Volksstimme: Wie hat das Improvisieren den Alltag der Bevölkerung in der DDR geprägt?
Andreas Ludwig: Die DDR war, was die Produktion von Alltagsgütern anging, eine Mangelgesellschaft. In Kellern und Garagen richteten die Leute ihre eigenen kleinen Werkstätten ein. Da gehörte das Reparieren und Erbauen schlichtweg zum Alltag dazu. In der Bevölkerung entstanden Zweckgemeinschaften und richtige Netzwerke zwischen Nachbarn und Kollegen, in denen sich die Leute gegenseitig unterstützten und halfen.

Wie äußerte sich dieser Zusammenhalt?
Das fing bei der Errichtung eines Gartenhäuschens an, das dann gemeinsam mit Nachbarn gebaut und nach und nach verbessert worden ist. Durch die Nachbarschaftsnetzwerke wurde viel untereinander ausgetauscht. Familien hatten in ihren Häusern regelrechte Lager, weil einfach kaum Sachen weggeworfen wurden. Von einem alten Kinderwagen etwa hob man Räder auf, baute die tragenden Rahmen ab, und hob sie auf.

Zu was taugten denn die Teile von einem alten Kinderwagen in der Wiederverwertung?
In meiner Arbeit als Alltagswissenschaftler habe ich teilweise Keller ausgeräumt und konnte mir Werkstätten angucken. Da haben wir elektrische Rasenmäher entdeckt, die aus alten Kinderwagen gebaut worden sind. Das Schneideblatt fertigte man selber oder gab es einem Bekannten mit, der dann nach seiner Arbeit im Betrieb eben noch daran feilte oder etwas schweißte. Den Elektromotor besorgte man sich aus irgendeinem Betrieb. Das ging natürlich vielfach nur durch die Hilfe des eigenen Freundeskreises. Aber das funktionierte in der DDR sehr gut.

Woher rührte der Gedanke, Dinge erst zu reparieren und nicht sofort zu entsorgen?
Menschen mit Erfahrungen aus den Krisenzeiten der Weimarer Republik, der Kriegs- und Nachkriegszeit, haben in beiden Teilen Deutschlands gelebt und dort ihre Selbsthilfequalitäten praktiziert. Auch ist bis zur Generation der Konsumkinder in den 80er Jahren ein allgemeines Verständnis dagewesen, dass die Dinge lange halten sollen, insbesondere Konsumgüter. Und selbstverständlich reparabel sein mussten. Der Gedanke des schlichtweg Neukaufens war also auch im Westen lange Zeit befremdlich. Man hat es erst mal selbst versucht, ehe der Mechaniker gekommen ist, und wenn es keine Ersatzteile gab, dann musste improvisiert werden.

Inwiefern war es staatliche Politik, die Bürger der DDR zum Selbermachen anzuleiten?
In den Anfängen der DDR wurde das natürlich verschwiegen. Da sah sich die staatliche Führung auf Augenhöhe mit dem Westen und vermittelte das auch ihrer Bevölkerung. Erst ab den 1980er Jahren war das dann offizielle Politik des Staates.

Wie äußerte sich das?
In Frauenzeitschriften etwa lagen regelmäßig Schnittmusterbögen bei. Das gab es in Westdeutschland zwar auch, aber dort war das eher für die modeorientierte Frau gedacht, die sich in Handarbeit ihr eigenes Kleidchen nähte, weil sie sich ein gekauftes nicht leisten konnte. In der DDR gab es eigene Zeitschriften für Handarbeiten, etwa die Pramo, die auf Selbermachen orientiert war. Das war dann für die DDR-Bürger aber größtenteils kein Freizeitvergnügen. Im Wohnungsbau gab es die Bauberatungsblätter. In denen wurde beschrieben, wie man unfertige Wohnungen umbaut. Das wurde richtiggehend von staatlicher Seite organisiert, so dass die Mängel beseitigt werden konnten.

Woher hatten die Menschen ihre handwerklichen Fähigkeiten?
Die Leute in der DDR hatten fast alle eine praktische Berufsausbildung. Das war natürlich im Westen ganz anders. Wenn man da Student war oder Akademiker, dann war man nicht automatisch auch ein Facharbeiter. Insofern konnten sich die Bürger im Westen auch nicht unbedingt selber helfen. Im Osten gehörte das zur Lebenskultur dazu.

Wie ist die damalige Improvisation mit der heutigen "Do-it-yourself-Bewegung" zu vergleichen?
Damals war das Selbermachen aus der Not heraus geboren. Heute ist das für die meisten ein Freizeitvergnügen. Als in Westdeutschland in den 1960er Jahren die Konsumgesellschaft einsetzte, ist in der Bevölkerung aus der Notwendigkeit eine Lust geworden. Es gab dann eben Leute, die bastelten gerne. Sie konnten das dann auf einmal zweckfrei tun. Ohne dass etwas ganz dringend gebraucht wurde. Als es dann plötzlich ab den 70er Jahren in Westdeutschland die Baumärkte gab, war Material ohne Ende verfügbar. Da konnte man sich richtig verwirklichen.

Bei einigen Menschen gehört das Selbermachen mittlerweile zur eigenen Lebensphilosophie.
Stimmt. Sie machen das, um der Konsumgesellschaft zu entgehen. Die Menschen, die das praktizieren, möchten nachhaltiger wirtschaften und vorhandene Dinge, die sowieso schon produziert sind, wiederverwerten. Das Umweltbewusstsein spielt dabei auch eine große Rolle.