Rückbau oder Polder?

Deichrückverlegung: Ein neuer Deich wird weiter landeinwärts gebaut, der alte Deich aufgeschlitzt oder ganz weggenommen. Vorteil: Der Fluss hat mehr Platz. Ein Plus für die Natur und den Hochwasserschutz. Manko: Da die Flussaue auch bei kleinen Hochwässern nass wird, kann sie kaum noch landwirtschaftlich genutzt werden. Die zusätzliche Überschwemmungsfläche senkt den Wasserstand bei großen Fluten kaum.

Polder: Eine sehr große Fläche wird eingedeicht. Es entsteht eine Art Wanne, die bei Extremfluten gefüllt werden kann. Vorteil: Die Flutung des Polders erfolgt gesteuert, kurz bevor der Scheitel (das Maximum der Flut) eintrifft. Der Wasserstand kann so in der heißen Phase deutlich um 20 Zentimeter und mehr abgesenkt werden. Die Absenkung ist noch 10 Kilometer und mehr spürbar. Manko: Polder sind teuer und man benötigt sehr große Flächen.

Ein Jahr nach der Extremflut reden wir mit Sachsen-Anhalts Hochwasser-Manager über verzweifelte Anrainer, höhere Deiche und die schwierige Suche nach einem Flutpolder. Mit Burkhard Henning sprach Volksstimme-Reporter Jens Schmidt.

Volksstimme: Herr Henning, vor einem Jahr titelten wir: "Eine neue Jahrhundert-Flutwelle rollt heran". Noch kurz zuvor hatten selbst Ihre Fachleute das nicht erwartet. Welche Erinnerungen und Gefühle kommen bei Ihnen hoch, wenn Sie zurückdenken?
Burkhard Henning: Dass zwei Flutwellen zugleich auf uns zurollen - eine in der Elbe und eine weitere in der Saale - das hatte es zuvor nicht gegeben, und das hat uns überrascht. Wir hatten bis dahin immer gedacht, dass die Augustflut von 2002 das Maximale sei, was unsere Generation erleben würde. Doch die Natur hat uns gezeigt, was in ihr steckt.

Wir haben uns dann gefühlt wie Brummkreisel, waren jeden Tag 15, 16 Stunden im Einsatz. Die Stimmung war angespannt. Ich werde nicht vergessen, wie wir bis zur letzten Minute um den Deich in Fischbeck gekämpft haben. Es kam der Punkt, an dem die Leute abgezogen werden mussten. Wer den Punkt verpasst, geht in den sicheren Tod. Denn die Kraft des Wassers ist gewaltig. Der Deich ist bekanntlich gebrochen. Die genaue Ursache wird noch untersucht. Aber: Er hat auch versagt, weil er nicht auf dem neuesten Stand der Technik war. Manche haben gesagt, wir hätten den Deichbruch zugelassen, hätten sie geopfert, um Hitzacker in Niedersachsen zu retten.

Wie stark hat Sie das getroffen?
Das trifft einen schon ins Mark; aber so reagieren Menschen eben in ihrer Verzweiflung. So war es auch 2002 nach dem Deichbruch in Seegrehna bei Wittenberg. Ein älterer Mann hatte mir danach gesagt: "Ich schätze Ihre Arbeit, aber eines können Sie uns nicht ausreden - unser Deich wurde gesprengt." Wir haben diesen Deich nicht gesprengt, aber wissen Sie: Wenn ein Deich bricht, gibt es oft einen dumpfen Knall. Den hören die Leute und sie glauben fest daran, dass ihr Wall gesprengt wurde, um eine Großstadt zu retten. Sie können den Leuten das dann nicht mehr ausreden.

"Die sanierten Deiche haben alle gehalten."

