"Sarah wer?", fragten selbst viele US-Journalisten, als sie erfuhren, dass Sarah Palin, die Gouverneurin Alaskas, Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner werden soll. Die 44-Jährige ist ein Frischling im Politgeschäft. Außer ihren zwei Jahren im Gouverneursamt hat sie keine weitere Exekutiverfahrung vorzuweisen.

Bedeutet das ein Risiko für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain? Eher nicht. Der Republikaner griff seinen demokratischen Herausforderer Barack Obama zwar immer wieder an, weil er unerfahren sei. Doch das Argument zog spätestens nicht mehr, seit der Senator von Illinois Joe Biden zu seinem Vizepräsidentschaftskandidaten auserkoren hatte. Seit 25 Jahren sitzt er für den Bundesstaat Delaware im Senat.

Sarah Palin also, ein junges, frisches Gesicht, mit dem McCain außerdem das Argument der Demokraten kontern will, er sei selbst so sehr Teil des Polit-Establishments in Washington, dass er die Sorgen der kleinen Leute nicht mehr kenne. "Seht her, auch ich lüfte kräftig durch!", so eine Botschaft der Wahl McCains.

Wer das Scheitern der Demokratin Hillary Clinton in den Vorwahlen bedauerte, der sieht jetzt außerdem doch noch eine Frau an der Spitze des Rennens. Ob Anhänger der Senatorin von New York deshalb zu den Republikanern wechseln werden, ist allerdings zweifelhaft.

Worum geht es also wirklich bei der Wahl der Vizepräsidenten? Ein Faktor scheint offensichtlich, der gerade in Europa zu gerne übersehen wird: Religion. Sie spielt in den USA eine viel größere Rolle als in Teilen Westeuropas. Acht von zehn Amerikanern sagen, dass sie an Gott glauben. Vieles spricht dafür, dass sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern Religion ausschlaggebend für die Wahl der Vize-Kandidaten war.

Das größere Problem hat dabei McCain. Er kämpft gleich an zwei Fronten. Erstens um die Evangelikalen, die zweimal entscheidend zum Wahlsieg von George W. Bush beigetragen haben. Im Jahr 2000 war es seinem Wahlkampfberater Karl Rove erstmals gelungen eine Wählerkoalition zusammenzuzimmern, die traditionelle Republikaner sowie tiefreligiöse Amerikaner umfasst. Bisher hatte diese Koalition Bestand.

Doch sie wackelt gewaltig. Denn McCain gibt im Wahlkampf zwar neuerdings den harten Abtreibungsgegner und regelmäßigen Kirchgänger. Wirklich ins Herz geschlossen hat die religiöse Rechte in den USA den zum zweiten Mal verheirateten McCain allerdings nicht. Genau das will der Präsidentschaftskandidat mit der Wahl Palins offenbar ändern. Sie gilt als stramme Abtreibungsgegnerin. Palin ist eine sogenannte Pfingstlerin. Diese Glaubensgruppen betonen besonders die Rolle des Heiligen Geistes im christlichen Glauben.

Zweitens steht es mit dem Verhältnis McCains zu den Katholiken nicht zum besten. Zwei Seelen schlagen in der Brust dieser Religionsgemeinschaft. Sie fühlt sich einerseits zu den Republikanern hingezogen, wobei vor allem die Abtreibungsfrage bedeutend ist. Andererseits verteidigen viele Republikaner den Irakkrieg 2003 bis heute, den Papst Johannes Paul II. von Anfang an abgelehnt hatte.

Traditionell wählte die Mehrheit der Katholiken eigentlich demokratisch. Doch die Abtreibungsdebatte der 1970er Jahre hat viele zu den Republikanern wechseln lassen. Die Katholiken sind Teil der Wählerkoalition, die Bush zum Präsidenten machte. Ihr Ausscheren würde deren Ende bedeuten.

Die Wahl Palins ist sicher auch ein Zeichen in deren Richtung. McCain will mit der Kandidatin an beiden religiösen Fronten punkten.

Doch Obama tut das Seine, um die Katholiken in sein Lager zu ziehen. Er führt einen betont religionsfreundlichen Wahlkampf. Er weist immer wieder darauf hin, dass auch die Bewahrung der Schöpfung, sprich eine bessere Umweltpolitik, im christlichen Sinn sei. Er argumentiert mit sozialer Verantwortung für Arme und gegen den Irakkrieg. Außerdem spricht er sich zwar nicht gegen Abtreibung aus, betont aber die moralische Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Zahl der Abtreibungen sinkt.

Vor allem aber hat Obama Biden zum Vizepräsidenten ernannt, der – wie könnte es anders sein – Katholik ist. Beim Parteitag der Demokraten betonten die Redner auch immer wieder fleißig, dass der Mann regelmäßig in die Kirche gehe und noch keine Erstkommunion seiner Enkelkinder verpasst habe.

Ob das genügend Katholiken ins Lager der Demokraten zurückwechseln läßt? Innerhalb der Kirche wird heftig darüber gestritten, wie sich die Mitglieder entscheiden sollen. Dabei ist es durchaus nicht so, als dominiere die Abtreibungsfrage die Debatte. Viele Katholiken sehen den Irakkrieg als Fehler, der derzeit schwerer wiegt.

Die Wahl beider Vize-Kandidaten spricht dafür, dass Religion in diesem Wahlkampf eine entscheidende Rolle spielen wird. Den berühmten Satz Bill Clintons vom Wahlkampf 1991 "Es ist die Wirtschaft, Dummkopf", daher auf den Glauben der Amerikaner umzumünzen, wäre wohl übertrieben. Aber der Verlauf des Wahlkampfes ist nur zu verstehen, wenn dem Faktor Religion ausreichend Beachtung geschenkt wird.