DDR-Zensur

Offiziell gab es in der DDR keine Zensur. Doch in der Praxis mussten Liedtexte einem Lektorat vorgelegt und Shows abgenommen werden. Ende September 1989 erntwarfen Unterhaltungsmusiker im Rahmen der friedlichen Revolution eine Resolution von Rockmusikern und Liedermachern, die Reformen in der DDR fordern. Diese wurde von den Künstlern bei Auftritten verlesen.

Berlin/Magdeburg l Es gibt schon kuriose Zufälle. Einer ist Karat am 9. November ´89 widerfahren. Ausgerechnet am Tag, an dem die Mauer fiel, spielten sie im Plattenstudio ein Lied ein, das die Zusammengehörigkeit von Ost und West demonstrieren sollte: die Duett-Version von "Über sieben Brücken musst du gehn" mit Peter Maffay. Die Herrschaften von Amiga wussten davon freilich nichts - sonst hätten sie wohl einen mittelschweren Herzkasper erlitten. Da die Plattenfirma zu dieser Zeit aus Geldnot mit einem Hamburger Label kooperierte, konnte Maffay unauffällig aus dem Norden zuarbeiten; und der Veröffentlichung zumindest im Westen hätte so auch nichts im Wege gestanden.

Karat nahmen ihren Teil in Ostberlin auf - 150 Meter entfernt von der Mauer. An jenem 9. November hatten sie ein paar Streicher dazugeholt. Als sie fertig waren und sich die ganze Truppe auf den Heimweg machte, kam sie an einem Imbiss mit einem kleinen Fernseher vorbei. Dort lief gerade die Schabowski-Pressekonferenz. "Alles blieb stehen", erinnert sich Karat-Gitarrist Bernd Römer. "Keiner hat richtig verstanden, was gesagt wurde. Aber jeder hat gespürt, hier passiert etwas Besonderes."

"Wir konnten mit der Zensur ganz gut umgehen, weil wir wussten, worauf die gucken." - Bernd Römer, Karat

Dieser Tag schenkte den Musikern der DDR die künstlerische Freiheit. Zuvor waren jahrzehntelang unzählige Textzeilen der Zensur zum Opfer gefallen. Bei Karat traf es zum Beispiel den "Blauen Planeten". Darin hieß eine Zeile ursprünglich: "Liegt unser Glück nur im Spiel der Dämonen." Aus den "Dämonen" machte das Lektorat "Neutronen". So verwandelte es global gerichtete Kritik in eine am Westen. Denn die Amerikaner entwickelten gerade eine Neutronenbombe.

"Allgemein konnten wir aber mit der Zensur ganz gut umgehen, weil wir genau wussten, worauf die gucken", sagt Römer. "Außerdem hatten wir einen klugen Texter, der Themen fast fabelmäßig transportierte." Zum Beispiel beim "Albatros". Da sang die Band vom Drang der Sklaven nach Freiheit. "Hier wird ganz klar die Situation in der DDR geschildert. Aber das Ding wurde zugelassen, weil es in Ursprung und Wortwahl Parallelen gab zu Pablo Neruda, der eine Gallionsfigur des chilenischen Freiheitskampfes war." Dagegen konnte das Lektorat nichts sagen. "Oder es wollte nicht. Ich habe manchmal das Gefühl, dass es mehr durchlassen wollte, als ihr Auftrag war."

Zudem setzten viele Musiker im Osten auf eine Taktik, die Silly-Frontfrau Tamara Danz auf den Namen "Weißer Elefant" taufte: Sie bauten Reizworte in ihre Texte ein, damit das Lektorat etwas zu streichen hatte und den Rest durchwinkte. Das Rock ´n´ Roll-Orchester Magdeburg, zu DDR-Zeiten regelmäßig im Fernsehen zu sehen, schrieb sogar ganze Lieder, die für die Tonne bestimmt waren. Saxofonist Fred Raabe erinnert sich: "Wir mussten immer fünf Titel vorstellen, wovon drei genehmigt wurden. Also schrieben wir zwei zum Rausschmeißen." Die Rechnung ging aber nicht immer auf: "Die Zensoren ließen mal einen Song namens `Limbomanie` durchgehen. Dabei war der Text so blöd: `Limbo, oh Limbo, das lieb ich so!`" Einmal musste die Band auch einen kompletten Text umschreiben - so wurde ein Lied über ein Pärchen im Eiscafé zu einer Liebeserklärung an Berlin zur 750-Jahrfeier. Sonst ließ man sie aber in Ruhe. Sogar, als sie sich zu Anfang bei Konzerten nicht im Ansatz an das vorgegebene Liederverhältnis hielt - 60 Prozent Ostmusik, 40 lizensierte Westmusik. "Wir haben 100 Prozent Westmusik gespielt", sagt Raabe. Die Kontrolleure hörten weg. "Rock ´n´ Roll-Musik aus dem Osten gab es ja nicht. Und eigene Songs nahmen wir erst nach und nach ins Programm auf." Die ungewöhnliche Nachsicht erklärt sich Raabe so: "Wir waren bunt wie die Papageien, unsere Sängerin hat sich fünfmal am Abend umgezogen, und wir hatten viele Showelemente. Die Oberen konnten damit nichts anfangen, und die Fernsehredakteure fanden es gut. Außerdem gab es in der DDR viele Rock´n´Roller. Deshalb hat man uns wohl machen lassen."

