Nach friedlicher Revolution und Mauerfall stand auch Sachsen-Anhalts Wirtschaft vor einem historischen Neustart. Unter Wettbewerbsbedingungen mussten sich Unternehmensleitungen und Belegschaften den Weg in einen globalen Markt bahnen. Gefragt waren Geschäftsideen, Beharrlichkeit und Kreativität. Nur so konnte die heimische Wirtschaft den Weg in die Zukunft finden.

20 Jahre danach fällt die Bilanz – bei allem, was noch zu tun bleibt – eindeutig positiv aus. Dies gilt insbesondere für Sachsen-Anhalt, das aufgrund der Vielzahl nicht wettbewerbsfähiger Industriekombinate vom wirtschaftlichen Umbruch am stärksten betroffen war. Besonders anschaulich wird die historische Herausforderung am drastischen Rückgang der Industriebeschäftigten. 1991 waren es noch 350000 ; acht Jahre später, 1999, nur noch 103000 – also weniger als ein Drittel.

Zu DDR-Zeiten dominierten in unserer Region Chemie und Maschinenbau. In beiden Branchen gab es nach der Wende die größten Einbrüche, die stärksten Arbeitsplatzverluste. Damit trat Sachsen-Anhalt das wirtschaftlich schwerste Erbe aller neuen Bundesländer an. Inzwischen sind Milliarden in die Chemie geflossen, Sachsen-Anhalt ist heute der modernste Standort bundesweit. Mit mehr als 20000 Beschäftigten ist die Chemie der zweitgrößte Industriearbeitgeber im Land und eines der wichtigsten Standbeine der wirtschaftlichen Entwicklung.

Auch der Maschinenbau bestimmte vor der Wende ganze Regionen. Insbesondere den Raum Magdeburg prägte er mit hohen Beschäftigtenzahlen und vielen Zuliefererbetrieben. Die ineffizienten Kombinatsstrukturen der hiesigen Betriebe, harte Konkurrenz aus den alten Ländern, dazu das Wegbrechen der Märkte in Mittelund Osteuropa führten zum Zusammenbruch dieser wichtigen Branche. Die Folge : Zehn Jahre nach der Wende war nur noch jeder Zehnte einstmals im heimischen Maschinenbau Beschäftigte in dieser Branche tätig. Der Umsatz halbierte sich nahezu, der Auslandsumsatz reduzierte sich um zwei Drittel. Heute gehört der Maschinenbau mit aktuell rund 11300 Beschäftigten wieder zu den " Top 5 " in der Industriestruktur unseres Landes. Eine Branche, die nach der Wende in die Bedeutungslosigkeit zu versinken drohte, hat zu alter Stärke zurückgefunden.

Erfolgsgeschichten schreiben auch viele Unternehmen der Ernährungswirtschaft. Ob Halberstädter Würstchen, Hasseröder Bier oder Burger Knäcke – Produkte aus Sachsen-Anhalt haben längst die Regale des Einzelhandels erobert. Und mit der Rotkäppchen-Sektkellerei haben wir heute eine heimische Firma, die westdeutsche Wettbewerber aufkauft.

Der langwierige industrielle Neuaufbau trägt Früchte. Heute sind rund 130 000 Menschen in der Industrie beschäftigt. Ihr Gesamtumsatz hat sich bis 2008 im Vergleich zu 1991 nahezu vervierfacht. Dabei stehen die Erfolge in Chemie, Maschinenbau sowie Ernährungswirtschaft stellvertretend für viele andere Branchen im Land.

So lässt sich der Aufschwung der gesamten Wirtschaft mit Zahlen eindrucksvoll belegen. Sachsen-Anhalts Bruttoinlandsprodukt war im Jahr 2008 zweieinhalbmal so hoch wie noch 1991. Die Arbeitsproduktivität hat sich im gleichen Zeitraum mehr als verdreifacht. Besonders eindrucksvoll ist die Entwicklung beim Export, der nach der Wiedervereinigung mit dem Wegfall alter Absatzmärkte deutlich einbrach. So haben sich die Exporterlöse seit dem Tiefpunkt im Jahr 1993 mehr als versechsfacht und lagen 2008 bei 12, 8 Milliarden Euro.

Der historische Umbruch schlug sich besonders auf dem Arbeitsmarkt nieder. Die Zahl der arbeitslosen Sachsen-Anhalter nahm in den Jahren nach der Wiedervereinigung sprunghaft zu – trotz einer Vielzahl arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen. Ihren traurigen Höhepunkt fand die Arbeitslosigkeit zwischen Mitte und Ende der 1990 er Jahre. In den Jahren 1997 bis 2000 waren im Jahresdurchschnitt jeweils mehr als 270 000 Personen arbeitslos gemeldet – dies bedeutete Arbeitslosenquoten von mehr als 20 Prozent.

Erst ab 2006 kam es, auch bedingt durch konjunkturelle Sondereinflüsse, zu einem spürbaren Rückgang der Arbeitslosigkeit. Aktuell werden trotz der Auswirkungen der globalen Finanzmarktkrise Monat für Monat Arbeitslosenquoten vermeldet, wie wir sie seit 1991 nicht mehr hatten. Auch dies ist ein Zeichen dafür, dass die hiesige Wirtschaft in den vergangenen Jahren zu neuer Stärke gefunden hat.

Hinter den nackten Zahlen verbirgt sich eine der größten Aufbauleistungen in der deutschen Geschichte. Beide, Westwie Ostdeutsche, haben Enormes geleistet. Ohne Milliardentransfers aus dem Westen wäre der wirtschaftliche Aufschwung in den neuen Ländern nicht möglich gewesen.

Der 20. Jahrestag des Mauerfalls ist ein guter Anlass, auf das Geleistete zurückzublicken. Die Aufbauleistungen der Wirtschaft sind zweifelsohne eine Erfolgsgeschichte. Mit der Gewissheit im Rücken, den schwierigen Transformationsprozess gemeistert zu haben, können wir zuversichtlich neue Herausforderungen annehmen. Denn Wirtschaft, das hat uns schon der Vater der Sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard, ins Stammbuch geschrieben, ist zu 50 Prozent Psychologie.