Tangermünde l Etwa 100 Pakete pro Tag packt Torsten Klipp mit seinen zehn Mitarbeitern und verschickt sie hinaus in die Welt. "Wir haben auch schon Kunden in China und in den USA beliefert", erzählt der 36-Jährige. Über das Internet vertreibt der Groß- und Außenhandelskaufmann seit elf Jahren alles Mögliche, was es einst in der DDR gab. "Unser Sortiment umfasst 1000 Artikel, von Lebensmitteln über DDR-Accessoires bis hin zu Kleidung."

An Lebensmitteln bietet Klipp das an, was auch nach dem Mauerfall erfolgreich weiter produziert wurde, darunter Burger Knäcke, Rotkäppchen Sekt, Nudossi, Halberstädter Würstchen, Halloren Kugeln und Backmischungen von Kathi. In seinem Lager, das sich in einer alten Fabrikhalle nahe der Altstadt von Tangermünde befindet, hortet Klipp aber auch Waren, die zu DDR-Zeiten hergestellt wurden. "Wir haben noch Hunderte Pionier-Halstücher in Blau, die auf Käufer warten." Aus einem anderen, etwas eingestaubten Karton holt Klipp eine Handvoll Eierpiker heraus. "Die Plastikteile wurden in den 80er Jahren gefertigt, sehen aber auch 30 Jahre später noch wie neu aus."

Eine Million Euro Umsatz erwirtschaftet Klipp mit seinem Versand pro Jahr. "Die meisten Käufer kommen aus Deutschland, wobei die Nachfrage aus den West-Bundesländern genauso hoch ist wie aus den Ostländern", berichtet Klipp. Ein Prozent der Pakete gehe zudem ins Ausland.

"Edeka und Real kaufen meine Waren palettenweise auf."

Die Idee für einen Ostprodukteversand ist ihm 2002 gekommen. "Ich war damals auf der Suche nach DDR-Accessoires für Fasching", erzählt er. "Zwar gab es da schon Anbieter im Internet, aber niemand konnte eine wirklich breite Palette von Waren vorweisen - das wollte ich ändern." Klipp hat sich daraufhin Rechte für die Internetseite "Ostprodukte-Versand.de" gesichert und sein Geschäft über Werbung im Netz bekanntgemacht. In der Altstadt von Tangermünde richtete er zudem einen Laden ein, in dem er seine DDR-Waren auch an Kunden direkt verkauft.

Weil seine Produkte recht schnell reißenden Absatz fanden, ist er 2008 dazu übergegangen, auch eigene Ostprodukte zu entwerfen. Wie etwa das Duschgel "Held der Arbeit". "Ich habe mir die Markenrechte für den Ehrentitel gesichert und das Duschgel danach benannt", erzält Klipp. Die Auszeichnung "Held der arbeit" wurde zu DDR-Zeiten 50 Mal pro Jahr vergeben und war mit einem Preisgeld von 10000 Mark verbunden. Bei Klipp ist das Duschgel nun der Verkaufsschlager - noch vor allen anderen Ostalgie-Produkten. "Große Handelsketten wie Edeka und Real kaufen mir das Duschgel palettenweise ab, obwohl ich ursprünglich den Großhandel gar nicht beliefern wollte."

Ein Grund für den Erfolg seiner Kreation sei die moderne, witzige Verpackung, glaubt der Versandhändler. "Zu DDR-Zeiten waren Verpackungen grau, braun - einfach langweilig. Wir versuchen, unsere Waren humorvoll zu präsentieren." Auf der Rückseite der Verpackung von Klipps Duschgel findet sich eine Urkunde. "Wenn ein Kunde das Duschgel zum Beispiel an jemanden verschenken möchte, der Geburtstag hat, kann er in der Urkunde den Namen des Geburtstagskindes eintragen", erklärt Klipp. Der Urkunden-Text ist nicht weniger sonderbar als das Duschgel selbst: "Der Ehrentitel \'Held der Arbeit` wird mit Wirkung des heutigen Tages aufgrund von außergewöhnlichen Leistungen und Verdiensten für Familie, Volk und Vaterland verliehen an ..."

"Ich erinnere mich an die DDR, habe aber mit der Stasi nichts am Hut."

Mit DDR-Sprech hat Klipp auch die Verpackung von Kondomen versehen, die er in seinem Versand anbietet. Auf ihnen heißt es wie einst bei den DDR-Pionieren: "Seid bereit, immer bereit!" An Ostalgie-Waren, wie sie Klipp vertreibt, gibt es aber auch Kritik. Die Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker, hält eine Vermarktung von DDR-Symbolen für falsch. Für sie zeigt sich daran, dass das Diktatorische der DDR offenbar noch nicht verstanden wurde. "Dass man das immer noch nicht trennen kann, das persönliche Leben von den Symbolen der DDR, das halte ich für ein beunruhigendes Zeichen", sagte Neumann-Becker vor Kurzem.

Klipp selbst sagt: "Ich erinnere mich noch ein wenig an die DDR, habe aber mit der Stasi und dem Staat nichts am Hut." Wer seine Versand-Seite im Internet oder die Filiale in Tangermünde besuche, schätze das Einkaufserlebnis und sei oft gezielt auf der Suche nach Ostprodukten. "In zehn Jahren habe ich vielleicht drei unfreundliche Kommentare bekommen, sonst ist das Echo stets positiv gewesen", meint Klipp. "Uns geht es nur darum, Leute mit unseren Produkten zum Lachen zu bringen." Mit dem Versandhandel sei es ihm außerdem auch gelungen, Arbeitsplätze in einer wirtschaftlich schwachen Region zu schaffen. "Selbst die Industrie- und Handelskammer hat mein Vorhaben hier immer unterstützt", betont Klipp.

Mittlerweile beliefert er neben Versandkunden und Großhandelsketten auch Souvenirshops, Museen und Tankstellen. Weitere Filialen will Klipp hingegen nicht eröffnen, obwohl er bereits Offerten aus Stendal, Magdeburg und Berlin erhalten hat. Klipp erklärt das so: "Das Filialgeschäft ist etwas Altmodisches, ich setze auf den Online-Handel."

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