Die ungewöhnlich hohe und lang anhaltende Schneedecke in den vergangenen Wochen hat für viele Menschen, vor allem Berufstätige, Erschwernisse gebracht. Volksstimme-Volontärin Arlette Krickau hat eine Nacht den Volksstimme-Zusteller Bernd Hamel in Schönebeck begleitet. Er bringt wie viele andere Zusteller trotz hoher Schneeberge jeden Tag pünktlich die Tageszeitung. Ein Dank für den nicht immer leichten Dienst.

Schönebeck. Es ist ein Uhr, mitten in der Nacht, als mein Wecker klingelt. Um 20. 30 Uhr hatte ich versucht, in den Schlaf zu kommen. Wohl wissend, dass ich mitten in der Nacht aufstehen muss. Um 2. 30 Uhr bin ich mit Bernd Hamel, Zusteller der Volksstimme, verabredet, um ihn bei seiner morgendlichen Tour zu begleiten.

Also Zähne zusammengebissen und aufgestanden. Gut gelaunt, da ich mich auf der Fahrt nach Schönebeck über keinen Autofahrer vor mir aufregen muss, da die Straßen allein mir zu gehören scheinen, und ein wenig müde, treffe ich den 56-Jährigen am Sammelpunkt in der Wilhelm-Hellge- Straße.

Mit schwarzer Mütze, in Jeans und beigem Parka tritt er mir putzmunter entgegen und begrüßt mich mit einem Lächeln. Aufgehalten wird sich nicht lange, schließlich möchten die Zeitungen bis spätestens 6 Uhr in den Briefkästen sein. Ein paar nimmt er gleich unter den Arm und sagt : " Die steck’ ich schon einmal rasch rein, dann kann ich nachher gleich nach Hause und muss nicht noch einmal zurück. "

Raus aus der Tür muss ich mich erst einmal kurz an den zackigen Schritt gewöhnen – nichts mit Bummeln – hier wird zügig ein Briefkasten nach dem anderen abgearbeitet.

Zeitungen austragen ist mit Tücken behaftet

Ich habe Glück. Meine Befürchtungen, einen Morgenmuffel zu begleiten, lösen sich in Schall und Rauch auf. Ich bekomme von Briefkasten zu Briefkasten einen Einblick in eine neue Facette der Volksstimme, kenne damit nicht " nur " die Sichtweise der Redaktion.

Und Zeitungen auszutragen, ist mit Tücken behaftet. " Manchmal ist dieser Briefkasten hinten nicht richtig geschlossen, dann fällt die Zeitung hinten raus. Ich würde sie dann gern wieder aufheben, doch der Zaun macht das unmöglich ", deutet Hamel auf den Briefkasten, der auf einem völlig eingezäunten Grundstück steht. Der Zaun ist so feingliedrig, dass selbst Kinderhände nicht durchfassen können.

Ich nicke mal wieder und erinnere mich an den Anrufe eines Abonnenten, der seine Zeitung nass erhalten hatte. Jetzt verstehe ich, warum das manchmal so ist.

Wir sind wieder beim Stützpunkt und Bernd Hamel packt die restlichen Zeitungsrollen in die Taschen seines Wagens. Die Standardrollen haben zwischen 25 und 80 Zeitungen. Die kleineren Rollen, sogenannte Spitzen, ergänzen die Standardrolle, um auf die benötigte Anzahl pro Bezirk zu kommen.

Zu den Zeitungen, die Hamel Montag bis Sonnabend verteilt, kommen dann noch Briefe der Biber Post, die er im Anschluss an seine Zeitungstour zu Hause bei einer Tasse Kaffee und einem Toast vorsortiert, ehe er dann eine neue Tour antritt.

Der Wagen ist gepackt – es geht los. Hamel legt einen Schritt vor, bei dem ich Mühe habe, mitzuhalten. Wir biegen in das " Malzmühlenfeld " ein. Der Schnee ist an manchen Stellen so hoch, das der Wagen zum Schneeschieber wird.

