Liebe Magdeburger, wenn am 16. Januar um 21.28 Uhr die Kirchenglocken der Stadt läuten, dann erinnern sie an eine der schwersten Stunden der Magdeburger Stadtgeschichte. Vor 70 Jahren erfolgte der größte Bombenangriff auf Magdeburg im Zweiten Weltkrieg. Er kostete Tausenden Magdeburgern das Leben – und die Stadt verlor ihr Gesicht. Zwischen Hauptbahnhof, Hasselbachplatz, Elbe und heutigem Uniplatz blieb nahezu kein Haus stehen. 60 Prozent des restlichen Stadtgebiets waren ebenfalls zerstört. Bis heute hat sich die Stadt davon nicht vollständig erholen können. Freiflächen wie der Ulrichsplatz sind stumme Zeitzeugen. Hier stand einst die Ulrichskirche. Hier gab es einst eine pulsierende Altstadt mit einem barocken Breiten Weg, der zu den schönsten Straßen in ganz Deutschland gehörte.

Wenn heute die Glocken läuten, dann ist es Zeit, an diese Schicksalsstunde zu erinnern. An die schlimmen Folgen des Krieges mit Toten und Stadtzerstörung. Aber auch an Ursachen. Der von Deutschland angezettelte grausame Krieg kehrte in sein Ursprungsland zurück. Magdeburg erlebte ein Inferno, nicht zum ersten Mal. Im Dreißigjährigen Krieg war die Stadt ebenfalls mitten in ihrer Blütezeit schwer zerstört worden.

Wenn heute die Glocken läuten, dann werden bei den Älteren unter uns die Erinnerungen lebendig. An einen glutroten Himmel über der Stadt. An brennende Häuser. An kochenden Asphalt. An verschüttete Menschen. An Leichen zwischen den Trümmern. An den Verlust geliebter Menschen. An eine Innenstadt voller Schutt und Asche.

Wenn heute die Glocken läuten, erinnern sie auch an die Generationen nach den Zeitzeugen. Auch sie haben in jahrzehntelanger Arbeit Magdeburg unter schwierigsten Bedingungen wieder aufgebaut. Bis heute ist dieser Prozess nicht abgeschlossen, der durch die politische Wende 1989 noch ganz neue Impulse bekam.

Wenn heute die Glocken läuten, dann ist es an der Zeit, den unbändigen Aufbauwillen der Magdeburger zu würdigen. Den Unbilden des Krieges zum Trotz haben die meisten ihre Heimat nicht aufgegeben. In den folgenden 70 Jahren konnte das alte Vorkriegs-Magdeburg zwar nicht wiedererstehen. Mut, Ausdauer und Entschlossenheit bildeten aber die Grundlage für ein neues, liebenswertes Magdeburg, dessen Anziehungskraft gerade in diesen Tagen so spürbar ist wie seit Jahren nicht.

Wenn heute die Glocken läuten, dann denken wir an die Opfer des Krieges. An uns nachfolgenden Generationen liegt es, die Ereignisse von damals weder zu verklären noch umdeuten zu lassen.
---- Wenn heute die Glocken läuten, dann steht dieser 16. Januar im Magdeburger Kalender der Stadtgeschichte wie kein anderer Tag für Trauer um die Opfer und als Tag für Frieden, Toleranz und Menschlichkeit.

Wenn heute die Glocken läuten, dann schwingt Erinnerung, Mahnung und Zuversicht gleichermaßen mit. Diese Sonderbeilage der Magdeburger Volksstimme nimmt diesen Gedanken auf. Sie soll erinnern, nachdenklich machen und neben einer Zeitreise die unbezwingbare Zuversicht ausdrücken, die die Magdeburger über alle Jahrzehnte und trotz vieler Hürden noch bis heute auszeichnet.

Wenn heute die Glocken läuten, dann ist ihr klares Klingen auch ein Auftrag an uns. Lassen wir nicht zu, dass Magdeburger Geschichte missbraucht wird. Weder rund um den 16. Januar noch an irgendeinem anderen Tag.