Magdeburg l Eckhard Müller ist Rentner. Der 71-Jährige führt inzwischen Reisegruppen durch das Grenzmuseum Marienborn. Ein Ort, den der Niedersachse zu DDR-Zeiten vor allem aus dem Auto heraus kannte - Grenzer, Diensthunde, Scheinwerfer. Nach den Kontrollen folgte die kürzeste Transit-Strecke über die Autobahn nach Westberlin.

Der damalige Grenzverkehr hinterließ auch bei ihm prägende Erinnerungen. Der Jurist fuhr so zum Beispiel Anfang der 70er Jahre mit seinem R4 nach Berlin. Es herrschte kaum Verkehr, die Beschilderung war sehr schlecht, so dass er die Abfahrt Berlin verpasste.

"Ich hatte meinen Fehler sofort bemerkt und bin dann rückwärts zur Ausfahrt gefahren. Im gleichen Augenblick tauchte der Lada der Volkspolizei auf. Die hatten offensichtlich nur darauf gewartet", erinnert sich Müller. Nach dem Zahlen von 20 D-Mark und einer eingehenden Belehrung durfte der Niedersachse seinen Weg fortsetzen.

Anfang der 80er Jahre stoppten ihn Polizisten gleich kurz nach dem Verlassen des Grenzübergangs Marienborn auf der heutigen A 2, weil seine Frau nicht angeschnallt war. Müller: "Damals gab es im Westen noch keine Anschnallpflicht. Als ich das sagte, wurde ich aufs Schärfste darauf hingewiesen, dass ich auf dem Territorium der DDR bin. Dort gibt es das." Wieder wurden 20 D-Mark fällig. Nach dem Zwangsumtausch wollte er die Strafe aber in Ost-Mark zahlen. Doch das lehnten die "Vopos" kategorisch ab. "Die haben uns richtig angeschnauzt", erinnert sich der Schöninger.

So wie ihm ging es den meisten Transitreisenden. "Gezahlt wurde grundsätzlich nur in D-Mark. Wer kein oder nicht genug Westgeld dabei hatte, durfte später aber auch überweisen", erklärt Peter Joachim Lapp, Autor des Buches "Transit Westberlin. Erlebnisse im Zwischenraum". Der heute 72-Jährige war 1981 Redakteur beim Deutschlandfunk und wurde selbst auf der Autobahn gestoppt. "Ich fuhr damals einen Audi 80 und hatte den Eindruck, dass größere Autos besonders im Fokus standen", sagt Lapp.

Ganz so war es nicht, meint zumindest Klaus-Dieter Ziche, der seit 1978 bei der Autobahn als Polizist arbeitet und auch für Geschwindigkeitsmessungen verantwortlich ist. Die Transitreisenden hätten nach der Richtwerttabelle (heutiger Bußgeldkatalog) das Gleiche bezahlt, wie der DDR-Bürger. "Es wollten viele auch ihr Zwangsumtauschgeld nutzen. Das ging aber nicht", so der Beamte.

Gemessen wurde in den letzten Jahren der DDR mit einem Messgerät, das wiederum über Devisen aus dem Westen angeschafft wurde. Anders als heute hielten die Beamten jedes Fahrzeug sofort nach der Messung mit ihrem schwarz-weißen Stab an.

Während die Verstöße bei DDR-Bürgern auch mit einem Stempel (heute Punkte in Flensburg) in einer Stempelkarte geahndet werden konnten, mussten Transitreisende "nur" zahlen. Bis zu sieben Millionen D-Mark wurden laut historischer Veröffentlichungen von der DDR-Polizei über Bußgelder eingenommen, die fest im Volkswirtschaftsplan verankert waren.

Dabei ließen sich die Volkspolizisten auch einiges einfallen. Weil der Messwagen auf der Autobahn angesichts des fehlenden Standstreifens schnell auffiel, halfen Tarnnetze oder eine vorgetäuschte Panne weiter. "Einmal haben sogar die Puhdys mit ihrem Bus angehalten und wollten helfen, weil das Reserverad vor dem zivilen Lada stand", erinnert sich der damalige Messbeamte.

Die meisten Transitfahrer hielten sich an die vorgegebene Geschwindigkeit. Doch es gab auch Ausnahmen.

