" Ich bin ein Einheitsgewinner ", sagt Michael Kempchen, 1958 in Tangerhütte geboren. Das Puppentheater Magdeburg sieht er ebenfalls als Einheitsgewinner, obwohl das Haus nach dem Mauerfall 1989 in arge Existenznöte geraten war. Wer nicht kämpft, der hat schon verloren, meint er. " Man muss selbst etwas aus seinem Leben machen. " Die vergangenen 20 Jahre hätten ihn abgehärtet, selbstsicherer gemacht.

Wie wird ein studierter Ökonom Theaterintendant ? Michael Kempchen lacht. Auf Umwegen. Das hat sich so ergeben. POS, EOS, Armee, Wirtschaftsstudium in Görlitz, ab 1982 Leitung eines Textilkaufhauses in Tangerhütte. In der Schulzeit habe er schon Amateurtheater gespielt, aber nicht genug Selbstvertrauen gehabt. Eigentlich wollte er in die große weite Welt hinaus, raus aus dem kleinen Tangerhütte. Und landete in Magdeburg.

Das war 1984. Da kam er über Kontakte ins Kabarett " zwanglos ", schnupperte Theaterluft, absolvierte parallel eine Schauspielausbildung. Alles abends, denn tagsüber arbeitete er noch im Textilkaufhaus Tangerhütte. Kempchen pendelte mit dem Zug.

1984 kam dann das Angebot von Regisseurin Elke Schneider, seiner Lehrmeisterin und damals noch Intendantin des Puppentheaters : Michael Kempchen wurde im Haus Verwaltungsdirektor. Abends hat er weiter Kabarett gespielt.

Wie hat er die letzten Jahre der DDR erlebt ? " In Resignation. Überall war Stillstand zu spüren. Geistige Enge. Aber wie da rauskommen ?" Wie so viele DDR-Bürger suchte er sich seine Nische. Machte weiter Theater und verbreitete mit seinen Leuten Botschaften " zwischen den Zeilen ". Das Publikum hatte dafür einen sehr feinen Nerv entwickelt.

" Es waren nicht alle Widerstandskämpfer. " Die Reisen ins westliche Ausland habe er zu dieser Zeit kaum vermisst. " Ich hatte ja nicht mal alle Ostblockländer durch. Vielmehr fehlten mir der freie Meinungsaustausch und die Pressefreiheit. Als geistige Nahrung, als Inspiration. "

Als der 40. Geburtstag der DDR anstand, war eigens eine Revue geplant. Der Titel : " Seid lustig, verdammt noch mal !" Zur Generalprobe seien Magdeburger Funktionäre erschienen, die dann empört das Haus verließen. Einer schimpfte : " Das wird Folgen haben. " Ja, aber ganz andere, als er dachte. Im Wendeherbst 1989, am Vorabend des 40. Jahrestages der DDR. Auch Michael Kempchen ging auf die Straßen demonstrieren : für eine reformierte DDR.

Die Berliner Maueröffnung hat Michael Kempchen nicht so richtig mitgekriegt. Die Pressekonferenz mit SED-Politbüromitglied Günter Schabowski am Abend eh nicht, dann aber die Nachricht gehört, dass man über die DDR-Grenze in den Westen ausreisen könne. " Ich habe doch da nicht gedacht, dass die Mauer fällt. " Und so ist er ins Bett gegangen.

Erst am folgenden Tag hat er die ganze Tragweite erfasst. Im Theater wurde nicht gearbeitet, sondern diskutiert. Als er mit Kollegen zum Mittagessen auf die Straße ging, waren die ersten Magdeburger zurück. Aus dem Westen, aus Braunschweig. Michael Kempchen " bekam eine Gänsehaut, dachte, das sei nicht real. Ich bin im falschen Film. "

War er aber nicht. Nur sprachlos. Innerlich zerrissen. Er wusste, ein Volk kann man nicht auf Dauer trennen, aber er wollte eigentlich eine bessere DDR. Später eine Vereinigung. Ja, dann aber auf gleicher Augenhöhe. Nur nicht so schnell, nicht so übereilt. Doch die Forderung der DDR-Demonstranten auf den Straßen wurde immer lauter : " Wir sind ein Volk. "

In den alten Ländern gab es so etwas nicht

" Ich bin kein Hellseher ", sagt Michael Kempchen. Trotzdem schildert er ein für ihn entscheidendes Ereignis : " Am Tag, als die D-Mark eingeführt wurde, war ich gegen Mitternacht auf dem Berliner Alexanderplatz. Vor der Sparkasse warteten Massen auf das Westgeld und jubelten. Aber irgendwie hatte ich das mulmige Gefühl, das dicke Ende kommt noch. Werden diejenigen auch jubeln, wenn die ersten Jobs wegfallen ? Gebratene Täubchen fliegen nun mal nicht einfach ins Maul. "

Michael Kempchens Vater stammt aus dem Ruhrgebiet, lebte aber in der DDR. Seine Verwandtschaft kam oft zu Besuch. Als Kind hörte der Junior oft : " Unser Leben ist nicht so, wie es im Werbefernsehen dargestellt wird. Es ist schwer, seinen Platz in der Gesellschaft zu behaupten. " Aussagen, die er sich eingeprägt hat. Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Nach dem Mauerfall begann für Michael Kempchen und seine Mitstreiter eine harte Zeit. Ihr städtisches Puppentheaterensemble schien so gar nicht in die Theaterlandschaft des vereinigten Deutschlands zu passen. In den alten Ländern gab es so etwas nicht. " Ich habe kämpfen gelernt, argumentieren, überzeugen. "

1991 wagten sich die Magdeburger sogar an die Ausrichtung einer internationalen Puppentheaterwoche. 2000 folgte die Ausrichtung des Weltkongresses der Puppenspieler. Jährlich kommen 45 000 Besucher in die Magdeburger Spielstätten und sorgen damit für einen deutschlandweiten Spitzenplatz in puncto Auslastung. Bis 2012 entsteht hier ein mitteldeutsches Figurentheaterzentrum. " Wir haben Einladungen aus der ganzen Welt ", schwärmt der Intendant. Ja, gerade war das Puppentheater in Nashville. Auch deshalb ist es ein Einheitsgewinner.