Punkt 11 Uhr öffnete gestern das Kontaktbüro im Nachterstedter Rathaus seine Pforten. Dort können nun die 41 Bewohner des Katastrophen-Ortes Mitarbeitern der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft ( LMBV ) ihre Anliegen vorbringen, werden beraten und die ersten kleineren Geldsummen wurden bereits an die vom Erdrutsch Betroffenen ausgezahlt.

Nachterstedt. Das Gesicht von Lothar Gareis ist maskenhaft starr. Doch man spürt, dass es hinter dieser Maske arbeitet. Der 71-Jährige sitzt in der 2. Etage des Nachtertedter Rathauses und wartet, dass er in das kleine Büro, ein Stockwerk höher, kann.

Der alleinstehende Rentner hat Sonnabendnacht sein gesamtes Hab und Gut verloren. Wie er 40 weitere Bewohner der Siedlung " Am Ring " oberhalb des Concordia-Sees.

" Das Schlimme ist, dass meine Doppelhaushälfte völlig unbeschadet nur ein paar hundert Meter von hier steht. Und trotzdem ist es so, als ob es auf dem Mond ist. "

An die Nacht zum Sonnabend, als er gegen 4. 30 Uhr durch die Hilfeschreie seiner Nachbarn geweckt wurde, möchte er am liebsten gar nicht mehr denken : " Wenn das nur so leicht wäre. "

1991 hatte Gareis das Bergarbeiterhaus, das 1938 auf der alten Halde errichtet wurde, gekauft. " Ich hätte nie daran gedacht, dass wir auf einer Zeitbombe leben ", schüttelt er den Kopf.

Dass er das Haus für immer verloren hat, weiß er seit Montag. Aber innerlich damit abgefunden hat sich der Rentner noch lange nicht. Da sei die von der LMBV angekündigte Entschädigung nur ein Tropfen auf den heißen Stein. " Ach was, Geld – in dem Haus liegt mein ganzes Leben. Fotos, Erinnerungen ... Das kann mir eine Million Euro nicht wiederbringen. "

Sonntagabend durfte der Rentner unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen das wahrscheinlich letzte Mal in die eigenen vier Wände. " Ich habe alles gegriffen, was wichtig war. Vor allem Papiere und Versicherungsunterlagen. "

Vieles, was nicht weniger wichtig sei, habe er im Gebäude liegen lassen müssen. " In jeder Hand einen Koffer – mehr habe ich nicht geschafft. " Und dem Mann ist anzusehen, dass ihm bei diesen Worten erneut das gesamte Ausmaß des Unglücks bewusst wird.

Bei Karin Meyer liegen die Nerven blank. " Mir steht es bis hier ", zieht sie mit der flachen Hand eine Linie über ihren Kehlkopf. " Das ist doch wohl Bürokratie über, über – ach was, ich weiß nicht was ", schimpft sie. Gerade hat die Evakuierte erfahren, dass sie ihre Post nicht mehr im Rathaus abholen kann.

" Schlimm genug, dass wir nicht in unsere Häuser können und nun das noch. Bisher war es kein Problem, dass Zustellungen im Nachterstedter Rathaus abgegeben wurden. Aber irgend ein Wichtigtuer bei der Post in Halle sieht darin einen Bruch des Postgeheimnisses. Nun müssen wir zur Poststelle hin, obwohl wir jeden Tag im Rathaus sind. " So könne man Menschen, die den Kopf voller Kummer haben, mit Kleinlichkeit zusätzlich auf Trab halten, meint die ehemalige Postangestellte.

Ehemann Hans-Jürgen hofft auf unbürokratische Hilfe durch die LMBV. " All das, was wir über die Jahre an Modernisierungsarbeiten ins Haus gesteckt haben, ist sowieso futsch. Wie die LMBV den Schaden berechnen will, ist mir noch schleierhaft. "

Zurzeit wohnen die Meyers in Schönebeck-Frohse ( Salzlandkreis ). " Unsere Tochter ist noch eine Woche im Urlaub. Solange geht das noch ", erzählt Hans-Jürgen Meyer. Er und seine Frau wollten sich nun die Wohnungsliste ansehen, die vom Landratsamt zusammengestellt wurde. Doch an den Gedanken, vom Häuschen im Grünen in irgendeine Wohnung zu ziehen, daran könne er sich zur Zeit noch nicht gewöhnen.

Dagmar Kühne ist gestern um 11 Uhr die erste " Am-Ring " -Bewohnerin, die im Kontaktbüro vor Sachbearbeiterin Christine Tischendorf und LMBV-Bereichsleiter Matthias Siebert sitzt.

" Ich kann mich nur für die schnelle Hilfe bedanken ", sagt sie und muss dabei die Tränen herunterschlucken. " Wir haben alles verloren. Aus heiterem Himmel. Es ist nicht zu verstehen. Mitten im Frieden. So müssen sich die Ausgebombten im Krieg gefühlt haben. "

Dann schließt sich die Tür zum Kontaktbüro. Draußen warten weitere Betroffene. Man kennt sich. Neuankömmlinge werden in den Arm genommen. Trost wird zugesprochen.

Lothar Gareis schaut vor sich auf den Fußboden. Hin und wieder geht sein Blick zum Fenster. Als ob er sich so seinem Haus ein Stück näher fühlt.