Junge Leute leben in ihrer eigenen Welt. Und die heißt Internet. 93 Prozent der 20- bis 24-Jährigen sind bei einem sozialen Netzwerk angemeldet. Twitter, Facebook, Xing – auch Arbeitgeber nutzen zunehmend diese Social-Media-Dienste. Damit wollen sie die passenden Mitarbeiter finden – oder auch aussortieren.

Magdeburg. "Willst du mit mir gehen? Suche Kollegen für Otto.de." Was eingangs klingt wie eine Teenager-SMS, ist eine Stellenanzeige von Otto im Nachrichtendienst Twitter. Da wirbt der Handelskonzern dann: "Karriere machen. Zeichen setzen. Als Projektmanager/in Online Services für otto.de in Hamburg." Nicht nur Otto hat das Web 2.0 für sich entdeckt. Seit 2009 sind die Personalabteilungen in Social-Media-Diensten aktiv. Twittern Jobangebote, laden Imagefilme auf YouTube, gehen bei Facebook Kontakte mit am Unternehmen interessierten Nutzern ein.

Einfach trendy. Unternehmensberater Thorsten zur Jacobsmühlen hat hier einen Trend ausgemacht. Belegt das mit einer Umfrage: Von 548 deutschen Firmen konnten 65 Prozent über den Einsatz von Social-Media-Diensten im Personalmarketing bereits Mitarbeiter rekrutieren. Ja, das Netz bietet ungeahnte Reichweiten. Wie ein Virus verbreiten sich da Informationen.

Das klingt super. Ist es auch. Das Netz voller Chancen – aber auch voller Risiken. Was ist, wenn ein Bewerber mit seiner Ausbildung und seinen Berufserfahrungen dem Profil der avisierten Firma entspricht, die auch noch genau diese eine Stelle offeriert, die man unbedingt haben will, dann aber damit konfrontiert wird, dass die Personalabteilung etwas über einen gefunden hat: ein Video bei You Tube? Ein paar Jahre alt, eigentlich schon vergessen, aber von jener Firma mit meinem gewünschten Traumjob gefunden. Auf diesem Video ist man drauf, erkennbar, leicht bekleidet, sturzbetrunken, lallend. Obszön, abstoßend. Das war es dann mit der Firma. Aus und vorbei!

Das Netz vergisst nie, Privatsphäre adé

Die soziale Vernetzung via Internet ist auf dem Vormarsch. Und der unbedarfte Community-Jünger wird zum gläsernen Menschen. Gibt er doch oft genug mehr über sich preis, als ihm später lieb ist. Das Netz vergisst nie. Privatsphäre adé.

In Social Networks kursiert alles Mögliche. Wie gefährlich das sein kann, belegt die niederländische Internetseite "PleaseRobMe": Twitter wird dazu benutzt, Einbrecher auf aktuell unbeaufsichtigte Wohnungen aufmerksam zu machen. "Muss jetzt in den Flieger." So liest sich das, wenn ein Twitter-Süchtiger die Welt an den Wasserstandsmeldungen seines Lebens teilhaben lässt. Alles, aber auch alles wird protokolliert. Belangloses Zeug, das mitunter für ganz bestimmte Berufsgruppen relevant ist, sozusagen einladend.

Nach dem nicht ganz ernst gemeinten Motto: "Sage mir, wo du bist, und ich raube deine Wohnung aus." Das neue Internetangebot "PleaseRobMe" ("Bitte raub mich aus") benennt Twitter-Nutzer, die gerade ihr Haus verlassen haben. Die Techniken für das soziale Web seien so einfach geworden, dass die Leute bereit seien, viel zu viele Informationen über sich preiszugeben, sagt Boy Van Amstel, einer der Initiatoren von "Please Rob Me". Der 25-jährige Niederländer und seine Mitstreiter wollen dazu anregen, mehr über das eigene Verhalten im Netz nachzudenken.

Solcherlei Daten lassen sich ja auch mit weiteren, ebenso vermeintlich harmlosen Quellen verbinden im Netz: Bei Facebook zum Beispiel erfährt man etwas über Beruf und Lebensumstände: Verheiratet? Allein lebend? Wohlhabend? Bei Google Maps über das Umfeld, für die Planung des Fluchtweges nützlich. Bei Earth hat der stolze Hausbesitzer dann noch Fotos veröffentlicht: Mein Garten, meine Hintertür, mein Wohnzimmer, meine Schätze?

