Die Beseitigung aller Schäden wird noch ein halbes Jahrzehnt dauern

Am 10. Juni 2013
zwei Minuten nach Mitternacht brach der Elbdeich bei Fischbeck (Landkreis Stendal). Das ausströmende Wasser überflutete 210 Quadratkilometer Land - eine Fläche mehr als doppelt so groß wie der größte innerdeutsche See, die Müritz in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Folgen: 987 Wohnhäuser standen bis zu zwei Meter tief im Wasser. An kommunalen Gebäuden, Straßen, Brücken und Parks sind 80 Millionen Euro Schaden entstanden, im privaten Bereich 45 Millionen Euro. Längst sind nicht alle Flutopfer in ihre Eigenheime zurückgekehrt, über zehn sind inzwischen wegen statischer Probleme abgerissen, vier werden gerade wieder aufgebaut.

400 Maßnahmen zum Wiederaufbau hat die Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land im Herbst bei der Investitionsbank beantragt, bewilligt sind gerade mal 25. Und auch die befinden sich überwiegend in Planung und konnten noch nicht umgesetzt werden.

Dankbar sind die Einwohner des Elbe-Havel-Landes für Geldspenden in Gesamthöhe von rund 1,3 Millionen Euro. Verbandsbürgermeister Bernd Witt geht davon aus, dass es noch vier bis fünf Jahre dauern wird, bis alle Schäden beseitigt sind.

Fischbeck l "Ich krieg` immer noch Gänsehaut, wenn ich davon erzähle!" Keinen einzigen Augenblick der Deichbruchnacht hat Kathrin Köppe vergessen. Und der Satz: "Der Deich ist gebrochen, jetzt rettet jeder seinen Arsch!" brannte sich für immer ins Gedächtnis ein. Mit ihrem Mann André, Wehrleiter in Fischbeck, und anderen Kameraden hatte sie seit Sonnabend auf dem Deich gestanden und das Unmögliche versucht. Und dann ist es Sonntagnacht, 10. Juni, um 0.02 Uhr doch passiert: Der Deich bricht, überflutet hunderte Quadratkilometer im Elbe-Havel-Land und Hunderte Grundstücke.

Eines davon gehört Köppes und den beiden Kindern Marcus und Elisa. Ihr Haus steht 500 Meter vom Deichbruch entfernt. Nur wenige Minuten dauert es, bis das Wasser erst den Garten, dann den Hof und das Haus erreicht. Davon sind heute nur noch wenige Spuren zu sehen. Die letzten Handwerker sind gerade raus aus dem Haus. Alles musste entfeuchtet, entkernt und erneuert werden. "Es ist schön geworden! Aber wir müssen uns erst noch daran gewöhnen. Die Stube beispielsweise nutzen wir kaum, hier riecht es noch wie im Möbelhaus."

Kathrin Köppe erzählt, dass sie immer noch so manche Nacht wach im Bett liegt und ihr die Bilder durch den Kopf gehen von der nächtlichen Flucht im Feuerwehrauto, vom Ablegen des Schlauchbootes, mit dem ihr Mann und sein Stellvertreter Maik Mangelsdorf das erste Mal am Morgen nach dem Deichbruch rüber nach Fischbeck gepaddelt sind, oder vom Heimkommen.

"Unser altes Zuhause würden wir sofort zurücknehmen." Elke und Rüdiger Reimann zwischen Freude und Wehmut

Knapp zwei Wochen nach der Katastrophe wagten sich Köppes das erste Mal nach Hause und trauten ihren Augen kaum, was die Flut hinterlassen und vernichtet hat. Alles war von einem Schmutzfilm überzogen, in den Töpfen und Schüsseln ganz unten in den Schränken stand noch das Wasser und an den Tapeten wuchs der Schimmel. Und dann der Gestank!

Als Kathrin Köppe die nassen, modernden Alben mit den Hochzeitsbildern entdeckt, laufen die Tränen. "Wenn alles überstanden ist, heirate ich dich noch mal und wir machen neue Bilder", nimmt ihr Mann sie tröstend in den Arm. André Köppe selbst verdrängt die Gefühle und redet selten darüber, zu viel hat er in den Jahren bei der Feuerwehr schon erlebt.

Er ist seiner Frau dankbar, dass sie meist zu Hause alles organisiert, mit der Versicherung verhandelt und Anträge bei der Investitionsbank für den nicht versicherten Hausrat stellt, während er auf Montage ist oder erst spät abends von der Arbeit heim kommt. Als Wehrleiter hatte er sich auch noch um seine Truppe zu kümmern, die nach der Aufhebung der Evakuierung mehr denn je zu tun hatte.

Zusammenhalt wurde gestärkt

Wenn Köppes heute zurückblicken, sind es nicht nur schmerzliche Verluste, sondern auch Dankbarkeit und Zuversicht. "Wir wissen jetzt, auf wen wir uns verlassen können. Ohne unsere Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Bekannten hätten wie das nie geschafft. Auch wenn es die eine oder andere Enttäuschung gab, so haben wir auch neue Freunde gewonnen." Ob die Flut sie verändert hat? "Man lernt, sich wieder an Kleinigkeiten zu erfreuen und sieht über so manches einfach hinweg. Wichtig ist, dass wir gesund sind, die Kinder unbeschwert aufwachsen und wir in unseren eigenen vier Wänden leben können. Alles andere ergibt sich, auch wenn unsere Geduld so manches Mal auf eine harte Probe gestellt wird."

