Es war die Nacht der Nächte. Es war ein Moment gewaltiger Freude. Denn Andrea Niessner, Lehrerin aus Burgstall im Bördekreis, wurde von einem gesunden Mädchen entbunden. Genau in der Nacht, als rundherum gerade das Ende der DDR seinen Anfang nahm.

Magdeburg. Früh nach Mitternacht am 10. November in der Magdeburger Landesfrauenklinik war die Geburt von Ann-Kathrin – so heißt die Kleine, die heute 19 Jahre jung ist – die vermutlich erste Geburt in Magdeburg nach dem Mauerfall. Mutter Andrea hat eine ungewöhnliche Nacht erlebt, wie sie so nie in Vergessenheit geraten wird.

Als erprobte werdende Mutter – acht Jahre zuvor hatte bereits Söhnchen Kay das Licht der Welt erblickt – fand sich die Lehrerin bereits am 7. November bei der Magdeburger Schwiegermutter Inge ein. Dort wurde ihr eine Hälfte des Doppelbetts überlassen, da vom 36 Kilometer entfernten Burgstall ohne eigenen Pkw ein Herankommen an den Magdeburger Kreißsaal nur sehr schwer pünktlich möglich war. Als dann am 9. November nachmittags die ersten Wehen einsetzten, machte sich Andrea mit der Straßenbahn auf in die Klinik – und wurde dort erst einmal wieder zurück aufs Doppelbett von Inge geschickt. " Bleiben Sie mal schön ruhig, das dauert noch ", wurde ihr gesagt, erinnert sich Andrea Niessner.

Nun gut, da kann man ja noch ein bisschen Fernsehen schauen. 20 Uhr, Tagesschau. Liveberichte aus Berlin. Reporter an der Mauer. Auch im Land, so schien es, hatten die Wehen eingesetzt. Bei Andrea kamen dieselben nun doch aber immer häufiger. Um 20. 15 Uhr, nach dem Wetterbericht, marschierte Andrea – man kann es heute kaum glauben – wieder zur Straßenbahnhaltestelle. So war das halt in der DDR ohne Auto und mit Ehemann in Burgstall.

Aufnahme im Krankenhaus. Letzte Vorbereitungen für die Geburt im Kreißsaal. Aber so richtig im Mittelpunkt fühlten sich Andrea und die drei anderen Frauen dort nicht. " Die Schwestern tuschelten, schienen irgendwie abwesend ", erinnert sich die Burgstallerin. Und die Schwestern wurden immer aufgeregter. Was eindeutig nicht an Ann-Kathrin lag. Denn das Baby kam nach zwei Stunden gesund, munter und völlig komplikationsfrei zur Welt. " Nein, sie hat nicht mit einem schwarz-rot-goldenen Fähnchen gewinkt ", verneint Andrea lachend die nicht ganz ernst gemeinte Frage.

Genau 2. 30 Uhr kam die kleine Ann-Kathrin zur Welt. Ob sie tatsächlich die erste Geburt dieses 10. November 1989 in Magdeburg war, weiß Mutter Andrea mit Bestimmtheit nicht. " Aber mit Sicherheit eine der ersten. " Um fünf Uhr wurde sie bereits wieder geweckt. Die erste Spritze, dann wischte eine Putzfrau durchs Zimmer. Und die hatte ganz erstaunliche Neuigkeiten : " Habt ihr schon gehört : Die Grenze ist offen !" Auch wenn Andrea an diesem frühen Morgen vor allem ihre Tochter im Kopf hatte und bald auch erst einmal wieder wegdämmerte, an Mutterfreude im üblichen Sinn war an diesem Morgen kaum zu denken. Es gab Wichtigeres. Auf dem Flur herrschte eine regelrechte Partystimmung. " Irgendwann bin ich dann auf den Flur raus, dann rannten lauter gut gelaunte Schwestern und Ärzte mit vollen Sektgläsern herum ", erinnert sie sich. Außerdem hatten die Ärzte Fernseher auf die Flure stellen lassen, in denen die Liveberichte von ARD und ZDF von der Grenze liefen.