Sogar mit Westauftritten hätte es fast geklappt - wäre nicht die Wende dazwischengekommen. Raabe: "Wir hatten das Angebot, im Westen aufzutreten. Das Komitee für Unterhaltungskunst meinte aber, wir müssten uns erst bewähren. Also wurden wir dreimal in den Ural zu Bauarbeiten einer Erdgastrasse geschickt, zur Unterhaltung der Arbeiter." Im Dezember ´89 hätten sie in Hannover auftreten dürfen.

Karat konnten in puncto Westauftritte nicht klagen. Fast jedes Jahr durften sie in der BRD Konzerte geben, sie waren sogar bei "Wetten, dass..?" Kritiker unterstellen der Band, das liege daran, dass sie staatsnah gewesen sei. Römer wehrt sich dagegen: "Wir haben das durch unsere Musik erreicht", sagt er. "Viele Bands meinten, wenn sie auch in den Westen dürften, würden sie dort abräumen. Aber ihre Musik wurde drüben nicht angenommen. Ich schwöre, dass wir nicht staatsnah waren, sonst hätten wir andere Texte geschrieben." Er glaubt, das DDR-Regime sah die eigenen Vorteile: "Das Einzige, was den Staat bewogen hat, uns im Westen spielen zu lassen, waren Devisen. Wir haben etwa 63 Prozent abgeführt. 40 Prozent waren 1:1-Pflichtumtausch; der Rest ging an die Künstleragentur, obwohl sie nichts gemacht hat."

"Die Auftrittsmöglichkeiten im Osten waren mit einem Schlag so gut wie weg." - Fred Raabe, Rock `n´ Roll-Orchester

Anderen Musikern erging es deutlich schlechter als Karat und dem Rock ´n´ Roll-Orchester - zum Beispiel Renft. Sie kassierten wegen ihrer kritischen Texte immer wieder Auftrittsverbote, wurden schließlich sogar gänzlich verboten.

Als die Wende kam, hatte Karat erst einmal zu kämpfen. Denn der Osten war hungrig auf das, was er nie hören durfte. "Drei Jahre lang war zu 100 Prozent Ruhe in den Ostregionen", sagt Römer.

Das Rock ´n´ Roll-Orchester orientierte sich damals schnell um: "Die Auftrittsmöglichkeiten im Osten waren mit einem Schlag so gut wie weg: In manchen Kulturhäusern standen plötzlich Möbelausstellungen. Also suchten wir in Westberlin." Schnell fand die Band Clubs, die sie spielen ließen. Sie ergatterten sogar einen Plattenvertrag. Das lag wohl auch an ihrem Exotenstatus: "Was wir machten, kannte dort keiner. Die Rock´n´Roll-Bands hatten zwar auch lange Jackets. Aber wir hatten Fantasiekostüme." Ironischerweise half den Magdeburgern in ihrer neuen Freiheit also gerade das alte Eingesperrtsein. Denn da sie nie eine Rock ´n´ Roll-Band live sehen durften, mussten sie sich eben erspinnen, wie man bei so einem Konzert aussieht.

Heute spielen sie noch bis zu 20 "Mucken" im Jahr, allerdings nur im Nebenjob. Karat sind weiter hauptberuflich unterwegs. Also muss es sich wohl noch lohnen. Das Magdeburg-Konzert mit Puhdys und City vergangenen Sonnabend zumindest war ausverkauft.

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