Das Jerichower Land feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Was macht diesen Kreis so besonders? In einer Serie von A wie Anfang bis Z wie Ziegelsdorfer Telegraf gehen Volksstimme-Redakteure der Sache auf den Grund. R wie Radsport: Das Jerichower Land hat Dutzende zu Meistern und sogar Olympiasiegern gemacht.

Genthin l Wer heute Rennrad fährt, sitzt fast immer auf einem bequemen Plastiksattel. Und er trägt Schuhe, die in das Pedal eingehakt und im Notfall auch wieder ganz schnell ausgehakt werden können. Das war vor 50 Jahren anders. "Da gab es nur Ledersattel, die wenn sie nass wurden, sich verformt haben", erinnert sich Horst Grimm.

Mit 18 Jahren fuhr der heute 73-Jährige für die Betriebssportgemeinschaft Einheit Genthin. Von seinem ersten Lohn kaufte sich der Chemiefacharbeiter ein eigenes Rennrad.

Und was die Pedalen betrifft, waren diese mit Riemen an den Schuhen befestigt. "Wenn man hinfiel, blieb das Rad hängen", weiß Grimm nur allzu gut aus Erfahrung. Aber wirklich verletzt habe er sich nie, nur einmal das Handgelenk gebrochen. Hautabschürfungen würden zum Alltag gehören. "Der Radsport ist weniger gefährlich als Fußball."

Und Horst Grimm muss es wissen. 50 Jahre lang stand er an der Spitze des Genthiner Radsports. Schon mit 21 Jahren war er Sektionsleiter. 1963 wurde Horst Grimm von der Nationalen Volksarmee eingezogen. Als er zurückkommt, spielt der Radsport in Genthin keine Rolle. 1966 baut er deswegen die Sektion Radsport neu auf. Mit Erfolg.

Talente wurden in Genthin entdeckt, ausgebildet und an andere Radsportclubs delegiert. Wie Doppelweltmeister Norbert Dürpisch, Vizeweltmeister Emanuel Raasch und Olympiasieger Bernd Dittert. Gemessen haben die Rennfahrer sich auch immer vor Ort. Der Spee-Cup hat Tradition in Genthin. Seit mehr als 20 Jahren findet dieser - und die Deutschen Meisterschaften im Einzelzeit- sowie Mannschaftszeitfahren - auf den Genthiner Straßen statt. "Wir haben ganz klein angefangen und konnten dann den großen Sponsoren gewinnen", ist Grimm stolz.

Spitzenzeiten von rund 50 Kilometer pro Stunde erreichen die Fahrer an solchen Tagen auf der Bahn. Der Kopfschutz kann dann überlebenswichtig werden.

Im kleinen Vereinsheim des Genthiner Radsport-Clubs sind mehr als zehn Helme unter der Decke gestapelt. "Wir sind damals noch mit Schirmmützen gefahren, richtig cool mit Schirm nach hinten", erzählt Horst Grimm und muss schmunzeln. Danach seien aber schnell Ledersturzkappen und letztlich die stabilen Helme zur Pflicht geworden.

Horst Grimm lässt seinen Blick über die bunten Rennräder in der kleinen Werkstatt schweifen. "Die werden gerade für das nächste Rennen fertig gemacht." Geschaltet wird am Lenker - nicht mehr an der Stange. Und was noch komfortabler ist? Die Kleidung. "Heute sind das alles feine Fasern, wir sind mit Wolltrikots und gestrickten Rennhosen angetreten." Horst Grimm lacht und hofft, dass diese Argumente neuen Nachwuchs überzeugen.

Damit hatte der Genthiner Radsport vor 50 Jahren kein Problem. Talentierten Nachwuchs gab es. An der 8. Kleinen Friedensfahrt nahmen zehn- bis vierzehnjährige Rennfahrer teil. In der Berichterstattung heißt es: "Großartige Stimmung, beifallsfreudige Zuschauer, beispielhafter Kampfgeist der jungen Rennfahrer und beachtenswerte Leistungen ..."

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