Magdeburg l Der Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW) und das Umweltministerium haben am Montag eine Studie vorgelegt, wo in den nächsten Jahren Überschwemmungsflächen geschaffen werden können. Die Liste beinhaltet 42 Vorhaben. Darunter sind 18 gänzlich neue Flächen, die anderen Vorhaben waren bereits Teil der Hochwasserschutzkonzeption. Es handelt sich um potenzielle Standorte - nun soll mit den Anliegern vor Ort geredet werden, was möglich ist. "Ich hoffe, dass die positive Grundstimmung zum Hochwasserschutz anhält", sagte Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU) mit Blick auf Eigentümer. An vielen Stellen müssen Wiesen und Äcker geflutet werden, um Dörfer und Städte zu retten.

Die Fachleute des Landeshochwasserbetriebs LHW hatten sich nach der Extremflut im Juni 2013 auf die Suche nach neuen Flutflächen gemacht. Im Fokus stehen Elbe, Saale, Mulde und Weiße Elster. Basis war ein flächendeckendes digitales Geländemodell mit allen Höhenangaben. So können wir sehen, wo das Wasser im Extremfall hinläuft", sagt Wasserbau-Experte Frank Friedrich vom LHW. In drei Phasen wurden sinnvolle Areale von kaum zu verwirklichenden und wenig effektiven Projekten ausgesiebt. So sollten möglichst keine Dörfer umgesiedelt, keine Autobahnen und Gleise verlegt und auch keine Naturschutzgebiete zu stark beschnitten werden. "Wir wollen uns auch nicht jahrelang vor Gerichten herumstreiten", sagt Friedrich.

Am Ende der drei Raster blieben nun 42 potenzielle Standorte übrig, an denen den Flüssen mehr Platz gegeben werden kann. Drei Varianten sind grundsätzlich möglich. Sie unterscheiden sich in Bau, Preis und Wirkung.

l Polder: Sie sind wie riesige Badewannen. Eine große, am Fluss angrenzende Fläche wird eingedeicht. Zusammen mit dem Deich am Fluss bildet der Schutzwall den Wannenrand. Rollt eine Extremflut heran, wird der am Fluss liegende Deich geöffnet - meist wird er an bestimmten Stellen gesprengt. Die Wassermassen fließen auf die Polderflächen. Der Wasserstand im Fluss sinkt; Städte und Gemeinden werden erheblich entlastet. Vorteile: Polder werden nur bei Extrem-Fluten geöffnet. Bei kleinen und mittleren Hochwassern bleiben die Flächen trocken und nutzbar. Die Wirkung ist sehr groß. Da Fachleute den Polder erst in der heißen Phase, also kurz vor dem Eintreffen des Scheitels, öffnen, wird die Flutspitze im Fluss um 20, 30 und mehr Zentimeter gekappt. So kann das Schlimmste verhindert werden. Die Nachteile: Hohe Baukosten, hoher Aufwand. Fachleute müssen den Polder während der Flut punktgenau steuern: Öffnen sie zu früh oder zu spät, verpufft seine Wirkung.

Vorschläge: Die Fachleute empfehlen insgesamt 13 Polder, allein an der Elbe 8. Die großen Anlagen an der Elbe bei Wittenberg und Dessau-Roßlau waren bereits geplant. Neu wären etwa Polder bei Zielitz und Burg - sie würden elbabwärts gelegene Gemeinden im Jerichower Land und in der Altmark entlasten. Bei der Juniflut 2013 waren dort nach einem Deichbruch 150 Quadratkilometer Land untergegangen - eine Fläche, die dreißigmal so groß war wie der Arendsee. Am ärgsten getroffen wurde Fischbeck. Vorgeschlagen wurde auch ein Polder bei Klietz vor den Toren Havelbergs. Weiter flussabwärts, zwischen Havelberg und Wittenberge, gibt es den bislang einzigen Polder Sachsen-Anhalts. Er arbeitet zuverlässig. Neu auf der Liste ist auch eine Wanne in Calbe an der Saale. Diese würde auch Magdeburg entlasten. Allerdings ist das Fassungsvermögen recht bescheiden - allein der geplante Polder bei Havelberg wäre zehnmal größer. Die LHW-Fachleute gehen aber davon aus, dass auch die flussaufwärts geplanten Polder bei Wittenberg sowie der Mulde-Polder helfen, die Landeshauptstadt zu entlasten. "Um wieviele Zentimeter genau, können wir erst sagen, wenn klar ist, welche Projekte gebaut werden", sagt LHW-Direktor Burkhard Henning.

l Deichrückverlegung: Ein paar Kilometer hinter dem alten Deich wird ein neuer Schutzwall gezogen. Der alte Wall wird an einigen Stellen aufgeschlitzt. Schwillt ein Fluss an, fließt Wasser in das Areal zwischen altem und neuem Deich. Vorteil: Der Fluss hat mehr Platz. Die Flussaue wird öfter überschwemmt - was der Natur zugute kommt. Nachteil: Die flutlindernde Wirkung ist oft geringer und lokal stärker begrenzt als etwa bei einem Polder, da die Flutung nicht gesteuert wird. Die Fläche zwischen altem und neuem Deich ist wirtschaftlich kaum noch nutzbar. Vorschläge: An 22 Stellen empfehlen die Fachleute, die Deiche zurückzuverlegen. Nach der Juniflut neu aufgenommen wurden zehn Vorhaben. Von den schon länger geplanten Projekten wurde erst wenig realisiert. Am bekanntesten ist die nun bald anlaufende Deichrückverlegung im Lödderitzer Forst, wo der Elbe zwischen Aken und Barby fast 600 Hektar Aue zurückgegeben werden. Hier, wo die Saale in die Elbe mündet, waren im Juni 2013 nach einem Deichbruch 80 Quadratkilometer Land abgesoffen.

Darüber hinaus sollen 16 alte Sommer-Deiche, die keine volle Schutzfunktion mehr haben, ganz weggerissen werden. Wie in Glinde bei Schönebeck oder bei Calbe.

l Verbesserung vorhandener Überflutungsflächen: An sieben Stellen sollen vorhandene Überflutungsflächen in ihrer Wirkung verbessert werden. Im Norden sticht an der Elbe ein 4000 Hektar großes Areal zwischen Tangermünde und Tangerhütte hervor. Denkbar ist es, in solchen Gebieten Deiche mit unterschiedlichen Höhen kaskadenartig einzuziehen: Je höher die Flut, desto mehr Flächen werden dann überschwemmt. Bei niedrigeren Hochwassern bleiben aber auch Areale trocken und nutzbar.

Minister Aeikens will nach einer öffentlichen Diskussion bis Ende 2015 dann feste Pläne präsentieren.