Der erste " Grenzgänger " tauchte – völlig aufgelöst – bei Andrea am Wochenbett bereits um neun Uhr früh auf. " Meine Freundin Conny war schon nachts in Braunschweig und hat einen tollen Australier kennengelernt. " Wenig später kam ein Pfarrer zu Besuch einer anderen Frau im Nebenbett und benahm sich wie ein Olympiasieger. Niessner : " Der kam rein und streckte die Arme vor Glück freudenstrahlend in die Luft. " Noch am Freitag besuchten die Magdeburger Verwandten die junge Mutter. Ann-Kathrin wurde kurz gewürdigt, aber dann gab es nur noch ein Thema : die Grenzöffnung.

Der Einzige, der am Freitag nicht im Krankenhaus auftauchte, war der Vater von Ann-Kathrin : Andreas Niessner. Und das lag auch an der offenen Grenze. " Richtung Burgstall waren alle Telefonund Telegrafenleitungen zusammengebrochen. Erst am Sonnabend konnten wir über den Betrieb meines Mannes eine Mitteilung absetzen, dass er Vater einer Tochter geworden ist. " Am Sonnabend kam er dann flugs in die Landesfrauenklinik.

Andrea Niessner verließ am Montag die Klinik – und ging shoppen. Nicht in Helmstedt oder Braunschweig, sondern im Zentrum-Warenhaus, dem heutigen Karstadt von Magdeburg. " Dort hatte ich mir vor der Geburt ein tolles Festkleid ausgesucht, das ich Montag dann gleich abgeholt habe. Und es hat sogar gepasst nach der Geburt. "

Das Festkleid war eigentlich für den Ball der Betriebs-Kampfgruppen am 17. November in Tangerhütte gedacht. Solche " Kampfgruppen " waren paramilitärische Einheiten in Betrieben, die " zum Schutz der Arbeiterklasse " – so der SED-Jargon – gebildet wurden. Die Mitglieder – zumeist männliche SED-Angehörige – trugen an Wochenenden in Gemeinschaft wenig hübsche grau-grüne Uniformen. In der Praxis haben diese " Kampfgruppen " -Einheiten Manöverspiele veranstaltet – " die Laubwälder verteidigt ", wie man damals spöttisch zu sagen pflegte. Bei den " Kampfgruppen " wurde aus vielen Anlässen gern auch das ein oder andere Bier getrunken.

Lehrerin Andrea Niessner hatte damals in Burgstall als Sanitäterin " gekämpft ". Der " Kampfgruppen " -Ball in Tangerhütte am 17. November wurde dann aber abgesagt. Grund : Auch diese " Gruppen " waren nach Erbeutung des Begrüßungsgeldes im Westen bevorzugt dazu übergangen, um die Hoheit an den Wühltischen des Klassenfeindes zu kämpfen.

Andrea Niessner mit der kleinen Ann-Kathrin reihte sich da ebenso ein : " Ich habe mein Begrüßungsgeld am 6. Dezember abgeholt. Da musste man sein Kind vorzeigen, weil inzwischen sehr viele Muttis für sehr viele Kinder Begrüßungsgeld kassiert hatten. " Ihr tief ausgeschnittenes grünglitzerndes Ball-Kleid hat sie übrigens immer noch. " Das hängt aber nur im Schrank. Heute wäre das nicht mehr tragbar. "

Die ehemalige Lehrerin arbeitet heute als Koordinatorin für UNESCO-Projektschulen. An solchen ausgewählten Schulen wird landesweit die Sozialarbeit besonders gefördert. Und Ann-Kathrin ? Die ist inzwischen zu einer schicken gesamtdeutschen Burgstallerin herangewachsen. An die besagte Nacht – wen wundert es – erinnert sie sich nicht. Im Juni hat die 19-Jährige ihre Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten erfolgreich abgeschlossen. Trotz vieler Bewerbungen konnte die junge Frau bislang aber noch keinen Job finden. Auch dies gehört zur neuen Realität, 20 Jahre nach dem Mauerfall.