Wer kennt nicht die russische Zeitung oder das türkischsprachige Magazin im Tankstellen-Zeitungsstand. Für viele ausländische Mitbürger sind die Medien ihrer alten Heimat eine Brücke zum Herkunftsland. Doch der Medienkonsum von Migranten hat sich in den vergangenen Jahren verändert.

Berlin. Der türkische Familienvater Ahmet Ergün kauft sich schnell noch die " Hürriyet ", bevor er mit der Arbeit in dem kleinen Lebensmittelladen seines Cousins in Berlin-Neukölln beginnt. Er will ja informiert sein, was alles in seinem Heimatland passiert ist – nicht zuletzt, um auch mit seiner überwiegend türkischen Kundschaft über die Heimat diskutieren zu können.

Abends dann schaut er mit der ganzen Familie über Satelliten empfangenes türkisches Fernsehen. Nach einer kurzen Nachrichtensendung, die von aktuellen politischen Entwicklungen in Istanbul berichtet, läuft eine besonders von Türken geliebte Familienserie, die jedes Alter anspricht und den Fernsehabend zu einer gemütlichen nahezu heimischen Familienzeremonie werden lässt.

Analysiert man Ahmet Ergüns täglichen Gebrauch von Medien, so kommt einem die in diesem Zusammenhang oft benutzte Bezeichnung " Medienghettos " in den Sinn. So haben Experten immer wieder davor gewarnt, dass sich die etwa 15, 6 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund in eben solche Medienghettos zurückzögen und so auch eine erfolgreiche Integration unmöglich sei. Doch ist eine solche Befürchtung tatsächlich realistisch ? Lässt sich die oft diskutierte Gleichung " Nutzung heimatsprachiger Medien gleich fehlgeschlagene Integration " überhaupt aufrechterhalten ?

Viele Studien haben versucht, das Medienverhalten von Migranten zu untersuchen und sind zu dem Schluss gekommen, dass hierbei nicht pauschalisiert werden darf. Denn es gibt erhebliche Unterschiede und die Mediennutzung hängt ab von Herkunftsland, Generation, Altersklasse, Geschlecht, Milieu – zum Beispiel Arbeitermilieu oder religiös-verwurzeltes Milieu – und Bildungsstand.

So spielt die Nutzung heimatsprachiger Medien beispielsweise besonders bei türkischen oder italienischen Migranten eine große Rolle, wobei sie bei anderen Einwanderungsgruppen nicht so ausgeprägt ist. Befürchtungen, alle Menschen mit Migrationshintergrund könnten sich in medialen Parallelwelten verschanzen, sind daher keinesfalls zutreffend.

Denn im Gegenteil wird festgestellt, dass die Bereitschaft und das Interesse, deutsche Medien zu konsumieren, mit der Zeit erheblich zunehmen. Natürlich interessiert sich die erste Einwanderungsgeneration, das heißt ältere Migranten, noch sehr stark für das Geschehen in der Heimat und wollen sich regelmäßig informieren. Frisch Eingewanderte greifen zudem in der Regel einfach aufgrund sprachlicher Defizite zum Medium in ihrer Muttersprache. Die zweite und dritte Generation hingegen haben die gröbsten sprachlichen Barrieren bereits abgebaut, stehen den deutschen Medien sehr offen gegenüber und haben dabei vor allem das deutsche Fernsehen für sich entdeckt.

Flucht zurück in die

Kultur der Heimat

Jedoch können auch einige Ausnahmen beobachtet werden – sobald Vorurteile oder Diskriminierung gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders groß werden, flüchten sich diese – meist Jugendliche – wieder in ihre Heimatkultur und verweigern sich der Integration. Sie konsumieren dann wieder verstärkt Medien in ihrer Muttersprache.

Allgemein erkennen Experten aber einen Trend des Medienverhaltens von Migranten hin zu deutschsprachigen Angeboten und damit auch hin zum verstärkten Interesse für das Gastland. Laut einer im Jahr 2008 durchgeführten Sinus-Studie interessieren sich bis zu 82 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund für die Berichterstattung über aktuelle Ereignisse in Deutschland.

Das Medium in der Heimatsprache wird in diesen Fällen oft ergänzend als Brücke zum Herkunftsland gesehen, durch welches die eigene Kultur nicht vergessen und Heimatgefühle befriedigt werden können. Letzteres bedeutet keine mediale Abschottung, sondern vielmehr einen weiteren Schritt hin zur multikulturellen Integration, denn der Migrant integriert ein Stück eigene Kultur in sein neues Zuhause.

Dass deutsche Medien, besonders das Fernsehen, verstärkt von Menschen mit Migrationsbiografie genutzt werden, ist auf ein schon länger andauerndes Umdenken zurückzuführen. Viele Programmchefs bemühen sich, Volontäre, Journalisten, Moderatoren, Kameraleute, Schauspieler und Mediengestalter mit Migrationshintergrund für sich zu gewinnen.

Dies geschieht im Hinblick darauf, dass sich das Fernsehen zu einem Leitmedium für Migranten entwickelt und daher eine wichtige integrative Funktion hat. Lange schon hat dadurch die Präsenz von Ausländern in deutschen Medien zugenommen. Die werden nunmehr – zumindest in Fernsehsendungen – nicht mehr als " böse Islamisten " oder " Terroristen " dargestellt, sondern moderieren seriöse Sendungen, gestalten die deutsche Comedylandschaft mit oder brillieren als exzellente Schauspieler.

In verschiedenen Sendungen werden darüber hinaus kulturelle Vielfalt und Integration behandelt und das Zusammenleben verschiedener Kulturen als etwas ganz normales dargestellt. Menschen mit Migrationshintergrund können sich auf diese Weise viel mehr mit der deutschen Kultur sowie der Medienlandschaft anfreunden und bleiben diesen auch verbunden. So ist es weiterhin eine wichtige Aufgabe, die Realität der Einwanderungsgesellschaften darzustellen und integrationsfördernde Maßnahmen zu unterstützen – worauf sich alle öffentlichen und privaten Medienanbieter verpflichtet haben, indem sie dem 2007 ins Leben gerufenen Nationalen Integrationsplan von Bundeskanzlerin Angela Merkel ( CDU ) zugestimmt haben.

Menschen mit Migrationsbiografie nutzen im Durchschnitt also am häufigsten den Fernseher, um deutsche Medien zu verfolgen und sehen diesen auch als Leitmedium. Doch auch Tageszeitungen, das Radio – und besonders bei jungen Menschen – das Internet, gewinnen immer mehr an Bedeutung. Anstatt einer medialen Parallelgesellschaft, in die sich Migranten zurückziehen, entwickelt sich so eine Medienlandschaft, die Migranten und Deutsche zugleich anspricht und verbindet.

Halbierung der

Hürriyet-Verkaufszahlen

Dass trotzdem noch an vielen Zeitungsläden Hürriyet, Russkij und Co. gekauft werden und auch die Satellitenschüsseln an von Migranten bewohnten Wohnungen nicht weniger werden, widerspricht dem Trend hin zu deutschen Medien nicht. Denn die Brücke zum Herkunftsland ist für viele Menschen trotz Integrationswillen eine wichtige Voraussetzung dafür, in Deutschland ein Leben " in der Fremde " zu gestalten.

Dass jedoch auch die deutschen Medien für sie immer wichtiger werden, zeigen die Verkaufszahlen der Hürriyet : Die haben sich in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland halbiert. Ein Indiz dafür, dass immer mehr türkische Mitbewohner sich deutsche Zeitungen kaufen oder sich über deutsche TV-Nachrichten informieren – keine Spur von Medienghettos also.