aus Büchern kennen, gibt einen Einblick in wissenschaftliche Diskussionen und lässt Wissenschaft lebendig werden", sagte der Organisator sichtlich zufrieden.