Der Deichbruch von Fischbeck

Am 10. Juni 2013 um 0.02 Uhr brach auf einer Länge von 90 Metern der Deich bei Fischbeck. Das Elbehochwasser flutete im Elbe-Havel-Winkel 260 Quadratkilometer zwischen Jerichow und Havelberg. Das entsprach mehr als der doppelten Fläche des größten deutschen Sees, der Müritz. 17 Wohnhäuser und Firmengebäude erlitten so starke Schäden, dass sie abgerissen werden mussten. 80 Millionen Euro kostet die Behebung der Schäden an kommunalen Straßen, Brücken und Gebäuden (insgesamt 400 Maßnahmen).

Fischbeck l Das Alarmhorn gibt die letzte Warnung ab. Dann donnert es und die Druckwelle der Explosion ist noch hinter den 300 Metern Sicherheitsabstand zu spüren. Sprengmeister André Römmer hat eine Handgranate und drei Panzerfaustköpfe mit je 1,6 Kilogramm Sprengstoff in die Luft gejagt. Erneut ertönt das Signalhorn und gibt Entwarnung: Bagger und Laster können die Motoren wieder starten und weiterarbeiten.

Die Fläche, auf der der neue Deich angelegt wird, ist übersät mit Hinterlassenschaften aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Auf der Flucht vor der Roten Armee wollten im April 1945 Tausende deutsche Soldaten und viele Zivilisten über die Elbe nach Tangermünde. Ab dem 12. April ist der Weg gefährlich und beschwerlich, denn die Brücke war ebenso wie die Eisenbahnbrücke bei Schönhausen gesprengt worden. Über die Trümmer kletternd oder mit Booten brachten sich die Menschen in Sicherheit, ließen allen Ballast zurück.

620 Kilogramm Granaten, Panzerfäuste und Gewehrteile, Handgranaten, Flak- und Gewehrmunition hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst Sachsen-Anhalt schon gefunden, dazu jede Menge Schrott. Auch ein von Munition und drei Stahlhelmen eingerahmtes Pferdeskelett wurde dabei freigelegt.

Transportfähige Munition wird auf einen Abbrennplatz in der Altmark gefahren. "Und Fundstücke, bei denen wir nicht wissen, inwieweit die Zünder noch intakt sind, sprengen wir vor Ort", erklärt André Römmer vom Kampfmittelbeseitigungsdienst.

Lebensgefährliche Baustelle

Dass mit Munition zu rechnen ist, war schon vor Baubeginn klar, "dass es dann aber so viel ist, überrascht uns doch", erklärt der Projektverantwortliche André Pasemann vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz (LHW). Gut die Hälfte der ersten beiden Bauabschnitte ist inzwischen abgesucht. Erst wenn die Kampfmittelbeseitiger alles Verdächtige im Erdreich untersucht haben, gibt es Baufreiheit.

Es sind zunächst zwei Abschnitte von der Bruchstelle in Richtung Norden bis zur Bundesstraße 188, die in gut einem Jahr Bauzeit mit einem DIN-gerechten Deich versehen werden. Von dem insgesamt 2,4Kilometer langen Wall wird knapp ein Kilometer komplett neu gebaut (siehe Karte). Außerdem werden der vorhandene Schlafdeich und etwa 700 Meter des jetzigen Hauptdeichs ausgebaut, erklärt André Pasemann. "In diesem Bereich wird immer nur in kurzen Abständen von bis zu 200 Metern gebaut, damit bei einem Hochwasser schnell reagiert werden kann."

Die gesamte Baumaßnahme umfasst auch den Neubau des Deiches bis nach Jerichow. 2018 soll alles fertig sein. Der Deich verfügt dann auch über asphaltierte Wege, um ihn bei Bedarf sichern zu können.

Axel Vösterling vom Technischen Polizeiamt Sachsen-Anhalt warnt eindringlich davor, die Baustelle zu betreten, "es besteht Lebensgefahr". Sprengmeister André Römmer sagt, dass schon Zwei-Zentimeter-Flakmunition in der Hand die Finger kosten kann, wenn sie explodiert. Seite 2

   

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