Merseburg l Das hören Ostmänner gern: Die Frauen in der DDR kamen beim Sex öfter zum Höhepunkt als die in der BRD. Zwei Studien aus den 80er Jahren zufolge - eine vom Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig, die andere vom Hamburger Gewis-Institut - hatten damals 67 Prozent der Ost-, aber nur 63 Prozent der Westfrauen meistens oder immer einen Orgasmus.

DDR-Sexualität unterschied sich zu BRD


Der Unterschied ist zwar nicht groß, aber trotzdem begründbar - wenn auch leider nicht mit den Verwöhnkünsten der Herren. Professor Konrad Weller, Sexualforscher an der Hochschule Merseburg und seit den 70er Jahren mit dem Vergleich von Ost und West im Bett befasst, sieht eine Ursache in den sozialen Umständen. "Das Geschlechterverhältnis war im Osten weniger kompliziert. Die sozialen Bedingungen förderten frühzeitige Bindung und Elternschaft, während es in der BRD mehr Singles und mehr Unsicherheit in Bezug auf Familienplanung gab", sagt er. Und wer innerhalb einer Beziehung Sex hat, ist erstens mehr in Übung und macht sich zweitens meist weniger Gedanken.

Allerdings hatten die West-Frauen denen in der DDR auch etwas voraus. Weller: "Sie waren reflektierter und sagten deshalb häufiger, wenn ihnen etwas nicht passte."

Wegen Facebook ist man heute vorsichtig mit FKK


Auch beim Thema Homosexualität lag der Osten damals vorn. "Dort war man viel lieberaler", sagt der Experte. Der Paragraf175, laut dem Sex unter Männern strafbar ist, wurde im Osten 1968, im Westen erst 1994 abgeschafft. Dafür gab es in den alten Bundesländern eine größere Szene für Schwule und Lesben. "Im Osten konnte man sich am ehesten im homosexuellen Arbeitskreis in der Kirche treffen."

Bei einer Frage will sich der Sexologe nicht auf eine Seite schlagen: Die, wer nun prüder war. "In der DDR hat sich das halbe Volk am Strand entkleidet", sagt er. "Dafür gab es in der BRD mehr vermarktete Nacktheit." Schließlich war im Osten Pornografie verboten.

Jenseits aller Unterschiede habe es aber auch so einige Gemeinsamkeiten in den Betten gegeben. "In beiden Teilen Deutschlands kam es in den 60er Jahren zu einer sexuellen Liberalisierung. Die Pille machte in Ost wie West vorehelichen Sex möglich."

Von den einstigen Unterschieden geblieben sei kaum etwas. Weller berichtet: "Bei der öffentlichen Nacktheit gab es nach der Wende einen historischen Bruch. Die Jugendlichen heute haben weniger Erfahrung mit Nacktbaden als vor 20 Jahren, und es interessiert sie auch weniger." Woran das liegt? "Sie sind wegen der neuen Medien vorsichtig, denn man muss heute fürchten, ein Foto vom FKK-Baden auf Facebook wiederzufinden. Außerdem sind wir in Reklamen von Nacktheit umzingelt. Da hat man kaum noch das Bedürfnis, jemanden am Strand unbekleidet zu sehen."