Heinrich Sonsalla kennt in Magdeburg jeder, leitet er doch seit 1995 die WOBAU, mit 24 230 Wohnungen, 539 Gewerbeeinheiten und den etwa 200 Mitarbeitern die größte Wohnungsbaugesellschaft in Sachsen-Anhalt. Stadtumbau ist sein Metier. Mit umfangreichen Bauund Sanierungsmaßnahmen in der Stadtmitte und den Wohnquartieren hat er von sich reden gemacht. Und er selbst, wer steckt hinter dem Namen Heinrich Sonsalla ? Was bewegt ihn, der aus der Bürgerrechtsbewegung der DDR gekommen ist, jetzt im 20. Jahr des Mauerfalls ?

Der Wendeherbst 1989 war für ihn der " Übergang von der Nische in die Gesellschaft, zwangsläufig und heilsam. Ich fühlte mich in der DDR drangsaliert, bevormundet ja, aber ich ließ mich nicht unterkriegen. Meine Würde habe ich mir bewahrt ", sagt der 59-Jährige heute. Klingt nach Opferrolle ? Nein, wehrt er ab : " Ich will in keiner Opferrolle sein. "

" Schluss mit unseren Ängsten "

Immer wieder angeeckt, ausspioniert, hat er da nie daran gedacht, die DDR zu verlassen ? " Ich habe mit 23 meine Edeltraut geheiratet, die sich wie ich kirchlich engagierte. Dann kamen unsere drei Kinder. Wir wollten hier etwas verändern, haben uns für die Bürgerrechte eingesetzt. Hier war, hier ist unser Zuhause. "

Aber diese Aussagen findet Heinrich Sonsalla ziemlich privat. " Und das soll es auch bleiben !" Googelt man im Internet unter " Heinrich Sonsalla " und " Magdeburg ", dann bekommt man schon den Eindruck, dass er mitmischt. Klar, zuerst erscheinen die Websites über die WOBAU. Auch MSV 90 Preussen, dessen Gründungspräsident er 1997 war. Dann Aufsichtsrat des SCM ...

Heinrich Sonsalla winkt ab. " Ja, ja, ich bin auch heute noch engagiert. Wie meine Frau. Wir unterstützen Projekte für Straßenkinder in Nowosibirsk und Petersburg. Er nickt freundlich und schweigt. Minuten später schiebt er nach : " Die Wende ermöglichte es mir, meine Begabung, meine Talente, meine Kraft einzusetzen, was nicht allen vergönnt war. " Seine Chance habe er genutzt und dafür sage er mit seinem sozialen Engagement Danke. Punkt. Aus. Wieder Schweigen.

Aber im Internet finden sich auch Berichte über die Kirchentage 1973 auf dem Petersberg bei Halle. Teilnehmer werden aufgelistet, darunter Heinrich Sonsalla. Lieder von Biermann wurden gesungen. Und welche mit Kästner-Texten. Mit dieser Angelegenheit hat sich dann gar das Politbüro beschäftigt, wie sich später in den Stasi-Unterlagen nachlesen lässt. Heinrich Sonsalla nickt : " Das ist lange her. " Gitarre, Flöte und Mundharmonika habe er damals gespielt.

Nicht über die Dunkelheit klagen ...

Wie hat er den 9. November 1989 erlebt ?

An jenem Tag schaltete er zwischen dem Westfernsehen und der Aktuellen Kamera immer hin und her. War das wirklich wahr, was da vermeldet wurde, die Mauer offen ? " Das war eine Eruption. Ein Ausbruch der Gefühle. Von nun an sollte Schluss sein mit dieser Verlogenheit, mit unseren Ängsten !" Zwei Wochen später fuhr Heinrich Sonsalla nach Berlin zur Glienicker Brücke, auf der bis dato die vom Westen freigekauften politischen Gefangenen der DDR übergeben wurden.

Viel wichtiger war für den Wahl-Magdeburger der 9. Oktober 1989, als die Menschen das erste Mal raus auf die Straßen drängten, ihren Protesten eine Stimme verliehen, der Angst trotzten, niedergeknüppelt oder gar erschossen zu werden. Heinrich Sonsalla war im Bürgerkomitee. Schlimmer als die fehlende Reue von Tätern empfand er die Lebensgeschichten der Opfer. Wie zum Beispiel die einer Mutter : Sie war aus dem Schrebergarten geholt und verhaftet worden, weil ein Fluchtplan vom Frühjahr 1989 aufgeflogen war. In Stasi-Haft am Moritzplatz wurden ihr Aufnahmen von weinenden Kindern vorgespielt. Wieder und wieder. Das widert Sonsalla jetzt noch an.

Wie sieht er die DDR heute ? " Ein Kunstgebilde, das sich in seinen eigenen immanenten Widersprüchen erledigt hat. "

Nun mittendrin in seinen Erinnerungen beginnt er zu erzählen, gibt stichpunktartig Lebensdaten von sich preis. In Wegeleben geboren, seit 1978 Magdeburger, Kfz-Schlosser gelernt, zwei Jahre auf Montage, weil er weder auf die Erweiterte Oberschule noch zur Universität durfte. " Ich hatte den Wehrdienst verweigert. "

Mutige Kirchenleute im Harz haben Heinrich Sonsalla politisiert. Den Einmarsch in die CSSR 1968 hat er offen abgelehnt. 1972 durfte er dann auf eine kirchliche Fachschule in Magdeburg, studierte Sozialpädagogik. 1976 der erfolgreiche Abschluss - später das Angebot, diese Schule, das Seminar für den kirchlich-karitativen Dienst, zu führen. Das hat er gemacht bis 1990.

Er hätte dann in Berlin eine Professur annehmen können. Aber der Runde Tisch in Magdeburg wollte ihn fürs Sozialamt haben, das er aufbauen sollte. Dafür hat er sich entschieden. Daneben noch aktiv in der Katholischen Koordinierungsgruppe, im Demokratischen Aufbau ... " Eine aufregende Zeit. "

Das Motto von Heinrich Sonsalla, damals wie heute : Man muss nicht über Dunkelheit klagen, sondern eine Kerze anzünden. Man kann es auch wie Kennedy formulieren : Frag nicht, was dein Land für dich tut, sondern tue was für dein Land !