Im Sommer wird es trockener, im Winter feuchter. Diese Folgen einer steigenden Durchschnittstemperatur sehen Klimaforscher auf Sachsen-Anhalt zukommen. Im Bereich Wasserwirtschaft könnte das extreme Schwankungen zwischen Niedrig- und Hochwasser nach sich ziehen.

Magdeburg. Land unter, heißt es im gesamten Ostteil Magdeburgs. Auch der Norden Schönebecks steht unter Wasser. Selbst in Stendal, Genthin und Tangerhütte bekommen die Einwohner nasse Füße, obwohl diese Städte zehn Kilometer und mehr von der Elbe entfernt liegen. Dort bahnt sich der Fluss binnen weniger Stunden durch Jahrtausende alte Rinnen seinen Weg.

So würde sich ein Elbe-Hochwasser auswirken, das das vom August 2002 noch übertrifft – wenn es keine Deiche gäbe. Dieses Szenario hat das länderübergreifende Projekt " ELLA " unter Federführung Sachsens aufgestellt. Es soll zeigen, dass es nicht nur für Elbanrainer eine potenzielle Überschwemmungsgefahr gibt, sondern auch für viele Menschen im Hinterland, falls bei einer Extremfl ut ein Großteil der Deiche wegbräche.

Diese Gefahr könnte mit dem Klimawandel steigen. " Es wird nicht jedes Jahr Extrem-Ereignisse geben, aber häufi ger als bisher ", denkt Frank Wechsung vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ( PIK ). Er und andere Klimaforscher rechnen damit, dass in Sachsen-Anhalt im Winter die Regenfälle zunehmen. Anders als nach allmählich tauendem Schnee steigen dann die Flusspegel sehr schnell an. Für das Elbegebiet erhöht sich die Gefahr zusätzlich durch den im Laufe der Jahrhunderte begradigten und verkürzten Flussverlauf. " Die Elbe hat nur noch 15 Prozent ihrer ursprünglichen Überfl utungsflächen zur Verfügung ", weiß der Wasserwirtschaft-Professor Volker Lüderitz von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Die Folge : Ein Hochwasser wird schneller und wuchtiger.

Welche Wucht es haben kann, zeigte sich 2002. Nach extremen Regenfällen in Tschechien stieg die Elbe auf Werte, die sie statistisch gesehen nur alle 100 Jahre erreicht, und richtete Schäden in Milliardenhöhe an. Das war im Sommer. Noch drastischer könnte ein solches Jahrhunderthochwasser im Winter ausfallen. Dann fehlt auf den Deichen der Bewuchs, der die Wucht des Wassers bremsen könnte. Zudem ist der Boden gesättigt und kann kein weiteres Wasser aufnehmen. " Wenn dann noch Frost herrscht, rauscht das Wasser nur so durch das Land ", verdeutlicht Burkhard Henning, Leiter des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft ( LHW ). Andererseits sind dann die Deiche gefroren und damit fester.

Das Hochwasser von 2002 hat Politik und Öffentlichkeit vor Augen geführt, welches Gefahrenpotenzial die Elbe birgt. Sachsen-Anhalt verstärkte in der Folge den Ausbau der großteils über 100 Jahre alten Elbdeiche. Allein von 2003 bis 2005 wurden sie für rund 150 Millionen Euro befestigt und erhöht. Von 1991 bis 2002 hatten die Ausgaben dafür gerade einmal 44 Millio nen Euro betragen. Bis 2015 sind weitere Investitionen von 232 Millionen Euro geplant.

Der Deichbau ist allerdings nur eine von drei Säulen des Hochwasserschutzes. Die zweite ist die Flächenvorsorge, das heißt, Überfl utungsfl ächen zu schaffen, indem zum Beispiel Deiche vom Flussufer ins Hinterland zurückverlegt werden. In Sachsen-Anhalt sind zurzeit 13 solcher Maßnahmen ge plant. Sie sollen 2300 Hektar Überfl utungsfl äche schaffen.

Lüderitz, der auch ehrenamtlicher Landesvorsitzender des Umweltverbandes BUND ist, fordert 10 000 Hek tar : " Der Elbe nur fünf Prozent mehr ihrer natürlichen Überfl utungsfl äche zurückzugeben, könnte Hochwasserspiegel schon um 50 Zentimeter senken. " Dem Einwand hoher Kosten für Deichrückverlegungen hält Lüderitz entgegen, dass die Beseitigung von Hochwasserschäden noch teurer sei.