Hamel winkt ab, er hat den Dreh mittlerweile raus : Er wendet den Wagen und zieht ihn. " Ach, das ist doch fast gar nichts mehr. Jetzt geht es doch schon. Da hätten Sie mal dabei sein müssen, als hier noch nichts geräumt war. Bis Montag war es noch wirklich mühselig, da hab ich den Wagen manchmal gar nicht mehr bewegt bekommen ", erzählt er, während er schon die ersten Zeitungen in die Kästen steckt.

Vor den Blöcken ist der Weg gut geräumt. Ich beschließe, den Wagen zu schieben und bekomme prompt ein dankendes Lob. " Mensch, Sie sind ja ein Engel. " Ich freue mich und schaue ihm nach, wie er zielstrebig zu den Eingängen läuft.

Schön, dass die Gehwege geräumt sind, denke ich mir mit leicht sarkastischem Unterton, als ich sehe, dass die Briefkästen an den Seiten der Eingänge sind. Dorthin hat sich noch nie ein Schneeschieber verirrt und Hamel steht etwa 30 Zentimeter tief im Schnee.

" Ja, es wäre schön, wenn beim Schneeschieben und Streuen auch an uns Zusteller gedacht werden könnte ", kommentiert er, stapft wieder raus, kommt zum Wagen und schnappt sich die nächsten Zeitungen. " Und meine Lesebrille werde ich jetzt auch mal aufsetzen. Man kennt ja seine Briefkästen, aber eine kurze Kontrolle ist immer besser. Vor allem, wenn wir uns noch unterhalten ", meint er lächelnd und ist auch schon wieder bei den nächsten Kästen.

Hamel kennt seine Route inund auswendig. Er hat immer die richtige Zahl an Zeitungen in der Hand, weiß bei jedem Eingang, ob die Zeitungen quer oder längs gefaltet in die Kästen passen. Die Zeitungen werden mit System im Kasten versenkt. Erst alle reinstecken und noch einen kleinen Teil rausluken lassen und dann, mit konzentriertem Blick durch die Brille, den Namen noch mal kontrollieren, um dann die Zeitung vollständig in den Kasten zu schubsen.

Das Lesen der Namen gestaltet sich hier und da schwierig, wenn die Hausbeleuchtung fehlt und es morgens um 3. 30 Uhr draußen noch stockdunkel ist.

Seit zehn Jahren die eigene Route

Während ich versuche, den Wagen über die Straße zu bringen und Hamel helfend eingreift, erzählt er, dass er bereits seit zehn Jahren dabei ist. " Angefangen habe ich als Springer. Urlaubs- und Krankenvertretung. Das ist aber mühselig, weil man die ganze Zeit mit einem Zettel mit allen Abonnenten in der Hand die Zeitungen austrägt. Und wenn man dann die Route kennt, kommt eine neue. Ich bekam dann sehr schnell meine feste eigene Route. Und die laufe ich nun schon seit etwa zehn Jahren jeden Morgen. "

Der nächste große Einsatz ist in der Johannes-R .-Becher- Straße. Er kramt einen " Spickzettel " heraus. Ab und an hat er mal so einen Zettel dabei, auf dem vermerkt ist, wenn beispielsweise ein Abonnent mal eine Urlaubspause macht oder ein Neuzugang ist. " Aber nach zwei, drei Tagen muss ich nicht mehr nachschauen ", meint er.

Ich frage, was er an seinem Job mag. " Morgens die Ruhe. Und den Sommer. Da sind die Temperaturen angenehm und es ist hell. Und dass ich fit bleibe und nicht einroste, finde ich gut ", ist seine Antwort. Das kann ich gut verstehen. Vor allem das mit den Temperaturen, denn der Wind zieht teils ganz schön und ist schneidend kalt.

Hamel trägt wie ich keine Handschuhe. " Geht gar nicht ", meint er, denn dann könne man die Zeitungen nicht mehr richtig greifen und falten. Ich bewundere ihn, denn meine Hände brennen, wenn ich zu lange mitschreibe oder ein kleines Stück den Wagen an seinem eiskalten Griff schiebe.

