" Es ist schwierig, über die Grenzen der eigenen Kultur zu gehen, aber wenn man das gemacht hat, ist es ein ganz tolles Gefühl ", sagt Nguyen Tien Duc. Der 54-jährige gebürtige Vietnamese hat es geschafft, er ist längst angekommen in seiner zweiten Heimat Deutschland. Nun hilft Duc anderen Migranten, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Er kämpft für Verständnis und Verständigung zwischen ausländischen und deutschen Mitbürgern, schafft Begegnung. Der gute Geist der Migranten, wie ihn viele nennen, ist Kandidat für den Titel " Madeburger des Jahres 2009 ".

Magdeburg. Wenn Nguyen Tien Duc an den Anfang denkt, muss er immer noch herzhaft lachen : " Die Leute dachten, wir feiern gemeinsam das Tee-Fest, nicht das Tetfest. Das haben wir dann natürlich erklärt. Tet heißt auf Vietnamesisch so viel wie neu, das Tetfest ist also das Neujahrsfest ", klärt Duc den netten Irrtum auf. Seit 2002 feiern die Vietnamesen in Magdeburg gemeinsam mit Deutschen dieses Fest. Eine Form der Begegnung, die Nguyen Tien Duc damals sehr forciert hat.

Inzwischen reichen die Räumlichkeiten des Interkulturellen Beratungs- und Begegnungszentrums ( IKZ ) des Caritasverbandes in der Karl-Schmidt-Straße schon längst nicht mehr aus für das Fest, zu dem regelmäßig rund 300 Besucher auf Einladung des Deutsch-Vietnamesischen-Freundschaftsvereins u. a. in das alte Theater kommen. Beim Neujahrsfest kochen die vietnamesischen Familien für ihre deutschen Gäste. Es gibt Musik, Tänze, tatsächlich auch Tee – und Nguyen Tien Duc spielt auf seinem Lieblingsinstrument, der Dan Bau, dem nur mit einer Saite bespannten Holzinstrument.

Später werden Fotos voller Lachen und Lebensfreude im Treppenhaus der Caritas von dem bunten Fest der Kulturen künden. Es ist schon eine ganze Reihe von Bildertafeln, die den Flur schmücken. Von den Tetfesten, dem Tag der offenen Tür oder dem Auftritt der Tanzgruppe " Kinder des Windes " beim Fest der Begegnung. " Begegnungen sind ein wichtiger Baustein für die Integration ", weiß Duc und sieht daher zu, dass solche Möglichkeiten immer wieder neu geschaffen werden. Auch abseits gemeinsamer Feste.

Mit dem Projekt " Sprachpatenschaften " beispielsweise, bei dem Deutsche, vom Studenten bis zum Frührentner, sich ehrenamtlich um Aussiedler und Flüchtlinge kümmern. " Sie gehen mit ihnen ins Museum, den Dom oder in den Hauptbahnhof, wo sie üben, die Anzeigentafeln zu lesen ", berichtet Duc, der aus eigenem Erleben weiß, wie schwierig diese ersten Schritte in die neue Welt, in die fremdartige Kultur sind.

" Stimmung ist besser "

Die Sprachpaten profitieren aber auch selbst von den gemeinsamen Treffen ein- bis zweimal die Woche. Sie lernen die Sprache des anderen, aber dabei bleibt es längst nicht. Sie knüpfen gegenseitig neue Kontakte, verbringen die Freizeit miteinander. " Gern nehmen sie auch das Angebot an, dass ihre ausländischen Freunde mal daheim für sie kochen, z. B. auf einer Geburtstagsfeier. Das kommt sehr gut an ", freut sich Duc. Das Gefühl sei für die Migranten wichtig : Sie dürfen beweisen, dass sie etwas können, sie spüren, dass sie willkommen sind und gebraucht werden.