Die dritte Säule des Hochwasserschutzes ist die Eigenvorsorge durch jeden potenziell Betroffenen. " Wer ein Grundstück in einem gefährdeten Gebiet hat, sollte nicht seinen Computer im Keller aufstellen ", verdeutlicht LHW-Chef Henning. Zur Eigenvorsorge seien aber auch Betriebe angehalten. So hätten Unternehmen im Chemiepark Bitterfeld ihre Anlagen mit Wasserpumpen und mobilen Schutzwänden für den Fall des Falles gerüstet.

Ähnliches gilt für die beiden großen Klärwerke in Sachsen-Anhalt, das der Städtischen Werke Magdeburg bei Gerwisch im Jerichower Land sowie das Gemeinschaftsklärwerk Bitterfeld-Wolfen bei Greppin im Landkreis Bitterfeld. Sie sind jeweils für das Abwasser von mehr als 420 000 Menschen ausgerichtet, wobei betriebliches Abwasser mitgerechnet wird. Würden die Klärwerke überfl utet, hätte dies nicht absehbare Folgen für Mensch und Umwelt. Beide wurden daher nach dem August-Hochwasser 2002 nachgerüstet, indem zum Beispiel Schaltanlagen höher gesetzt oder durch Betonwände geschützt wurden. Die Betreiber sagen heute : " Unsere Kläranlagen sind sicher – wenn die Deiche halten. "

Davon geht Henning bei einem erneuten Jahrhunderthochwasser aus. " Wir können uns jetzt auf wenige Schwachstellen konzentrieren und müssen nicht mehr alle Deiche mit Sandsäcken sichern. " Allerdings sagt er auch : " Einen hundertprozentigen Hochwasserschutz gibt es nicht. "

Ganz anders als im Winter stellt sich die Situation im Sommer dar. Sachsen-Anhalt gehört wie der gesamte Osten Deutschlands schon jetzt zu den Regionen mit vergleichsweise geringen Niederschlägen. In einigen Teilen fällt nur halb so viel Regen wie in Westdeutschland. " Je weiter östlich ein Gebiet liegt, desto weniger Niederschlag gibt es ", sagt Wasserwirtschaftler Volker Lüderitz.

Auch PIK-Forscher Wechsung sieht Sachsen-Anhalt in dieser Hinsicht besonders gefährdet. Das Bundesland gehört fast vollständig zum Elbe-Einzugsgebiet, dem von den Niederschlägen her trockensten Flussgebiet in Deutschland. Eine von Wechsung geleitete Studie zum Elbegebiet hat festgestellt, dass die Niederschläge in Deutschland in den vergangenen hundert Jahren zwar gestiegen sind, aber nicht im Elbe-Einzugsgebiet. Hält der Temperaturanstieg an, erwarten die Forscher in den nächsten 50 Jahren einen Rückgang der Niederschläge im Sommer und damit Probleme in der Verfügbarkeit von Wasser.

Folgen hätte dies in erster Linie für die Natur und die Landwirtschaft. " Vor allem in der östlichen Altmark und im Fläming werden viele Flächen trocken fallen ", prognostiziert Lüderitz. Aber auch die Güterschifffahrt auf der Elbe und der Saale wären betroffen. ( Diesen Themen widmen sich weitere Teile der Volksstimme-Serie. )

Die mögliche Austrocknung von Gebieten wird laut Lüderitz durch landwirtschaftliche Entwässerungsgräben sowie vertiefte Flussläufe verstärkt. " Dadurch läuft das Wasser schneller ab. " Der gleiche Effekt ergebe sich aus dem Abholzen von Wäldern und dem Aufforsten mit Nadelbäumen. " Bei Laubbäumen versickert das Wasser besser ", erklärt Lüderitz.

Die Trinkwasserversorgung erscheint indes nicht gefährdet. Sachsen-Anhalt ist reich an Grundwasser und verfügt im Harz über reichliche Reserven. " Selbst bei mehreren trockenen Sommern in Folge wird es bei uns keine Engpässe geben ", sagt Peter Bogel von der Trinkwasserversorgung Magdeburg. Der Betrieb versorgt 800 000 Menschen zwischen Harz, Ohre kreis und Wittenberg mit Trinkwasser, das er aus dem Grundwasser in der Colbitz-Letzlinger Heide und im Westfl äming gewinnt.

Häufiger Niedrigwasser im Sommer und Hochwasser im Winter – das ist ein mögliches Szenario. " Wichtig ist, sich damit zu beschäftigen und die Sensibilität dafür zu wecken ", sagt Klimaforscher Wechsung. Denn aus seiner Sicht steht der Klimawandel nicht bevor, sondern hat längst begonnen.