Um die globale Erwärmung zu bremsen, fordern Klimaexperten eine Umkehr bei der Energieerzeugung. Das muss aber nicht zwangsläufi g das Ende für die Stromerzeugung durch Verbrennung der in Mitteldeutschland reichlich vorhandenen Braunkohle bedeuten. Ziel der Forschung sind klimafreundliche Kohlenkraftwerke.

Magdeburg. Bei der klimafreundlichen Energieerzeugung schneidet Sachsen-Anhalt besser ab als die meisten alten Bundesländer. Über 20 Prozent beträgt der Anteil der " Erneuerbaren " an der Energiegewinnung, nach Angaben des Umweltministeriums. Derzeit drehen sich hier zu Lande über 1800 Windräder und auf über 40 000 Hektar werden so genannte Energiepfl anzen wie Raps angebaut. Das entspricht etwa sieben Prozent der landwirtschaftlichen Anbaufl äche. 20 bis 30 Prozent könnten es bis zum Jahr 2025 sein.

Dennoch wird Braunkohle auch in den kommenden 20 Jahren noch notwendig sein, um die Stromversorgung zu sichern, meint Dr. Manfred Treber, Energieexperte bei der Umweltschutzorganisation

Germanwatch e. V. Um dennoch das Erdklima nicht weiter anzuheizen, wollen Forscher das bei der Kohleverbrennung anfallende Kohlendioxid ( CO 2 ) dorthin bringen, wo es herkam : unter die Erde.

" In etwa fünf bis maximal zehn Jahren könnte die Technologie marktreif sein ", schätzt Damian Müller, Leiter der Projektkommunikation CO 2 -freies Kraftwerk im Unternehmen Vattenfall Europe. Die Techniker und Ingenieure des größten Stromunternehmens Ostdeutschlands forschen derzeit am so genannten Oxyfuel-Verfahren. Dabei wird dem Rauchgas, das bei der Verbrennung von Kohle entsteht, zusätzlich Sauerstoff zugeführt. Durch Abkühlung lässt sich dann das CO2 aus dem Gas abtrennen und verdichten, so dass es besser transportiert und gespeichert werden kann.

Der Haken dabei : Etwa zehn Prozent mehr Kohle muss in Rauch aufgehen, um die gleiche Energiemenge wie ohne CO 2 -Filterung zu erzeugen. Ähnlich groß ist der Wirkungsgradverlust bei dem von RWE favorisierten Kombikraftwerk mit integrierter Kohlevergasung. Mehrkosten von 20 bis 35 Euro pro Tonne CO 2 sind derzeit wahrscheinlich. Was davon an den Stromkunden direkt weitergegeben wird, ist noch unbekannt. " Unser Ziel ist es, die Preise für den Verbraucher stabil zu halten ", so Müller. Entscheidend werden aus Unternehmenssicht die politischen Vorgaben sein – zum Beispiel der Handel mit Emissionszertifi katen.

Auf den Bau von 24 neuen Kohlekraftwerken haben sich Vertreter der Energieunternehmen und der Bundesregierung vor einem Jahr auf dem Energiegipfel in Berlin geeinigt. Die Großkraftwerke sollen bis zum Jahr 2012 ans Netz gehen. Im COORETEC-Expertenbericht ist sogar von einem Bedarf von 40 Kohlekraftwerksblöcken bis zum Jahr 2020 die Rede. Es bleibt also nur sehr wenig Zeit, die klimaschonenden Techniken in die Kraftwerksplanungen zu integrieren.

Wo in Deutschland die vielen Milliarden Tonnen CO künftig einmal lagern sollen, steht noch nicht fest. Derzeit analysieren mehrere Forschungsinstitute zusammen mit industriellen Partnern die Möglichkeit, den Ausbeutungsgrad der versiegenden Erdgas-Lagerstätten in der Altmark durch CO 2 -Verpressung zu steigern. " Wir untersuchen mit Hilfe von Computersimulationen, wie die Bohrlöcher für diesen Zweck modifiziert werden müssen und wie im Untergrund der Verdrängungsmechanismus des Methans durch das Kohlendioxid erfolgt ", so Jürgen Rückheim, Geschäftsführer Erdgas-Erdöl GmbH. Nach einem positiven Ergebnis werden experimentelle Untersuchungen folgen. Noch in diesem Jahr sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Zwischen 300 und 500 Millionen Tonnen schätzen Experten das CO 2 -Speicherpotenzial der Altmark. Das entspricht etwa dem Ausstoß von drei großen Kohlegroßkraftwerken über einen Zeitraum von 30 Jahren. " Allerdings kann derzeit noch niemand sagen, wie groß das technisch nutzbare CO 2 -Speicherpotenzial tatsächlich ist ", gibt Dr. Peer Hoth von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zu bedenken.

