Schönebeck ( nr ). 20 Jahre ist es her, dass der Mauerfall die Welt veränderte. Auch Menschen aus Schönebeck beteiligten sich an Demonstrationen, Runden Tischen und anderen Ereignissen. Die Volksstimme Schönebeck berichtet weiterhin über Akteure und besondere Ereignisse im Umfeld des 9. November 1989. Dabei werfen wir einen Blick in die Ausgaben der Volksstimme aus den Wendetagen.

Am 23. Oktober 1989 finden die bis dahin größten Demonstrationen statt : In Leipzig gehen 300 000 Menschen auf die Straße, in Magdeburg sind es 10 000. Obwohl in der Volksstimme Schönebeck tags darauf kein Wort darüber verloren wird, ist der 24. Oktober 1989 ein besonderer Tag : In der Schönebecker Volksstimme wird das erste Mal das Wort " Wende " gebraucht. Hintergrund : Unter dem Titel " Standpunkt " berichtete die Zeitung von der 5. Tagung der Kreisleitung Schönebeck der SED vom 21. Oktober. Die Kreisleitung beriet über den Machtwechsel in Berlin ( Egon Krenz hatte Erich Honecker abgelöst ) und über die vom ZK beschlossenen Veränderungen – Krenz hatte selbst erstmals von einer Wende gesprochen.

Am 25. Oktober vollzieht die Volksstimme einen weiteren Schritt in Richtung unabhängige Presse. Unter dem Titel " Da müßte mehr zu machen sein aus Ideen junger Leute ... " berichtet sie über Gespräche am Runden Tisch – mit einer neuen Neutralität. So zitiert die Volksstimme eine Mitarbeiterin vom Krankenhaus in Salzelmen : " Es schmerzt mich schon, dass uns so viele Bürger in Richtung Westen verlassen haben. Wir sollten uns gründlich überlegen, warum sie es taten, denn es war wohl nicht nur Verblendung durch den Westen. " Die Volksstimme zitiert aber auch Teilnehmer, die weiterhin die Vorzüge der DDR preisen : " Die Zeitungen sollten mehr über Leute schreiben, die drüben gescheitert sind. " Eines haben die Zitate gemein : Die BRD wird nicht mehr als kapitalistischer Verführer dargestellt.

Das Rad der Wende nimmt Geschwindigkeit auf : Am 26. Oktober nehmen in Dresden 100 000 Menschen an Diskussionsrunden mit Funktionären teil. Egon Krenz führt erste Gespräche mit Helmut Kohl. Und die Volksstimme macht einen Rückschritt, verfällt in alte Muster. Unter dem Titel " Nackt in die Neiße und hinein ins Ungewisse " geht die Zeitung am 27. Oktober mit einem DDRFlüchtling hart ins Gericht. Der Mann sei ein Alkoholiker und " Bummler ". Er habe elf Jahre Freiheitsentzug hinter sich – vor allem wegen der " Herabwürdigung staatlicher Organe ". Doch auch in diesem Artikel sieht man schon den Wandel : Nicht der Ruf der BRD wird geschädigt, sondern der des Flüchtlings. Am selben Tag beschließt der Staatsrat die Amnestie für alle ausgereisten DDR-Bürger. Am 27. Oktober beschloss die Staatsführung außerdem, dass über Ausreiseanträge in Zukunft großzügig entschieden werden solle. Am 28. Oktober findet sich dazu nichts in der Volksstimme. Aufmacher ist aber wieder eine Diskussion auf der Kreisparteiaktivtagung. Unter " Auch weiterhin alle Probleme auf dem Tisch " wird über die " Wende " auf regionaler Ebene " offen und freimütig diskutiert ". Noch wird die Wende in der Volksstimme nur als kleine Veränderung gesehen – doch sie sollte sich irren.