Wie gut haben die Deiche funktioniert, die nach 2002 saniert wurden?
Diese haben alle gehalten. Das schafft Vertrauen. Das zeigt, dass unsere Regelwerke, nach denen wir bauen, klug ausgedacht sind. Aber: Wir brauchen auch gute Zuwege, um im Notfall mit Mensch und Technik heranzukommen. In Glindenberg etwa gab es erst lange Diskussionen, weil wir durch ein Waldstück müssen. Doch nach der Flut begann das Umdenken. 2015, so hoffe ich, werden wir dort bauen.

Und eine weitere Lehre haben wir gezogen: Bäume haben am Deichfuß nichts zu suchen. Wie etwa in Osterholz bei Arneburg, wo der Deich voriges Jahr beinahe gebrochen wäre. Da stehen dicke Eichen - tolle Bäume. Aber Hochwasserschutz muss Vorrang haben. 2014 oder 2015 wollen wir in der Arneburger Region neue Deiche bauen.

Große Bäume stehen auch in der Umflut bei Magdeburg - manche direkt neben der B-1-Brücke. Oder in der Alten Elbe in der Landeshauptstadt. Wenn die brechen ...
... ist das Zerstörungspotenzial groß. Aber wir müssen nicht alle Bäume und Büsche roden. Was weg muss, wird bis Herbst geklärt, wenn die Ergebnisse der hydraulischen Berechnungen vorliegen.

Sind die 2013 gebrochenen Wälle geflickt?
Nicht nur geflickt. Die betroffenen Deiche wurden sachgerecht repariert. In Fischbeck etwa ist eine Spundwand eingebaut worden. In Breitenhagen ist der Deich fachgerecht gesichert, und bis 2015 werden weitere vier Kilometer fertig gebaut. Die wichtigste Botschaft: Bis 2020 werden die Deiche alle auf den neuesten Stand gebracht.

Werden diese Deiche höher als die seit 2002 sanierten Wälle? Gibt das Probleme?
Der Standard für die Hauptdeiche lautet: Hundertjähriges Hochwasser plus einen Meter Freibord - also noch einen Meter oben drauf. Nach den Erfahrungen von 2013 satteln wir noch etwas mehr drauf. In Magdeburg 30 Zentimeter, nördlich davon etwas weniger, da der Fluss dort mehr Platz hat. Die bereits sanierten Deiche können wir nicht nachträglich weiter erhöhen, denn dafür müsste man sie komplett, also auch am Deichfuß, erweitern. Wir können damit leben, dass diese Deiche im Fall einer Extremflut weniger als einen Meter Freibord haben.

Brenzlig war es auch an der Umflut in Magdeburg-Pechau, da hielten nur noch die Sandsäcke das Wasser vor der Stadt zurück. Was passiert dort?

Dort werden elf Kilometer Deich neu gebaut. Baustart soll noch in diesem Jahr sein.

Wird der Wall ebenfalls mit Spundwänden verstärkt?
Nein, das ist nicht nötig, wir haben genug Platz für einen modernen, breiten Deich. Spundwände werden nur dort verbaut, wo es für einen modernen Deich zu eng ist. Beide Varianten sind aber gleich gut.

Irgendwann wird jeder Deich weich. Wie groß bleibt das Risiko?
Das stimmt, doch bei modernen Deichen wird das Sickerwasser in den Untergrund zurückgeführt, so dass sie selbst nach etlichen Tagen unter Dauerdruck nicht brechen. Das funktioniert nicht überall, aber meistens - daran sehen Sie, dass es keine absolute Sicherheit geben kann.

Könnte eine noch extremere Flutwelle auf uns zurollen?
Ja. Die maximale Regenmenge ist zwar physikalisch begrenzt, aber die Elbe hatte 2013 nicht ihren Spitzenwert von 2002 erreicht. Das heißt: Treffen eine Elbeflut wie 2002 und eine Saaleflut wie 2013 zusammen, käme noch mehr Wasser auf uns zu.

