Der Klimawandel bleibt nicht ohne Folgen für die Flora und Fauna Mitteldeutschlands. Darin herrscht Einigkeit unter den Experten. Ob aber die Veränderungen das Artensterben beschleunigen werden oder Artverwandte die bislang hier heimischen Pfl anzen und Tiere ersetzen werden, ist bislang keineswegs sicher.

Magdeburg. Wenn die Klimaforscher am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie und am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung Recht behalten, dann werden die Jahresdurchschnitts-Temperaturen in Mitteldeutschland bis zum Ende des Jahrhunderts um rund 3, 5 Grad gegenüber den 1970 er Jahren ansteigen. Das könnte heißen, dass ein so genannter Jahrhundertsommer wie 2003 mit Temperaturen von über 35 Grad Celsius künftig normal sein wird, so der Potsdamer Klimaforscher Dr. Manfred Stock.

Bereits heute sind die Folgen der Klimaveränderung auf Pflanzen- und Tierwelt in Mitteldeutschland zu spüren. " Wir können feststellen, dass die Frühblüher unter den Pfl anzen heute etwa zehn bis 14 Tage früher Pollen produzieren als noch in den 1960 er Jahren ", so der Medizinmeteorologe Dr. Klaus Bucher vom Deutschen Wetterdienst.

Dr. Gerhard Liebig von der Landesanstalt für Bienenkunde in Hohenheim meint, dass künftig immer längere Vegetationsperioden in Deutschland positive Auswirkungen auf viele Insektenarten haben werden. " Ich beschäftige mich seit drei Jahrzehnten mit der Honigtauproduktion, und es gibt Anhaltspunkte dafür, dass bestimmte Lausarten jetzt häufiger auftreten ", so der Forscher. " Häufige milde Winter könnten die Honigproduktion insgesamt steigern ", prognostiziert Liebig.

Veränderungen beobachten auch Vogelkundler wie Michael Kaatz von der Vogelschutzwarte Storchenhof Loburg e. V. bei den westwärts ziehenden Vögeln. Einige Tiere haben ihre Zugrichtung bereits grundlegend geändert. Dazu zählt die Mönchsgrasmücke, die jetzt im Winter nach England zieht und dort überwintert. Andere Arten bleiben inzwischen ganzjährig in Deutschland. Ein Beispiel dafür ist die Amsel, die früher mal ein Zugvogel gewesen war. Auch andere Arten reagieren sensibel auf sich verändernde Temperaturen. " Während des milden Winters in diesem Jahr haben wir einen starken Einflug von Silberreihern nach Sachsen-Anhalt beobachtet ", sagt Kaatz. " Außergewöhnlich viele Kraniche und Gänse zogen es vor, diesmal in Deutschland zu bleiben. "

Besonders gut dokumentiert sind die Folgen derzeit in der Bodensee-Region. Die Biologinnen Nicole Lemoine und Katrin Böhning-Gaese von der Universität Mainz haben langjährige Beobachtungsdaten ausgewertet und festgestellt, dass milde Winter von Nachteil für viele Zugvögel sind. Da mehr ortsansässige Arten in milden Wintern überleben, nehmen sie den Langstreckenfl iegern im Frühjahr das Futter weg, worauf diese bei der Rückkehr aus ihren afrikanischen Winterquartiern angewiesen sind.

Nicht alle Veränderungen lassen sich eindeutig auf den Klimawandel zurückführen. Das gilt beispielsweise für den Zug der Störche, der in den vergangenen Jahren meist schon in Spanien statt in den afrikanischen Winterquartieren endete. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die Störche genug Nahrung auf den spanischen Mülldeponien fanden, mutmaßt Storchenexperte Kaatz. Inzwischen dürfen nach EU-Recht keine organischen Abfälle mehr frei auf Deponien lagern. Die Vogelkundler vermuten deshalb, dass die Störche wieder zu ihrem alten Zugverhalten zurückkehren. Der Beweis steht noch aus.

