Schon im Vorwahlkampf, als Barack Obama gegen Hillary Clinton kämpfte, war das Geld seine Geheimwaffe. Fast Monat für Monat strich der "Newcomer" Obama mehr Wahlkampfspenden ein als die Ex-First-Lady mit ihren jahrzehntelangen Kontakten – selbst Insidern in Washington war die Finanzflut für den schwarzen Senator ein Rätsel. Jetzt, zwei Wochen vor dem Urnengang am 4. November, ist Obama dabei, alle bisherigen Rekorde in Sachen Wahlkampfspenden zu brechen. Entscheidet letztlich das Geld, wer als nächster Präsident ins Weiße Haus einzieht?

Die Zahlen sind schwindelerregend: Allein im September soll Obama 100 Millionen Dollar an Spenden gesammelt haben, in den nächsten Tagen wolle er die "Traumzahl" offiziell bekanntgeben, heißt es. "Eine Zahl, die alle Spendenrekorde brechen würde", schrieb die "New York Times" nicht ohne Staunen. Die Folge: Der Kandidat der Demokraten kann damit in der alles entscheidenden Schlussphase des Wahlkampfes mindestens viermal so viel in Fernseh-Spots investieren als sein republikanischer Gegner John McCain. "Und jeder weiß, Geld ist entscheidend im amerikanischen Wahlkampf", wie ein CNN-Kommentator mutmaßt.

Kein Zweifel, McCain ist verbittert über die Entwicklung. "Sie haben Ihr Wort gebrochen, Senator Obama", hielt er seinem Gegner in der jüngsten TVDebatte vor. Tatsächlich hatten beide Kandidaten anfangs versprochen, ihre Kampagnen mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren. Demnach standen ihnen beiden jeweils 84 Millionen Dollar zu.

Doch die unerwartet sprudelnden Gelder zu seinen Gunsten veranlassten Obama zum Sinneswandel: Er verzichtete auf die Staatshilfen und setzte ganz auf Spenden – mit durchschlagendem Erfolg. Obama begründete seine Wende mit dem Hinweis auf viele "dunkle" Kanäle und sogenannte unabhängige Organisationen, die traditionell republikanische Kandidaten unterstützen.

Wahlkampfexperten haben kaum Zweifel, dass die finanzielle Überlegenheit entscheidenden Einfluss hat. So konnte sich Obama etwa den Luxus leisten, auch in solchen Bundesstaaten massiv TV-Spots zu streuen, die seit Jahren oder Jahrzehnten als sichere Hochburgen der Republikaner gelten. Das wiederum setzt Mc-Cain, ohnehin finanziell im Nachteil, unter enormen Druck, in solchen Staaten zu investieren, die sein Team zuvor gar nicht eingeplant hat.

"Das praktisch unbegrenzte Spendenpotenzial", meint die "Washington Post" versetzt Obama in die Lage, die gesamte traditionelle Aufteilung der Bundesstaaten infrage zu stellen. Vor allem aber zwinge Obama "McCain, seine viel geringeren Mittel zur Verteidigung statt zur Offensive einzusetzen".

Nach einer Studie der Universität Wisconsin gab das Obama-Team etwa allein in North Carolina in der Woche vom 28. September bis 4. Oktober rund 1,2 Millionen Dollar für TVSpots aus, McCain lediglich 148 000 Dollar. In Virginia, ebenfalls ein hartumkämpfter "Battleground-State", investierte Obama in dieser Zeit 2,1 Millionen Dollar, McCain 547 000 Dollar. In den alles entscheidenden Bundesstaaten Florida, Ohio und Pennsylvania gebe Obama dreimal mehr als McCain aus. Aus Michigan hat sich McCain sogar unlängst völlig zurückgezogen – angesichts des Vorsprungs seines Gegners zieht er es vor, sein Geld dort zu sparen.

"Wir sind in einer starken Position", meint denn auch David Axelrod, der Chefstratege Obamas. "In einer stärkeren Position als es die Demokraten in den Wahlkämpfen der vergangenen Jahre jemals waren." Das ist bescheiden ausgedrückt. Obamas "Fernsehdominanz wird immer offensichtlicher, je näher der Wahltag rückt", staunt die "New York Times". Kurz vor dem Urnengang will Obama seinen stärksten Trumpf ziehen. Dann will er nicht nur kurze, minutenlange TV-Spots ausstrahlen lassen – dann plant er halbstündige Werbesendungen. (dpa)