In der Stadt Magdeburg gehen manche davon aus, dass das 2013er Maximum von etwa 7,50 Meter nicht überschritten werden kann, da bei einer noch extremeren Flut die Deiche oberhalb der Stadt überlaufen. Aber: Wo strömt dieses Wasser dann hin? Auf Umwegen doch in die Stadt?
Zunächst: Einen absoluten Maximalpegel können wir für keine Stadt oder Gemeinde nennen. Liefe ein Deich oberhalb Magdeburgs über, würde Wasser in Richtung Stadt fließen. Wo das genau ankommt, wird derzeit noch berechnet. Doch das wären sicher noch recht überschaubare Mengen. Verheerender wäre es, wenn in solch einer Situation ein Deich bräche. Die Auswirkungen hängen zwar von vielen Faktoren ab. Dass diese riesigen Wassermengen dann jedoch Städte und Gemeinden schnell erreichen und überschwemmen können, haben die Deichbrüche 2013 gezeigt.

"Jetzt rufen alle nach mehr Flutpoldern."

Alle sind sich einig: Die Flüsse brauchen wieder mehr Platz. Wird in der Region Barby, am Zusammenfluss von Saale und Elbe, ein zusätzlicher Polder gebaut? Er würde dem ganzen Norden nützen.
Dort bei Barby eher nicht. Aber wir schauen uns alle Regionen an - auch die außerhalb Sachsen-Anhalts ...

... das hören wir seit einem Jahr, die Anrainer werden ungeduldig ...
... geben Sie uns noch ein paar Wochen Zeit. Bis zum Herbst sollen die Suchräume definiert werden.

Warum dauert es so lange?
Der Bau eines Polders kostet viele Millionen Euro. Wenn wir einen bauen, muss er auch viel bringen. Wenn wir damit den Wasserstand nur um 5,6 Zentimeter absenken können, wäre das Geld nicht gut investiert. Effektiv ist es, wenn wir den Wasserstand auf langer Strecke um 20, 30 oder 40 Zentimeter absenken. Dafür brauchen wir große, nahezu unbebaute Flächen. Die nahe gelegenen Orte müssen mit Ringdeichen gesichert werden.

Derzeit rechnen wir durch, ob der vorgesehene Elbe-Polder Axien/Mauken oberhalb Wittenbergs effizient genug ist. Auch davon hängt dann ab, wo wir weitere Polder brauchen. Aber wir planen nicht nur, wir bauen auch. Für den Mulde-Polder bei Rösa haben wir Baurecht, und der wird auch gebaut.

Sind die Widerstände und Hürden beim Bau von Flutschutzanlagen immer noch so hoch?
Die Einstellung dazu hat sich offenbar bei vielen gewandelt. Beispiel Polder Axien/Mauken: Vor 2013 hieß es: Hört auf mit dem Unsinn. Jetzt rufen alle nach mehr Flutpoldern. Die naturschutzrechtlichen Verfahren sind weiterhin sehr aufwändig. Genauso spannend aber sind Eigentumsfragen. Die Leute wollen oft kein Geld, sondern Austauschflächen. Daher laufen derzeit Gespräche mit Bund und Kommunen, staatliche Flächen dafür bereitzustellen.

Und: Wir müssen die Leute mitnehmen. Wir haben zum Beispiel kein Problem damit, wenn Landwirte die Polderflächen weiterhin nutzen. Einige Naturschützer kritisieren, dass nach einer Flut, wenn das Wasser wieder abfließt, zu viele Nährstoffe in den Fluss gelangen. Doch: Während einer Flut gelangen ohnehin riesige Mengen davon ins Wasser, dagegen sind die Mengen vom Polder-Acker marginal.

Wir müssen manchmal lange um Kompromisse kämpfen. Beispiel Lödderitzer Forst. Dort verlegen wir einen Deich ins Landesinnere, um der Elbe mehr Platz zu geben. Der Weg auf der Deichkrone soll auch als Radweg genutzt werden, daher wollten wir diesen Weg asphaltieren. Naturschützer forderten Schotter, da dunkler Asphalt im Sommer zu heiß wird und Tiere sich verbrennen können. Doch Schotterwege sind schnell verschlissen. Es gibt aber auch hellen Asphalt. Also nehmen wir nun den.

 

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