In Mitteldeutschland steigen die Temperaturen in den nächsten 100 Jahren deutlich an, die Sommer werden trockener, die Winter feuchter. Wie wirkt sich das auf Land- und Forstwirtschaft aus ? Werden in der Börde an Stelle von Kartoffeln künftig Melonen, Auberginen und Paprika angebaut ? Verschwindet der Roggen aus der Altmark, wird der Ostharz zur Steppe ?

Magdeburg. Seit 1990 liefern die Winzer aus dem Saale-Unstrut-Gebiet fast ausnahmslos gute und sehr gute Jahrgänge ab. Nur das sonnenarme 1996 war schwach, dafür waren 1997 und 2000 topp und der 2006 er wird wahrscheinlich wieder hervorragend. " Das liegt nicht nur an der besseren Kellertechnik, das lag auch am Wetter der vergangenen 15 Jahre ", resümiert Christian Kloss, Chef des Landesweinguts Kloster Pforta in Bad Kösen. Mehr Sonne sorgt für mehr Zucker und Alkohol. 2003 kamen viele Weißweine auf sagenhafte 14 Prozent – für einige Sorten schon zu viel des Guten. Und Rotweine, früher oft blass, werden zunehmend farbintensiver, ist Kloss begeistert. Das einzige Problem : Als die Rebstöcke vor 15 oder 20 Jahren gezüchtet wurden, war es noch kühler und feuchter. Mittlerweile erleiden Trauben Trockenstress. Folge : Die Weine sind jung ein Genuss, altern aber schneller als früher.

Produktionsleiter Hans Albrecht Zieger von der Winzervereinigung Freyburg erzählt : " Vor 15 bis 20 Jahren hatten wir oft größere Ernteausfälle, weil die Rebanlagen durch strenge Fröste geschädigt wurden. In den vergangenen Jahren haben sich die Erträge stabilisiert. " Eine Verlängerung der Vegetationsperiode würde das Anbaugebiet Saale-Unstrut für mittlere und spät reifende Sorten wie Riesling und Spätburgunder interessanter machen. " Die Qualität wird deutlich besser. " Allerdings müssen Steillagen künftig bewässert werden, indem Regenrückhaltebecken gebaut werden.

Unterm Strich profitieren die Winzer vom Wandel zum Wärmeren. Gilt das für die gesamte Agrarwirtschaft ? Das Umweltbundesamt ( UBA ) in Dessau bescheinigt der Landwirtschaft eine hohe Anpassungsfähigkeit : Züchtung und Züchtungsforschung, Fruchtfolgen, Bodenbearbeitung, Düngung und Pfl anzenschutz bieten Möglichkeiten, den Ackerbau an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen.

Doch wie moderat oder heftig steigen die Temperaturen ? Wie entwickeln sich die Niederschlagsmengen ? Agrarmeteorologe Jurik Müller vom Deutschen Wetterdienst in Leipzig nennt eine Erhöhung um zwei Grad als magische Grenze. Darüber hinaus könne eine Kettenreaktion im System Boden-P flanze-Atmosphäre in Gang gesetzt werden, die nicht mehr so leicht beherrschbar sei. Nach neuesten Prognosen gelte sogar eine Erhöhung um vier Grad als wahrscheinlich. " Selbst Pessimisten sind von der Eigendynamik des Klimawandels überrascht ", so Müller.

Auch bei gleichbleibenden Niederschlagsmengen hätten die Pflanzen dann häufi ger unter mangelhafter Wasserversorgung bis hin zur Dürre zu leiden. " Höhere Temperaturen steigern den Verdunstungshunger der Atmos phäre ", erklärte Müller. " Es wird mehr Wasser in der Lufthülle gebunden, und das fehlt dem Boden als Feuchtelieferant zur Versorgung der Pfl anzen. " Gemeinsam mit Kollegen hat Müller an Hand vorhandener Datenreihen der vergangenen 100 Jahre Bodenfeuchte, Verdunstung und Versickerung an einem Standort bei Halle simuliert. In dieser Zeit ist die Jahresdurchschnittstemperatur um 0, 8 Grad gestiegen. Die Ergebnisse veranlassen den Wissenschaftler zu der Annahme, dass eine Erwärmung der Atmosphäre um vier Grad die potenzielle Verdunstung um 100 bis 150 Milliliter erhöhen wird – das sind 100 bis 150 Liter je Quadratmeter, die dem Boden und den Pfl anzen fehlen.

Ertragsplus bei Weizen und Zuckerrüben

Von Bodendürre geprägte Sommer wie 2003 oder 2006 werden nach Müllers Einschätzung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Normalität. Doch welche Pflanzen halten das aus ? Saatzuchtfi rmen selektieren schon seit Jahren auch nach dem Merkmal Trockentoleranz. Auf Grund der ständigen Sortenverbesserung rechnet das sachsenanhaltische Agrarministerium sowohl beim Weizen, der Hauptfruchtart in Sachsen-Anhalt, als auch bei Zuckerrüben zumindest in den nächsten zehn bis 20 Jahren eher mit einem Ertragszuwachs.

Insbesondere die für den mitteldeutschen Agrarraum prognostizierten höheren Winter-Niederschläge würden dazu beitragen, dass frühreife Kulturen wie Wintergerste, Winterraps oder früh gesäter Winterweizen eine längere Vorsommertrockenheit besser überstehen und höhere Erträge bringen können.

