Ziegelsdorf/Dretzel/Schermen/Biederitz l Die Geschichte der optisch-mechanischen Telegraphenlinie zwischen Berlin und Koblenz kann auch an den Stationen 10 bis 13 nachvollzogen werden. Als einzige dieser vier im Jerichower Land befindlichen Stationen kann die Station in Ziegelsdorf eine Telegraphenattrappe vorweisen.

Das zirka zehn Meter hohe Bauwerk wurde am 20. Mai 2011 feierlich eingeweiht. Sie steht am westlichen Ende der Telegraphenstraße. Von der Telegraphenstation selbst ist heute nichts mehr vorhanden. Sie befand sich etwas abseits vom heutigen Standort der Telegraphenattrappe. Im Zuge der Errichtung der Telegraphenattrappe wurde die Straße in Ziegelsdorf mit der Zustimmung der Bürger in Telegraphenstraße umbenannt. "Es ist die einzige im Landkreis, die diesen Namen trägt", so Torsten Wambach vom Heimatverein Grabow, der die Arbeitsgruppe Telegraphenattrappe leitet. Neben der Attrappe gibt es am Ziegelsdorfer Standort auch zwei Informationstafeln, eine Sitzgelegenheit sowie einen "Drahteselrastplatz". Von April bis Oktober bietet der Heimatverein Grabow jeweils am zweiten Sonntag im Monat einen offenen Telegraphentag an. Hier gibt es Führungen und die Besucher können an der Attrappe auch selbst Zeichen einstellen. Torsten Wambach: "Ansonsten wechseln wir alle zwei Wochen die Zeichen."

Fundament lässt Grundriss erkennen

Die Station Nummer 10 befindet sich auf dem Weinberg in Dretzel. Unter einem Erdhügel wurden Fundamentsreste vermutet. Heute lässt ein Fundament aus preußischen Tonziegeln den Grundriss der einstigen Telegraphenstation erkennen. Auch dort wurden Informationstafeln und Sitzgelegenheiten aufgestellt. Westlich der Ortschaft Zitz im Landkreis Potsdam-Mittelmark befand sich die Nachbarstation Nr. 9, über die ein Schaukasten im Ortszentrum informiert.

Die Station Nr. 12 war auf dem Kapaunenberg in Schermen angesiedelt. Dort ist in den vergangenen Wochen eine Aussichtsplattform entstanden, die kürzlich feierlich eingeweiht wurde. Die Station befindet sich rechts der Straße von Schermen nach Pietzpuhl. Vom ehemaligen Standort aus haben Besucher bei entsprechenden Wetterverhältnissen eine sehr gute Fernsicht nach Magdeburg und bis hin zum Brocken.

Auf dem Telegraphenberg am Ende der Willi-Obermüller-Straße in Biederitz stand die Station Nr. 13. Das ehemalige Stationsgebäude ist teilweise zurückgebaut worden. Es ist heute ein Anbau eines Wohnhauses und ist nicht öffentlich zugänglich. Das Äußere der Station kann anhand des vorhandenen Mauerwerkes mit der Station Nr. 18 in Neuwegersleben verglichen werden. Nachbarstation Nr. 14 war die Johanneskirche in Magdeburg.

"Telegraphen-Corps" eigens geschaffen

König Friedrich-Wilhelm III. hatte im Juli 1832 den Bau der rund 600 Kilometer langen Telegraphenlinie angeordnet. Aus Kapazitätsgründen wurde sie jedoch nur für staatliche und militärische Zwecke genutzt. Die einzige optische Telegraphenlinie des Königreichs Preußens stellte zu ihrer Zeit den höchsten Entwicklungsstand der optisch-mechanischen Telegraphie dar.

Zwischen den einzelnen Stationsstandorten wurden verschlüsselte Nachrichten weitergegeben. Die Auswahl der Telegraphenstationen erfolgte nach den bestmöglichen Sichtverhältnissen bei insgesamt möglichst kurzer Linienführung. Für die 62 Telegraphenstationen wurden 56 eigens entwickelte Funktionsbauten errichtet und auch vorhandene Bauwerke (eine Sternwarte, drei Kirchen und zwei Schlösser genutzt. Zum Betrieb der Stationen wurde das "Telegraphen-Corps" geschaffen. Dies war eine zirka 170 Mann starke Spezialeinheit. Auf einer Station waren immer zwei Telegraphisten tätig.

Insgesamt gab es 4095 Kombinationsvarianten

Eine preußische Telegraphenanlage bestand aus einem Signalmast, an dem auf drei Ebenen Flügelpaare installiert waren. Die einzelnen Flügel konnten unabhängig voneinander über ein Seilzugsystem in die Stellungen 45 Grad, 90 Grad und 135 Grad gebracht werden. Insgesamt gab es 4095 Kombinationsmöglichkeiten. Mit einem Zeichen wurden Zahlen, Buchstaben, Silben, Wörter oder ganze Sätze verschlüsselt.

Die Depeschen wurden über verbindlich festgelegte Flügelstellungen von Station zu Station übermittelt. Der Obertelegraphist beobachtete die Nachbarstation, las die Flügelstellung ab und notierte sie. Der Untertelegraphist stellte das empfangene Zeichen auf seiner Station ein und überwachte die richtige Einstellung auf der nächsten Station. Bei guter Sicht benötigte eine Depesche für die gesamte Strecke zirka 90 Minuten.

Quelle: Auf den Spuren der optischen Telegraphie im Jerichower Land