Es ist nur ein Zufall, aber er passt. Am Mittwochabend sitzt Hans Otto Bräutigam vor einem Sachbuch-Regal in der Magdeburger Stadtbibliothek, um sein Buch " Ständige Vertretung " vorzustellen. Die Bände hinter ihm tragen Titel wie " Der Urknall " oder " Wunderwerke ". Und so könnte man auch das Thema des Abends näher beschreiben.

Bräutigam, Jahrgang 1931, trägt Anzug und Krawatte, dazu eine runde Brille. Er spricht leise, aber auffallend klar. Früher war Bräutigam Diplomat und Politiker. 1989 / 90 arbeitete er als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland bei der UNO. Viele werden ihn auch als Brandenburgs Justizminister kennen ( von 1990 bis 1999 ). Aber das ist heute Abend nicht das Thema.

Kind ohne Eltern

Es geht um seine Zeit an der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR. Von 1974 bis 1977 arbeitete er das erste Mal dort. Später, von 1982 bis 1988, leitete er die Einrichtung. Bräutigam ist ein intimer Kenner der deutschdeutschen Beziehungen – seine Erfahrungen schildert er in " Ständige Vertretung ". Das Publikum ist spürbar interessiert – mit rund 120 Besuchern ist die Veranstaltung der Stadtbibliothek und des Literaturhauses anlässlich der Magdeburger Literaturtage gut besucht. Am Ende steht eine engagierte und streckenweise emotionale Diskussion über ein Kapitel deutscher Geschichte, das im Urknall Mauerfall mündete. Offenbar trifft Bräutigam einen Ton, den man so in der öffentlichen Diskussion lange nicht gehört hat.

Dabei sind es keineswegs erbauliche Anekdoten, die Bräutigam aus seinem Buch vorträgt. Zunächst liest er über die schwierigen Anfänge der Ständigen Vertretung (" Botschaft " durfte sie nie heißen, weil die Bundesrepublik die DDR bis zuletzt nicht vollständig anerkannt hat ). Ein Vorauskommando der Bundesregierung quartierte sich im Mai 1974 in einem Ostberliner Hotel ein. Schon tags darauf kamen die ersten Besucher. " Sie hatten wohl in den Westmedien von der Ständigen Vertretung erfahren. "

Bräutigam liest den Abschnitt über eine junge Frau, die als Kind von ihren Eltern durch den Mauerbau getrennt worden war. So schlägt er das Publikum schnell in seinen Bann. " Es kommt so viel zurück, wenn man ihr Buch liest ", wird eine Frau aus dem Publikum später sagen. " Diese ganze verfahrene Situation in der DDR. "

Neben den persönlichen Erlebnissen Bräutigams steht seine politische Analyse. Schon bald nach den Ostverträgen Anfang der 1970 er Jahre habe sich in den deutsch-deutschen Beziehungen ein Grundmuster gezeigt, schreibt der Autor : Während die Bundesrepublik menschliche Erleichterungen forderte, sei es der DDR vor allem um Finanzhilfen gegangen. Ein wichtiger Grund dafür sei der Kurs Honeckers gewesen, der stets an der " Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik " festhielt. Dies habe die DDR schnell an den Rand des Kollaps geführt, der später durch die Milliardenkredite aus Westdeutschland abgewendet werden konnte.

Die politische Wende von 1989 habe er nicht vorausgesehen, sagt Bräutigam offen. " Selbst als ich die DDR 1988 verließ. " Zu viele Variablen seien im Spiel gewesen. Denn Ursache der Wiedervereinigung sei ja nicht nur Gorbatschows Perestroika-Politik gewesen. Ganz wesentlich sei auch die Entwicklung in den 1980 er Jahren in Polen gewesen, " wo die Menschen den Protest damals zuerst auf die Straße trugen ". In Bonn hätten viele geglaubt, dass eine sowjetische Militärintervention unvermeidlich sei.

Als Diplomat handelte Bräutigam häufig konkrete Vereinbarungen mit der DDR-Führung aus, so war er auch schon beim Viermächteabkommen dabei, einem Teil von Willy Brandts neuer Ostpolitik. Häftlingsfreikäufe und Ausreisebestimmungen – das waren ebenfalls Themen, mit denen sich der Diplomat befasste. Besonders eindrücklich sind auch die Schilderungen des Autors über den Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt 1981 in der DDR. Bei einem Stadtrundgang hatte die Bevölkerung offenbar Hausarrest bekommen. Passanten auf der Straße seien ganz offensichtlich Stasi-Mitarbeiter gewesen, erläutert Bräutigam.

Doch auch die heutige Situation in Ost- und Westdeutschland ist ein Thema. Einmal, in der Diskussion nach seiner Lesung, bemerkt Bräutigam, dass Sozialstaatlichkeit oder Solidarität in Deutschland keineswegs Errungenschaften des Sozialismus seien, sondern teilweise tief in der Geschichte des Landes ankerten, " in den positiven Aspekten " der Politik Friedrichs des Großen etwa.

Prompt erinnert ein Besucher daran, dass die späte DDR eine Art Preußen-Revival erlebte, " nachdem man lange überhaupt keinen Umgang mit diesem Thema gefunden hatte ".

Es ist, als kämen am Mittwochabend erst durch die Ausführungen Bräutigams viele Erinnerungen an den Alltag in der DDR zurück. Die Erfahrungen, die ein westdeutscher Diplomat in dem Staat machte, kann man jetzt in " Ständige Vertretung " nachlesen. Es ist ein Buch, das das DDR-System entlarvt, ohne die Menschen pauschal zu verurteilen.