Ehemalige Erdgaslager sind allerdings nicht die einzigen möglichen CO 2 -Endlager. Geologen setzen ihre Hoffnungen auch auf salzwasserhaltige Tiefengesteine. " Ihre Speicherkapazität übersteigt das der Erdgaslagerstätten um ein Vielfaches ", schätzt Dr. Hoth, und für die Trinkwassergewinnung spielen sie praktisch keine Rolle. Allerdings kommen die porösen Tiefengesteine im Norden Sachsen-Anhalts prinzipiell auch für eine geothermische Energienutzung in Frage, wie Studien zeigen.

Geothermie bedeutet, mit der im Erdboden gespeicherten Energie Häuser zu beheizen und Strom zu produzieren. Würde die norddeutsche Tiefebene künftig großräumig als CO 2 - Speicher für Kohlekraftwerke genutzt, ist ein Nutzungskonflikt mit der Geothermie nicht auszuschließen, geben viele Experten zu Bedenken. " Bei der Förderung des im Tiefengestein erwärmten Wassers wäre es wahrscheinlich, dass CO 2 mit herausströmt ", so Professor Günter Borm vom Geoforschungszentrum Potsdam. Bestehende Pläne für eine Geothermieanlage in Arendsee könnten dann endgültig begraben werden.

Die erste deutsche Testanlage zur Verpressung von CO 2 im Untergrund nahm vor wenigen Wochen im brandenburgischen Ketzin ihren Betrieb auf. WissenschaftlerdesGeoforschungszentrums in Potsdam wollen zusammen mit industriellen Partnern rund 60 000 Tonnen Kohlendioxid in salzwasserhaltiges Tiefengestein pressen. Das entspricht etwa zwei Prozent des jährlich von einem 450-Megawatt-Kohlenkraftwerk erzeugten Kohlendioxids. Politiker erwarten von dem Pilotversuch einen Durchbruch für die CO 2 -Deponierung. Die beteiligten Wissenschaftler sind zurückhaltender. Selbst wenn " Ketzin " erfolgreich ist, " wird eine direkte Übertragbarkeit der Forschungsergebnisse auf die Altmark nicht möglich sein ", gibt Professor Borm zu bedenken.

Aus ökonomischen Gründen sollten künftige Kohlendioxid-Lager und Kohlenkraftwerke in der Nachbarschaft sein. " Es ist sicher nicht ökologisch und ökonomisch, das CO 2 mit Lkw über große Distanzen zu befördern ", sagt Vattenfall-Fachmann Müller. Auch der Bau von Pipelines von Mitteldeutschland in die Nordsee, wo es riesige alte Erdgasspeicher gibt, ist wegen lang andauernder Genehmigungsverfahren extrem schwierig. Die Erdgaslager der Altmark liegen hingegen noch in " ökonomischer Reichweite ". Sie befinden sich in Tiefen um 3000 Meter und sind durch mehrere hundert Meter dicke Salzschichten und mehrere Tausend Meter Sedimentgestein von den Trinkwasserreservoirs getrennt. Das potenziell größte Risiko ist der Verschluss der alten Bohrlöcher, so der Geologe Dr. Franz May. Das sei in der Altmark prinzipiell allerdings kein Problem, meint EEG-Geschäftsführer Rückheim. Nach aktuellem Erkenntnisstand seien die Altbohrungen in der Altmark sicher. Und was wäre, wenn dennoch CO aus den Bohrlöchern aus-2 treten würde ? Eine schleichende Freisetzung würde das Klimaproblem verschlechtern. Eine plötzliche Freisetzug in konzentrierter Form könnte im schlimmsten Fall zu Atemproblemen bei Menschen und Tieren bis hin zum Tod führen. Damit es nicht soweit kommt, ist eine umfassende Überwachung bei der Kohlendioxid-Einleitung erforderlich, raten die Geologen von der BGR. Langfristig werde man die Unternehmen mit der Überwachung der Speicher jedoch nicht finanziell belasten können, räumt Hoth ein. Gegenwärtig werden in Brüssel europäische Haftungsregeln bei Kohlendioxid-Speicherung erarbeitet. Er-" Die Speicher müssen gut überwacht werden "

Ergebnisse sind bis zum Ende diesen Jahres zu erwarten. Die Experten aus Forschung und Industrie werten die Technologie als eine Übergangslösung, um die Versorgungssicherheit in den nächsten 20 bis 50 Jahren sicherzustellen und die erneuerbaren Energien marktfähig zu machen.