"Bitte raub mich aus" – Christopher Lynn, Marketing-Direktor des Hotels "Colonnade" in Boston, wollte eigentlich gar nicht beklaut werden. Der Geschäftsmann aber fiel aus allen Wolken, als er bei "Please Rob Me" auftauchte. Inzwischen, so sagt er, sei er vorsichtiger geworden mit den Mitteilungen zu seinem Aufenthaltsort. Trotz immer wiederkehrender Kritik von Experten, trotz Mahnungen von Jugend- und Datenschutzorganisationen: Die eigene Identität wird im Internet breitgetreten. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute ...

An einem Mittwoch, schrieb ein israelischer Soldat auf seiner Facebook-Seite, werde seine Einheit ein Dorf auf der West Bank stürmen. Die Razzia fiel aus, der kommunikationsfreudige Soldat kam vors Militärgericht. Das Problem aber bleibt: Geheimhaltung ist kaum noch möglich. Für Militärs gerade in akuten Konflikten mit lebensbedrohlichen Konsequenzen. Auch Soldaten bloggen, twittern, sind stets per Handy erreichbar und agieren in Social Networks.

E-Mails sind eben nicht mehr für alle Kommunikationsmittel Nummer Eins. Viele plaudern lieber in Sozialen Netzwerken. Outlook 2010 reagiert auf den Trend und integriert die Statusmeldungen aus Facebook & Co. Die Technik dafür bezeichnet Microsoft als "Outlook Social Connector" (OSC). Der zuständige Manager Michael Affronti erklärt im Entwicklerblog: "OSC macht Outlook zu einem Werkzeug für Soziale Netzwerke."

Eine nun veröffentlichte Beta-Version des OSC holt sich zu den Kontakten im Adressbuch die jeweils passenden Statusmeldungen aus LinkedIn und künftig auch aus Facebook und MySpace. Wer eine E-Mail eines Facebook-Kollegen erhält, sieht zusätzlich zu dessen E-Mail-Adresse und Profilbild auch einen Status-Einzeiler: "Bin zu Mittag mit Olli, Prost." Bis Sommer des Jahres soll das Connector-Add-on auch selbst Status-Updates verschicken können.

Die USA indes wollen jetzt autoritäre Regimes zu mehr Meinungsfreiheit zwingen und kippen Kommunikationsbarrieren im Web: Washington hat Internet-Sanktionen gegen Kuba, Iran und den Sudan gelockert. Das Finanzministe-rium erlaubt US-Firmen nun den Export von Software und die Freischaltung von Web-Diensten wie Instant Messaging, Chats, E-Mail und Sozialen Netzwerken.

Zugang zum Internet ein Grundrecht

Vier von fünf Erwachsenen sehen einen Zugang zum Internet als Grundrecht an. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der britischen Rundfunkanstalt BBC unter 27 900 volljährigen Internetnutzern in 26 Ländern. Für 78 Prozent der Befragten hat das Internet mehr Freiheiten gebracht. 90 Prozent sehen das Netz als einen guten Ort zum Lernen an und 51 Prozent verbringen ihre Freizeit in Social Networks. Der Anteil der Netzwerknutzer in Deutschland beträgt hingegen nur 18 Prozent. Aber: 93 Prozent der 20- bis 24-Jährigen sind da hierzulande angemeldet.

Neben dem Enthusiasmus ist bei den Befragten aber auch Skepsis zu spüren. So hätten zwar 48 Prozent gesagt, das Internet sei ein sicherer Platz, um seine Meinung auszudrücken, doch 49 Prozent waren gegenteiliger Meinung. Dieser Anteil beträgt in Deutschland sogar 72 Prozent, er ist damit unter allen Ländern am größten!

Fragwürdig ist der Umgang mit Nutzerdaten bei Facebook. Im Dezember 2009 gab das Unternehmen den Mitgliedern mehr Kontrollmöglichkeiten darüber, wer auf ihre Inhalte Zugriff hat. Profilfotos, die bislang nur Freunde sehen konnten, sind nun auch für jeden Internetsurfer abrufbar. Deutsche Datenschützer prüfen, ob sie dagegen vorgehen.

Die VZ-Netzwerke sind ebenfalls in die Schlagzeilen geraten. Zuletzt im vergangenen Jahr, als ein Hacker eine Sicherheitslücke ausnutzte und Daten von 1,6 Millionen Jugendlichen aus SchülerVZ herunterlud. Die Firma ließ dann den TÜV Süd prüfen, wie es um die Sicherheit der Daten bestellt ist und schmückt sich seit Januar mit einem Siegel der Tester.

Das Fazit bleibt: Neugierig sein, aber Augen offen halten und prüfen! Vorsicht eben.