Auf den Klimawandel zurückzuführen sind wahrscheinlich die Einwanderungen von Vogelarten aus dem südlichen Raum. Zu den Immigranten gehört der Bienenfresser, der in Deutschland und weiter nördlich zu beobachten ist. " Generell lässt sich sagen, dass wir mit Sicherheit mehr Arten aus mediterranen Regionen bekommen ... ", prognostiziert Dr. Ingolf Kühn vom Umweltforschungszentrum Halle / Leipzig, der an einem EU-Forschungsprojekt zu den Folgen des Klimawandels beteiligt ist. Ebensogut könnte der rasante Klimawandel zahlreiche Arten aber auch für immer auslöschen. Zu diesem Ergebnis kam vor zwei Jahren eine Gruppe französischer, portugiesischer, britischer und schwedischer Wissenschaftler. Auf Grund der Auswertung von Studien zur Verteilung von 1350 europäischen Pfl anzenarten kamen sie zu dem Schluss, dass etwa 22 Prozent durch den Klimawandel extrem gefährdet sind. Etwa zwei Prozent könnte es in etwa 80 Jahren schon nicht mehr geben, so die Forscher damals. Das Schreckenszenario setzt allerdings voraus, dass die hier heimischen Arten nicht in nördliche oder höher gelegene Gebiete mit kühlerem Klima übersiedeln können.

Die starke Zersiedelung großer Landstriche Mitteldeutschlands durch Straßen, Gebäude und Industrieanlagen könnte den Untergang für Arten bedeuten, die nicht wie Vögel und Schmetterlinge die Möglichkeit haben, auch über menschliche Bauwerke hinweg neue Lebensräume zu erschließen. Der Geobotaniker Dr. Gian-Reto Walther von der Uni Hannover meint daher, dass " die erwartete Erwärmung in den nächsten Jahrzehnten hinsichtlich der ökologischen und sozioökonomischen Folgen Anlass zu Besorgnis geben wird ". Weniger dramatisch sieht das der Botaniker Dr. Ingolf Kühn

Am Donnerstag lesen Sie in der fünften Folge : Klimawandel und Verkehr. Und : Warum Staub und Vulkane kühles Wetter verursachen. Bereits erschienen sind : Teil 1 – Klimastudie und Klimageschichte ( 8. 3. ), Teil 2 – Wasser und Erdbahn ( 13. 3. ), Teil 3 – Landwirtschaft und Treibhausgase ( 15. 3. )

vom Leipziger Umweltforschungszentrum. Er vermutet, dass viele einheimische Pfl anzen und Tiere durch Arten aus dem Mittelmeerraum ersetzt werden könnten. " Wenn wir schon durch den Klimawandel einheimische Arten verlieren, dann kann uns nichts Besseres passieren, als dass Arten, die an eine künftig wärmere Umwelt in Mitteldeutschland gut angepasst sind, den klimatischen Veränderungen folgen ", so Kühn. Und Annette Leipelt von der Umweltschutzorganisation NABU Sachsen-Anhalt ist sich sicher : " Tiere und Pfl anzen werden sich an den Klimawandel anpassen, auch wenn die Urbanisierung der Landschaft so manche Tier- und Pfl anzenart vor zusätzliche Hürden stellt. "

Grund für die teils kontroversen Ansichten zu den Klimafolgen für Flora und Fauna sind Forschungslücken hinsichtlich des Artensterbens. Nicht einmal rückblickend können die Wissenschaftler sagen, warum einige Tier- und Pflanzenarten die bislang größten Epochen des Artensterbens überlebten, während andere dem Wandel zum Opfer fi elen. Die Forscher wissen noch zu wenig über die vielen Abhängigkeiten unter den Tier- und Pfl anzenarten, inklusive der Mikroben. Manche davon sind entscheidend für den Weiterbestand ganzer Lebensgemeinschaften.

Die Experten, die den 3. Klimabericht der Vereinten Nationen vor sechs Jahren erarbeiteten, gingen noch davon aus, dass die Folgen des menschlichen Wirtschaftens ( Abholzung, Versiegelung von Flächen durch Straßen- und Häuserbau sowie Einsatz genmodifi zierter Pfl anzen ) einen größeren Einfluss auf die Artenvielfalt haben, als die gegenwärtigen Klimaveränderungen. Im noch unveröffentlichten zweiten Teil des neuen UN-Klimaberichtes sollen die Warnungen vor einem Artensterben durch die globale Erwärmung nach noch inoffi ziellen Informationen drastischer ausfallen.

Deutliche Spuren hinterlässt zudem er globale Handel in der heimischen Tier- und Pfl anzenwelt. " Die Neuankömmlinge, die mit Schiffen und Flugzeugen aus Nord- und Südamerika oder aus Ost-Asien zu uns kommen, können heimische Arten unabhängig vom Klimawandel verdrängen ", warnt in diesem Zusammenhang der Leipziger Umweltforscher Kühn.

Letztlich kann derzeit niemand genau sagen, welche Arten aus den südlichen Gefi lden heimische Arten bereits verdrängt haben, meint Kühn. Ein Forschungsprojekt der Europäischen Union zur regionalen Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten ist am Umweltforschungszentrum erst vor eineinhalb Jahren angelaufen.