Nach diesem Prinzip funktioniert auch das weiterführende Projekt " Magdeburger Tandem ". Es wendet sich speziell an ausländische Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren. Auch sie bekommen ehrenamtliche Deutsche als Paten an ihre Seite gestellt, die ihnen helfen, die deutsche Sprache zu festigen und im Alltag besser zurechtzukommen. " Hier sagen wir aber vorab zu dem ausländischen Jugendlichen : Du bekommst mit dem Tandem-Projekt Hilfe, wenn du auch etwas dafür tust. Du kannst in der deutschen Familie im Garten helfen, für die Oma einkaufen oder beim Umzug mit anpacken. " Manchmal nur symbolische Dinge, aber dennoch, sagt Duc. Integration funktioniere eben nur, wenn beide Seiten etwas dafür tun. " Dazu motiviere ich die Migranten ganz bewusst. "

Daneben attestiert er einem Großteil der Magdeburger, dass auch sie bereit sind, die fremden Menschen anzunehmen. " Die Stimmung ist heute in Magdeburg viel besser als in den Jahren nach der Wende, auch wenn es sicherlich auch jetzt noch immer mal wieder Rückschläge gibt ", sagt Duc. In der Erinnerung an die Zeit Anfang der 1990 er Jahre wird sein ansonsten fast immer freundliches Gesicht ernst. " Wenn ich in der Straßenbahn saß, hatte ich wirklich Angst. Ich habe Leute beobachtet und gedacht : Vielleicht hat der ja was gegen dich ? Heute denke ich, wenn ich einen Menschen beobachte : Der ist bestimmt nett ! Und sollte sich zeigen, dass er es doch nicht ist, dann sage ich mir – er ist eine Ausnahme ", meint Duc und kann schon wieder lachen.

So haben ihn Freunde, Kollegen und ausländische Mitbürger seit 1992 als Mitarbeiter der Caritas und Leiter des IKZ kennengelernt : Ein wohl unverbesserlicher Optimist ist er, dieser Duc. Einer, der aus diesem Optimismus Kraft zieht und andere immer wieder mitreißen kann. " Glaub an dich und deine Stärken, dann schaffst du das !" So oder ähnlich vermittelt er es den Menschen, die in die Beratungsstelle des Caritasverbandes für das Bistum Magdeburg e. V. kommen. Darunter sind Aussiedler, aber auch Flüchtlinge aus Kriegsregionen der Erde, die manches Mal zutiefst verunsichert und traumatisiert sind. Duc und seine Mitarbeiter geben den Ankömmlingen Rat und Hilfe für die ersten wichtigen Schritte und darüber hinaus. Sie vermitteln Sprachkurse (" die deutsche Sprache zu lernen, ist unabdingbar "), helfen im Umgang mit Ämtern, ermuntern zu beruflicher Qualifikation, beraten zu Rechten und Pflichten oder vermitteln in die genannten Paten-Programme, die inzwischen bundes- und sogar europaweit Anerkennung finden. Darüber freut sich Duc und er ist stolz darauf. So wie auf die Nominierung für den Titel Magdeburger des Jahres 2009. Seit diesem Jahr leitet Duc überdies das neue Interkulturelle Kompetenzzentrum für die Arbeitsmarktintegration von Migranten in Sachsen-Anhalt.

" Hartes Stück Arbeit "

In der Summe ein hartes Stück Arbeit. Er weiß, dass er selbst die Integration in die deutsche Gesellschaft, den Grenzgang der Kulturen, geschafft hat. Er lebt als deutscher Staatsbürger mit seiner vietnamischen Frau und drei Kindern seit 32 Jahren in Magdeburg. " Alles, was ich hier geworden bin, habe ich den Menschen dieser Stadt zu verdanken. Ich konnte studieren, bin Sozialarbeiter geworden und mache meine Arbeit mit Spaß und Liebe ", sagt Duc, und man mag es ihm prompt glauben. All dies will er mit seinem Engagement zurückgeben, bietet z. B. an der Volkshochschule oder der Uni Kurse für Magdeburger an, wo er ihnen über die vietnamesische Kultur berichtet.

Gern zeigt er seinen deutschen Landsleuten auch, wie die Musik seiner alten Heimat klingt. Schon bald auf dem Neujahrsfest wird Nguyen Tien Duc darum wieder auf seiner Dan Bau spielen.