Stephan Dorgerloh:
Als Sohn eines Pfarrers hatte Stephan Dorgerloh früh Kontakt zu DDR-Oppositionellen und kannte die Möglichkeiten der Stasi, Menschen zu brechen: "Ich wusste, wie gefährlich dieser Staat war." Als Schüler verweigerte er die Mitgliedschaft in der FDJ, später den bewaffneten Wehrdienst – er diente als Bausoldat. Von 1987 bis 1993 studierte er Theologie. Seit drei Jahren ist Dorgerloh Kultusminister und somit Dienstherr der Lehrer in Sachsen-Anhalt – die meisten davon wurden noch in der DDR ausgebildet.

Volksstimme: Herr Dorgerloh, jeder dritte Schüler mit Eltern aus der DDR ist der Meinung, die Menschenrechte seien in der DDR genauso gewährleistet gewesen wie heute. Was läuft da schief?
Stephan Dorgerloh:
Die DDR ist für die heutige Schülergeneration Geschichte, fast so weit weg wie Bismarck und das Kaiserreich. Deshalb ist es extrem wichtig, dass das Thema in der Schule vorkommt. Ich habe die Schulleiter in einem Brief gebeten, Zeitzeugen einzuladen und mit den Schülern an authentische Orte wie den Moritzplatz in Magdeburg, den Roten Ochsen in Halle oder die Gedenkstätte Marienborn zu fahren. Dadurch können sie lernen, wie das Leben in einem totalitären Regime wirklich aussah, wie die friedliche Revolution verlaufen ist, und was es bedeutete, den aufrechten Gang zu üben.

Dennoch: Die Umfrageergebnisse zum Wissen unter Schülern sind erschreckend. Wer hat da versagt?
Es gibt Umfragen, nach denen sachsen-anhaltische Schüler beim Wissen über die DDR im mitteldeutschen Vergleich gut dastehen. Dennoch ist jeder einzelne, der in jüngerer deutscher Geschichte nicht sattelfest ist, einer zu viel. Wir können aber nicht sagen, dass das allein eine Aufgabe der Schule ist. Das gehört auch in die Familien, in Gespräche mit Eltern und Großeltern. Wenn Jugendliche dadurch begreifen, was Totalitarismus wirklich bedeutete, was passierte, wenn man sich nicht konform verhielt, dann steht ihnen oft das Staunen und Erschrecken ins Gesicht geschrieben. Die ganze Familie, die berufliche Entwicklung der Eltern, die Wohnsituation bis hin zum Reisen - das alles konnte überwacht und gesteuert werden.

Wenn man sich aber konform verhielt, passierte einem nichts - mit dieser Aussage hat eine Stendaler Lehrerin eine Debatte über den Umgang mit der DDR-Vergangenheit ausgelöst. Darf eine Lehrerin so etwas sagen?
Dieser Satz, ob er so gesagt wurde oder nicht, ist hochproblematisch und gehört nicht in den Geschichtsunterricht. Wir wollen, dass sich die Schüler eine eigene kritische Meinung bilden. Was in der Debatte über Stendal leider immer untergeht: Diese Schule hat sich einen Zeitzeugen eingeladen, einen nicht bequemen Zeitzeugen, der seine Sicht auf die DDR vermittelt. Das ist ein guter Aufhänger für eine Debatte im Unterricht. Ich will den Lehrerinnen und Lehrern auch Mut machen, ihre eigene DDR-Geschichte ins Gespräch zu bringen und kritisch zu beleuchten. So etwas wird von Jugendlichen sehr honoriert.

Da müsste mancher eigene Irrtümer einräumen, vielleicht sogar eigenes Scheitern.
Ich weiß nicht, ob man von Erfolg und Scheitern, von Gewinnern und Verlierern sprechen sollte. Das Leben ist ein Prozess mit vielen Einsichten und Erkenntnissen, auch Brüchen.

Beim Gespräch in der Familie geht es selten um die Kategorien Diktatur und Demokratie, eher um private Erlebnisse. Bei vielen Schülern kommt offenbar an: In der DDR ging es uns gut. Soll die Schule das Korrektiv dazu sein?
Es braucht jedenfalls einen kritischen Blick auf unsere Geschichte. Sie kann nicht nur aus lustigen Alltags-Anekdoten bestehen, aus dem schönen Ostseeurlaub und dem Wandern im Harz. In der Schule muss es um die großen Zusammenhänge gehen: Was geschah am 17. Juni 1953? Was bedeutete "Schild und Schwert der Partei"? Was waren Massenorganisationen? Nur so kann man sich ein Bild davon machen, wie ein totalitäres Regime funktioniert hat. Heute kann ich mich zum Beispiel gegen eine Verwaltungsentscheidung zur Wehr setzen. Ich weiß, dass bei Gericht unabhängig geurteilt wird und dass das Urteil nicht schon vor dem Prozess in den Akten steht. Das alles kann ich wertschätzen, wenn ich weiß, dass es früher anders zuging.

Im Geschichtsunterricht wird die DDR erst im allerletzten Schulhalbjahr vor den Prüfungen behandelt. Ist das nicht zu spät?
Das sehe ich nicht so. Die DDR spielt ja nicht nur im Geschichtsunterricht eine Rolle, sondern sollte zum Beispiel ebenfalls in Sozialkunde oder Ethik thematisiert werden. Aber auch der chronologische Geschichtsunterricht, von den alten Römern bis zum Jahr 1989, hat eine gewisse Logik und seine Berechtigung. Man versteht die deutsche Teilung besser, wenn man um den Ausgang des Zweiten Weltkriegs weiß. Wir machen die DDR-Geschichte oft zum Prüfungsthema und signalisieren dadurch, dass das wichtiger Stoff ist. Dadurch ist sichergestellt, dass er nicht hinten runter fällt.

Parteien, die zurück zum Sozialismus wie in der DDR wollen, bekommen kaum messbare Wahlergebnisse, ein kommunistischer Umsturz steht nicht bevor. Was soll die Auseinandersetzung mit der DDR bewirken?
Es sind zentrale Dinge, die wir hier lernen müssen: Demokratie ist nichts, was vom Himmel fällt. Sie funktioniert nur, wenn viele mitmachen. Dafür müssen wir nach wie vor werben. Es ist wichtig, sich zu engagieren, für den Gemeinderat zu kandidieren, in Vereinen mitzumachen, sich fürs Gemeinwohl einzusetzen. Davon lebt die offene Gesellschaft – ein Blick auf die deutsche und ostdeutsche Vergangenheit hilft, sich das klarzumachen.

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