Wegen der Hochzeitsbilder muss André seine Kathrin übrigens nicht noch einmal heiraten. Der Fotograf hatte noch die alten Filme und konnte neue Abzüge machen. Zur Silberhochzeit 2020 entstehen dann wieder neue Bilder von einer Familie, die durch eine Katastrophe noch stärker zusammengeschweißt ist.

Noch enger zusammengerückt sind auch Reimanns ein paar Häuser weiter in der Kabelitzer Straße. Bei ihnen ist schon wieder alles gut - zumindest auf den ersten Blick. Elke und Rüdiger Reimann wohnen schon seit einigen Wochen in ihrem neuen Haus, der erwachsene Sohn Guido hat es sich unter dem Dach gemütlich gemacht. Nach einem Fußbruch im Februar humpelt Elke Reimann an Krücken über den Hof, macht mehr, als Ärzte erlauben.

"Aber hier draußen auf dem Hof und im Garten ist so viel zu tun, da kann ich nur schwer tatenlos zusehen." Im nächsten Sommer wollen Reimanns wieder in einer gemütlichen Sitzecke mit rankelnden Pflanzen und inmitten blühender Blumen sitzen, "es kann ja nicht alles von heute auf morgen gehen". Glücklicherweise hatte die Versicherung für den Neustart nach der Flut anstandslos alle Kosten übernommen, so dass sich Reimanns finanziell keine Sorgen machen mussten.

Auch wenn auf Reimanns Hof noch viel zu tun ist, so ist für die Familie schon ein Ende all der Bauarbeiten in Sicht. Bei vielen Nachbarn ist das nicht so. Viele Häuser sind noch Baustelle und unbewohnt. "Ja, bei uns ist alles neu und schön - das stimmt schon. Aber wenn wir tauschen könnten, würden wir unser altes Zuhause sofort zurücknehmen. Denn das haben wir uns selbst geschaffen, nach und nach mit dem Geld, das wir uns mühsam zusammengespart haben. Es war gemütlich und wir haben uns rundum wohl gefühlt. Das wollen wir auch in Zukunft - nicht mehr und nicht weniger."

"Alles ist neu, aber so richtig freuen kann ich mich nicht." Fischer Gernot Quaschny vermisst seinen alten Hof.

Fischer Gernot Quaschny hatte in den Tagen der Flut und auch danach für deutschlandweite Schlagzeilen gesorgt. Mit seinem Boot war er als Kurier zwischen den zu Inseln gewordenen Dörfern und dem Festland unterwegs, hat die nicht Evakuierten mit Kraftstoff für die Notstromaggregate und mit Essen versorgt. Er war der "Retter in der Not", dessen Haus samt Fischereibetrieb in den Fluten versunken war. Der Medienrummel um ihn ist groß.

Oft sitzen Kamerateams mit im Boot oder drehen auf dem zerstörten Hof, er wird zu Fernsehshows eingeladen, mit Anerkennung überhäuft und sogar mit Preisen wie der Goldenen Henne bedacht. Beinahe wird ihm alles zu viel: "Ich hab ja nichts Außergewöhnliches gemacht und nur mein Boot genutzt, um zu helfen." Von der medialen Aufmerksamkeit profitiert das gesamte Elbe-Havel-Land, gerät auch Monate später nicht in Vergessenheit. "Deshalb habe ich all das auch mitgemacht und nie für mich allein, sondern für die ganze betroffene Region gesprochen".

Jetzt, ein Jahr später, ist auf dem Hof am Hohengöhrener Ortseingang alles neu und schön, vergangene Woche hat Gernot Quaschny seine Betriebsstätte wiedereröffnet. "Ein komisches Gefühl, es lässt sich eigentlich gar nicht beschreiben", sagt der 51-Jährige. "Alles ist neu und optimal angelegt. Aber so richtig freuen kann ich mich nicht. Denn irgendwie ist das alles hier noch nicht meins. Auf dem alten Hof war alles selbst gebaut, jetzt haben fast alles Handwerker gebaut."

Mit seiner Lebensgefährtin Sandra hat er sich auf dem neuen Hausboot, das das Eigenheim ersetzt, gut eingelebt und nach den eigenen Vorstellungen eingerichtet. "Aber im alten Haus bin ich aufgewachsen, hier hatten schon meine Eltern gelebt. Da steckte so viel Geschichte drin, von der nun kaum noch etwas da ist." Ein alter Schrank aus dem Obergeschoss, in dem er seine Jagdsachen aufbewahrte, ist das einzige Möbelstück, das nach der Flutung und dem feuchtwarmen Klima im Haus überhaupt noch zu gebrauchen war.

Haus eingerichtet, Betriebshof fertig, Fischfang in der Elbe - alles gut? "Nicht wirklich. Bis das Trauma der Flut hier bei uns im Elbe-Havel-Land verarbeitet ist, wird es noch lange dauern. Man kommt ja erst zur Ruhe und zum Nachdenken, wenn alles fertig ist und so halbwegs in alltäglichen Bahnen verläuft." Gernot Quaschny selbst brachte früher kaum etwas aus der Ruhe, "heute liegen die Nerven sehr schnell blank". Er erzählt, dass er ein paar Tage zuvor bei letzten Arbeiten am Beet in der Erde ein Stück Klinkerstein vom alten Haus gefunden hat, "da bringt dich so ein Stück Stein fast zum Heulen!"

 

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