Das Rübenforschungsinstitut in Göttingen arbeitet deshalb an der Winterrübe. Mit Hilfe gentechnischer Veränderungen soll es möglich werden, Rüben bereits im Herbst anstatt im Frühjahr zu drillen. Die Pfl anzen könnten die Winterfeuchtigkeit nutzen und in der verlängerten Vegetationszeit mehr Zucker einlagern.

Die Arbeitsgruppe von Dr. Andreas Börner am Leibniz-Institut für Pfl anzengenetik und Kulturpfl anzenforschung ( IPK ) in Gatersleben ( Aschersleben-Staßfurt ) ist dabei, die Gene aufzuspüren, die Gerste toleranter gegen Trockenstress werden lassen. Basis ist das umfangreiche IPK-Gen bank-Reservoir, in dem sowohl heimische Sorten als auch Sorten aus dem Mittelmeerraum aufbewahrt und mit regelmäßigem Anbau erhalten werden.

Trockenresistenzen können in verschiedenen Entwicklungsstadien der Pflanzen auftreten, so Börner. Eine Gerstenpfl anze, die im Jungstadium Trockenheit gut vertrage, könne in der Kornfüllungsphase empfindlich auf Wassermangel reagieren oder umgekehrt. Einige Pflanzen seien auch in der Lage, in den Halmen gespeichertes Wasser zu mobilisieren und in die Körner zu pumpen. Diese Fähigkeiten werden bei Versuchen mit Keimpfl anzen und beim Anbau im Folientunnel untersucht. " Wir haben verschiedene Linien identifi ziert, die unter Trockenstress bis zu 85 Prozent des Ertrages bringen, bei anderen sind es nur 30 Prozent ", sagte Börner.

Bis aus den wissenschaftlichen Ergebnissen neue, marktfähige Sorten werden, bedürfe es jedoch noch einer langwierigen Arbeit in den Züchtungsfirmen. In zehn bis 15 Jahren könnte es soweit sein, schätzte der Forscher. Mit Weizen, der wichtigsten Kultur im Land, befasst sich eine weitere Arbeitsgruppe am Institut.

Allerdings erschwert die erwartete stärkere Klimaänderung die Anpassung durch geeignete Sortenwahl, stellt der Klimabericht des Umweltbundesamtes fest. Für Landwirte könnte das Gewerbe unter freiem Himmel zum Glücksspiel werden : Wird es im Sommer wärmer und regnet es zum richtigen Zeitpunkt, sind höchste Erträge möglich. Dürre und dann folgende Starkniederschläge, eventuell gepaart mit Hagel, können dagegen zu Totalausfällen führen.

Durchschnittswerte helfen da auch nicht immer weiter. So erreichten die Niederschläge in Sachsen-Anhalts Weinbauregion 2006 annähernd ihr langjähriges Mittel – allerdings nach extremen Schwankungen. Juni und Juli waren knochentrocken, im August folgte Dauerregen.

Dem Wärme liebenden Spargel in Altmark und Jerichower Land würden ein paar Grad mehr nicht schaden. Doch bleibt die zum Wachsen nötige Feuchtigkeit aus, gibt es Qualitätseinbußen, sagte Carola Stallbaum vom Obst- und Spargelbaubetrieb Apfelland Stendal GbR. Das habe die Spargelsaison 2006 deutlich gezeigt.

Das Bundesumweltamt in Dessau empfiehlt der Landwirtschaft insgesamt, weniger auf empfi ndliche Hochleistungssorten zu setzen, sondern auf robuste Sorten. Sie weisen eine hohe Klimatoleranz auf und können dem klimabedingten, zunehmenden Angriff von Schädlingen besser standhalten. Aussaattermine für Sommer- und Winterfrüchte sowie die Fruchtfolgen müssen angepasst werden. Mulchverfahren, pfl uglose Bodenbearbeitung, sowie die Anpassung von Düngung und Pfl anzenschutz sind weitere mögliche Strategien.

Wärme liebende Arten mit hoher Wassernutzungseffi zienz wie bestimmte Maissorten oder Hirse könnten angebaut werden. Kartoffeln, Roggen und Hafer würden dagegen verdrängt, heißt es im Umweltbericht. Agrarmeteorologe Jurik Müller hält den Anbau von Melonen, Auberginen und Paprika im Freiland für denkbar – jedenfalls dort, wo Bewässerung möglich ist.

Kiefer und Eiche künftig besser als Fichte

Schwieriger, weil langwieriger, dürfte die Anpassung der Forstwirtschaft auf den Klimawandel sein. Ein Problem ist die Fichte, die feuchte, kühle Standorte bevorzugt. Sie ist mit 28 Prozent die Hauptbaumart in Deutschland. Wegen ihrer guten Wuchsleistung wird sie auch außerhalb ihrer natürlichen Standorte angebaut. Das Umweltbundesamt empfiehlt den Anbau von Eiche, Kiefer und der nicht einheimischen Douglasie.

Besser mit der Trockenheit zurecht kommt die Kiefer. In Sachsen-Anhalt wächst sie auf knapp 50 Prozent der Waldfl äche. Die Baumart steht vor allem im Tiefland, meist auf Sandböden mit geringem Wasserhaltevermögen. Im Zuge des Klimawandels wird sich allerdings die Waldbrandgefahr in Kiefernbeständen erheblich erhöhen. Fachleute raten deshalb zu Mischwäldern. Sie haben in Sachsen-Anhalt erst einen Anteil von 40 Prozent.