Zwischen den Wohnblöcken fällt mir auf, dass wohl ganz Schönebeck immer noch schläft. Nichts und niemand ist auf den Straßen. Ich hätte, ganz allein um diese Zeit, bei dieser Dunkelheit etwas Angst. Doch Hamel schüttelt den Kopf. " Nee, Angst hab ich nicht. Nur am Wochenende, wenn die Jugendlichen von der Disco gerade nach Hause kommen und sie angetrunken sind, ist mir ein wenig unwohl. Dann pöbeln sie manchmal oder laufen ein Stück hinter mir her. "

" Jetzt kommen wieder die Einfamilienhäuser. Da geht es immer Treppe hoch, Treppe runter ", kündigt er an, als wir wieder auf die Wilhelm-Hellge-Straße einbiegen. Und wirklich, fast jeder Eingang hat Stufen. Auch wenn die Wege halbwegs geräumt sind, die Treppen sind oft vereist und spiegelglatt. " Es ist ja nicht nur jetzt im Winter rutschig. Bei gefliesten Treppen reicht schon ein wenig Regen. Da ist es immer ganz schön, wenn manche einen Scheuerlappen auf den Stufen liegen haben ", erklärt er, während er die nächsten Stufen sportlich nimmt.

Ab und an kleine Aufmerksamkeiten

Wir kommen an die Ecke Wilhelm-Hellge-Straße / Stadionstraße. Ein Blick auf die Uhr verrät : Es ist genau vier Uhr. " Jetzt haben wir die Frohser Tour hinter uns ", kommentiert der gelernte Maler. Die Route durch seine Bezirke hat er sich selbst ausgetüftelt. Möglichst wenig Leerfahrten ist die Priorität. Und in Gedanken teilt er sich seine Tour in seine drei eigenen Routen ein.

Immer von Ampel zu Ampel gedacht, gibt es die Salzer Tour, die Mittel- und die Frohser Tour. Und nach dem Erfahrungsschatz des Zustellers liegen wir gut in der Zeit. Was ich mir gar nicht vorstellen kann, weil ich das Gefühl habe, zu langsam zu gehen und ihn zu bremsen.

Ich frage ihn, ob er auch mal die Leute trifft, denen er die Zeitung und Post liefert. " Na eigentlich schlafen ja die meisten um diese Zeit. Aber wenn ich Post ausliefere, da sieht man doch schon mal wen und redet kurz miteinander. Schön finde ich es, wenn die Leute, auch wenn sie mich vielleicht nicht kennen, meine Arbeit schätzen. Zur Weihnachtszeit merkt man, wer weiß, wie anstrengend der Job sein kann. Da bekomme ich kleine Aufmerksamkeiten, zwar von wenigen, aber ich konnte mich schon über Kaffee, eine Flasche Wein, einen Stollen oder kleine Trinkgelder zur Weihnachtszeit freuen. "

Das wiederum freut mich und ich überlege mir, demnächst auch meinem Zusteller etwas zukommen zu lassen. Angesichts der Tatsache, dass vor unserem Haus auch nicht optimal geräumt ist, und ich jetzt weiß, wie schwer so ein Zeitungswagen im Schnee zu schieben ist.

Es ist 4. 45 Uhr, als wir vor dem letzten Briefkasten Halt machen. Bernd Hamel biegt jetzt zu seiner Wohnung ab, wo er mit seiner Frau einen Kaffee trinkt und Post sortiert. Wir verabschieden uns.

In Gedanken ziehe ich mein Fazit : Bernd Hamel, stellvertretend für alle Zusteller der Volksstimme, ist bei Wind, Regen, und auch diesen zurzeit schwierigen Verhältnissen von Schnee und Kälte, jeden Tag aufs Neue unterwegs, um den meisten von uns ein angenehmes Frühstück mit der aktuellen Volksstimme zu ermöglichen. Er macht einen Wahnsinnsjob, der oftmals nicht beachtet wird, weil Bernd Hamel wie die Heinzelmännchen seine Arbeit unbeobachtet in der Nacht erledigt. Was sich mit dieser Reportage ändern sollte.