So wie der "fliegende Holländer". Er wollte morgens der Erste auf dem Blumenmarkt in Berlin sein. Die Volkspolizei kannte ihn bereits gut. "Er hat schon von seinem Chef Geld mit auf den Weg bekommen, um für seine Geschwindigkeitsübertretung zu zahlen", so Ziche. Nur Militärfahrzeuge der Besatzungsmächte durften die Volkspolizisten nicht stoppen. "Das galt für alle Besatzungsmächte und war ganz klar geregelt. Das Fahrzeug war ihr Hoheitsgebiet", erklärt er.

Die Verkehrsverhältnisse auf der Autobahn seien mit den heutigen gar nicht mehr vergleichbar. Es gab damals nur einen Mittelstreifen mit vereinzelten Bäumen und keine Leitplanke.

Ziche: "Wir haben bei Unfällen den Verkehr auch eben mal schnell über den Mittelstreifen auf die Überholspur der Gegenfahrbahn umleiten können. Der Verkehr war vor allem sonnabends so gering, da hätte man Fußball auf der Fahrbahn spielen können."

Sein Kollege Jeffrey Pape, der als 22-Jähriger kurz vor dem Mauerfall als Oberwachtmeister begonnen hat, meint: "Abends fuhren wir einmal aus Quatsch von einer Anschlussstelle zur anderen im ersten Gang, ohne dass uns einer überholt hat." Es sei eben eine ganz andere Welt gewesen. "Wenn ein Verkehrspolizist durch einen Windstoß seine Mütze verlor, hätte damals sich niemand getraut, darüber hinwegzufahren", sagt er.

Anders herum hatten auch die Volkspolizisten "Überwacher" im Nacken. Nicht unbedingt immer die Staatssicherheit, sondern auf der Autobahn, Bahnstrecke oder dem Wasserweg auch die Transitkommission. Jeder Verstoß gegen das Abkommen von 1971 wurde dort von den Vertretern, die sich aus den Regierungen beider Staaten zusammensetzte, erörtert. Pape: "Auch deshalb wurde alles immer sehr gründlich dokumentiert."

Die DDR hat vor allem dafür gesorgt, dass Durchreisende keine Republikflüchtigen aufnehmen konnten. Busse im durchgehenden Transitverkehr durften zum Beispiel nur auf den zulässigen Parkplätzen halten. DDR-Bürger hatten dort keinen Zutritt. Auf der A2 befand sich dieser in Höhe Thee-ßen im heutigen Jerichower Land bzw. Ziesar in der Gegenrichtung.

Ernstere Zwischenfälle gab es auch. So veröffentlichte die 90. Pressekonferenz der "Arbeitsgemeinschaft 13. August" folgende Zahlen: In den Jahren 1986 bis 1988 schwankten die Festnahmen zwischen 80 und 87 im Jahr. Etwa ein Viertel standen in Verbindung mit DDR-Vorwürfen gegen Fluchthelfer. Die überwiegende Zahl richtete sich aber gegen Personen, die Unfälle (zum Beispiel Verkehrsgefährdung wegen Trunkenheit) verursacht hatten. Auch auf der Schiene wurde entsprechend Westgeld eingenommen. Der heutige Sprecher der Autobahnpolizei Johannes Stoye hatte seit 1980 bei der Transportpolizei gearbeitet und begleitete seit 1982 die Transitzüge zwischen Marienborn und Berlin-Griebnitzsee.

Hauptaufgabe seiner Einheit war, dass niemand während der Passage durch die DDR ein- oder aussteigt. Verstöße wurden auch in den Zügen sofort geahndet.

Stoye: "Es durften zum Beispiel keine Gegenstände aus dem Fenster geworfen werden. Wen wir erwischt haben, der musste 20 bis 30 D-Mark Verwarngeld zahlen. Wer eine glimmende Zigarette wegwarf, wurde wegen Umweltgefährdung sogar 100 D-Mark los." Wenn der Zug verkehrsbedingt in Biederitz nordöstlich von Magdeburg halten musste, standen Transportpolizisten auch außen am Zug. Sie sollten ein Aufspringen von Republikflüchtigen verhindern.

Das Thema "Transit durch die DDR" ist wenig erforscht, erklärt Sascha Möbius, Leiter der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. Bisher gebe es dazu nur wenige wissenschaftliche Arbeiten. Der Historiker: "Wir forschen aber weiter, um die Ergebnisse in unsere Ausstellung aufnehmen zu können."

   

Bilder