Staßfurt l Dieter Blauwitz lehnt an dem Schrank, der einst im Wohnzimmer des mächtigsten Mannes der DDR stand. Eigens für Walter Ulbricht, der von 1960 bis 1973 Vorsitzender des Staatsrats der DDR war, baute das Rundfunkwerk in Staßfurt den Fernsehmusikschrank. Kosmos nannten die Ingenieure ihre Erfindung damals. Das seltene Schmuckstück wurde nicht nur für einen besonderen Empfänger, sondern auch für einen besonderen Empfang gebaut. Denn Ulbricht konnte mit dem Gerät "Westfernsehen" empfangen.

Blauwitz ist Mitarbeiter der Rundfunk- und Fernsehgerätesammlung Staßfurt. Hunderte Radio- und Fernsehgeräte befinden sich dort. Zu den Kuriositäten der Ingenieurleistung aus dem Staßfurter Werk gehört auch eine Wasserlinse. Diese klobige Apparatur wurde vor dem Bildschirm verschraubt. Sie vergrößerte das Fernsehbild minimal. "Das Gerät sollte möglichst ruhig stehen", erklärt Blauwitz. Erschütterungen setzten das Wasser in Bewegung. Das Bild verschwamm.

1200 Mark wurden 1957 für diesen ersten Schwarz-Weiß-Fernseher als Kaufpreis festgelegt - natürlich ohne die Wasserlinsen-Spielerei. "Für den einfachen DDR-Bürger waren die Geräte nicht erschwinglich", sagt der 62-jährige Blauwitz. Er erinnert sich an die Zeit, in der es den ersten Fernseher in seiner Straße gab. "Alle Nachbarn versammelten sich vor diesem einen Gerät", erzählt der Rentner.

Die ersten Radiogeräte wurden seit 1923 mit Beginn des Rundfunks in Deutschland in Staßfurt produziert. Im Auftrag der Reichsregierung stellte das Werk 1933 auch den sogenannten Volksempfänger her. Nach dem Zweiten Weltkrieg und nur mit Erlaubnis des sowjetischen Stadtkommandanten fertigten Mitarbeiter aus dem übrig gelassenen Rundfunkmaterial einzelne Rundfunkempfänger. Seit 1949 firmierte das Werk als "Stern-Radio Staßfurt". 1952 wurden die ersten Radiogeräte mit UKW-Empfänger hergestellt. Im Frühjahr 1956 begann die Entwicklung des ersten Fernsehgerätes. Der erste Fernseher "Iris" war 1957 ein Meilenstein. Die Produktion von Radiogeräten ging weiter zurück. Anlässlich des 20. Jahrestags des DDR beschloss die Parteiführung 1969 die Einführung des Farbfernsehens. Das Werk in Staßfurt bekam den Auftrag zur Produktion dieses Empfängers.

Der Color 20 kostete 3500 Mark. Das Gerät war wieder kein Fernseher für das Volk. "Aber mit der Einführung des Farbfernsehens wurden die Schwarz-Weiß-Geräte günstiger", erinnert sich Dieter Blauwitz. 1985 lief im Staßfurter Werk das zehnmillionste Gerät vom Band. Die Technik wurde endgültig zum Massenprodukt. Mit dem Fall der Mauer kann das Fernsehwerk auf eine stolze Geschichte zurückblicken: Von 1957 bis Juni 1990 wurden insgesamt acht Millionen Schwarz-Weiß-Fernseher und vier Millionen Farbfernsehgeräte produziert.

Nach der Wende wurde auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin versucht daran anzuknüpfen. 1993 stellte das Werk in Staßfurt das erste von Luigi Colani entworfene Gerät vor. Doch die runden Fernseher blieben im Verkauf hinter den Erwartungen zurück.