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Die Medienserie der Volksstimme (Teil 2): Die Zukunft des Radios


Nach UKW kommt das Haifischbecken

27.03.2010 11:01 Uhr |


Von Oliver Schlicht



Es macht Musik, es informiert, es begleitet viele Menschen durch den ganzen Tag: das Radio. Ein solides Medium, sollte man meinen. Doch die Welt der Radiomacher ist in Sachsen-Anhalt nicht frei von Sorgen. Nicht genug, dass die Hörerzahlen zurückgehen. Jetzt drohen auch noch hohe finanzielle Risiken duch die Digitalisierung des Rundfunks.

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Magdeburg. Das feuchte Handtuch trocknet nach dem Duschgang, in der Küche knattert die Kaffeemaschine. Ein Druck auf den Radioknopf und schon sind wir – häufig noch vor dem ersten Blick in die Tageszeitung – medial mit der Außenwelt verbunden. Jeder hat da seine Vorliebe: Der eine mag es flotter mit Radio SAW oder Radio Brocken, der andere beschwingter mit MDR Sachsen-Anhalt oder informierter mit dem Deutschlandfunk. Radio macht Spaß, solange der Moderator nicht nervt. Radio ist Unterhaltung im Hintergrund – manche dürfen es sogar während der Arbeitszeit hören.


Radio hören ist eine von diesen kostenlosen Selbstverständlichkeiten, über die kaum jemand nachdenkt. Es ist einfach da. Noch. Denn ob der ganz persönliche Lieblingssender auch in der Zukunft spielt und vor allem wo, beginnt sich gerade in diesen Monaten grundlegend zu entscheiden. Zu tun hat das – ganz profan gesagt – mit dem Knopf, auf den wir drücken, wenn das Radio zu spielen beginnen soll.

Erste UKW-Übertragung 1925 in Thüringen

Dieser Knopf verbindet das Radio mit einem Programm, das in der Regel über Ultrakurzwelle übertragen wird – UKW abgekürzt. Dieses UKW ist technisch gesehen ein alter Hut, vergleichbar mit Opas Antennenfernsehen. Die erste UKW-Übertragung der Welt fand in Thüringen statt: 1925 zwischen Jena und Kahla. 1952 gab es 106 UKW-Programme in Deutschland, ab den 1960er Jahren wurde auch in Stereo gesendet. Radioprogramme im UKW-Bereich klingen sehr gut. Aber es passen in den Frequenzbereich nur eine sehr überschaubare Menge an Programmen hinein. Kaum zehn Programme in einer Region.

Das Radio hinkt dem digitalen Zeitalter hinterher. Mehr Programmvielfalt, brillanter Klang, Moderatorenbildchen und Songname auf dem Display, minütliche Datenübertragung für die perfekte Stauumfahrung – dies alles ist technisch längst möglich. Nur nicht im analogen UKW. Immerhin: Während sich andere Medien schon jahrzehntelang (Zeitungen und Zeitschriften) oder Jahre lang (Fernsehen und Internet) in einem Haifischbecken voller Konkurrenten herumprügeln müssen, blicken Radiosender mit UKW-Lizenz auf eine überschaubare Zahl von Mitbewerbern. Von einem geruhsamen UKW-Leben kann dennoch keine Rede sein. Private Radio-Veranstalter müssen sich einem künstlich regulierten Markt unterwerfen. Ihre Sendelizenz wird alle zehn Jahre neu vergeben. Ihre größte Konkurrenz um Werbeeinnahmen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wird über Gebühren vom Steuerzahler finanziert. Dieser Konkurrent ist ein ziemlich kapitaler Hai.

Doch zurück zu UKW. Warum? Weil dort die Werbe-Musik spielt. Nicht im Satelliten-Radio und schon gar nicht im Internet. Über UKW werden Hörermassen erreicht, dort verdienen die privaten Programmveranstalter das Geld zur Refinanzierung ihrer Programme. Bislang. Denn UKW ist ein Auslaufmodell. Der Nachfolger heißt Digital-Radio und geht 2011 bundesweit auf Sendung. Vor einem geordneten Übergang aus der analogen UKW-Welt in die digitale DAB-Welt (Digital Audio Broadcasting) kann jedoch keine Rede sein. Zu befürchten ist aus Sicht der privaten Radiomacher kein UKW-Ende mit Schrecken, sondern ein Schrecken ohne Ende.

Ablösung von UKW war für 2010 geplant

Bereits vor zehn Jahren hat eine Initiative Digitaler Rundfunk (IDR) der Bundesregierung die Ablösung des analogen UKW durch das Digitalradio empfohlen. 2010 sollte das passieren. Bis heute wurde dies nicht umgesetzt. Stattdessen wurde jahrelang um technische Standards gestritten. Erschwerend kam hinzu: Die Hoheit über Aufbau und Betrieb des deutschen Rundfunknetzes – bis 1995 Aufgabe der Bundespost – wurde vom Staat in die Privatwirtschaft delegiert. Aus der Bundespost wurde die Telekom. Die Telekom-Rundfunksparte wurde zur Tochtergesellschaft T-Systems, wo sie wiederum als Geschäftsbereich "Media & Broadcast" geführt wurde. 2007 entstand die "Media & Broadcast" GmbH (M&B). Im Januar 2008 wurde M&B nach Frankreich an die Télédiffusion de France (TDF) verkauft. Seitdem firmiert sie als Media Broadcast GmbH, ein französisches Unternehmen.

Diese Media Broadcast erhielt – das war zu erwarten – im Herbst 2009 den Zuschlag der Bundesnetzagentur zum Aufbau des Digital-Radios in Deutschland. Bis September 2011 sollen 35 Sendetürme – in Sachsen-Anhalt machen Magdeburg und Halle den Anfang – ihren Betrieb aufnehmen. Bis September 2015 werden 110 Sendetürme in Deutschland für eine weitgehende flächendeckende Verbreitung sorgen. Und wie refinanziert Media Broadcast die Netzaufbaukosten? Zum einen geschieht dies über Rundfunkgebühren, weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk sofort mit geballter Kraft seiner – digital sogar noch ausgebauten – Programmvielfalt auf Sendung geht. Zum anderen werden die privaten Programme ins Digitalradionetz "eingeladen" – die von der Media Broadcast kürzlich veröffentlichten Netzgebühren für bundesweite Lizenzen und Vertragslaufzeiten mit Ausstiegsklauseln erst nach mehreren Jahren haben bei privaten Radiomachern für Empörung gesorgt. "Das ist, als baue der Staat Straßen, auf denen nur Politiker und Minister kostenlos fahren dürfen", so ein Branchenexperte.


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Copyright © Volksstimme 2013
Dokument erstellt am 2010-03-27 06:16:52
Letzte Änderung am 2010-03-27 11:01:19

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