Bei der Wahl zum "Magdeburger des Jahres 2010" wählten die Leserinnen und Leser der Volksstimme mit 9,7 Prozent aller abgegebenen Stimmen Janin Niele auf den 3. Platz. Die 19-Jährige hat bereits zum vierten Mal in eigener Regie das große Sommerfestival "Rock im Stadtpark" organisiert und möchte die Landeshauptstadt am liebsten zu einem großen Festival-Standort machen. Hier die Laudatio auf die junge Unternehmerin, die für Magdeburg noch viel erreichen möchte.

Über Jugendliche wird zurzeit oft wenig schmeichelhaft geurteilt. Sie seien wenig motiviert, für den Arbeitsmarkt nicht ausreichend vorbereitet, laut Pisa-Studie nicht gerade die Überflieger in der Schule, sie verplempern den ganzen Tag ihre Zeit vor dem Computer, sind übergewichtig, sie sind renitent, sozial inkompetent und haben nur Gangster-Hip-Hop im Kopf. Nicht zu vergessen ihre Sucht nach Party-Vergnügen und ihre krumme Sprache.

Einschub: Allerdings, bis auf den Hip-Hop wurde über Jugendliche eigentlich schon immer so geurteilt – und mit Sicherheit hat die Erwachsenenwelt der Hälfte von Ihnen vor vielen Jahren diese Vorwürfe ebenfalls um die Ohren gehauen.

Wie dem auch sei – Janin Niele ist ein Beispiel dafür, dass bei der Beurteilung von Jugendlichen Schnellschüsse ins Leere gehen können.

Mit 15 schwärmt sie für die Band "Blickfeld", schmökert aber nicht in der "Bravo", sondern lieber in einem BWL-Buch. Ihre musikalischen Helden kommen aus Braunschweig und für Janin Niele steht fest: "Blickfeld" müssen in Magdeburg spielen. So organisiert sie ihr erstes Konzert in einer Musikkneipe in Magdeburg. Und das mit vollem Einsatz. Werbeflyer werden am heimischen Computer hergestellt und dann selbst verteilt. Und etwas naiv, wie sie später sagen wird, geht Janin los und fragt in Geschäften nach, ob diese das Konzert nicht sponsern könnten. Es funktioniert. Die Band rockt Magdeburg. Das war im April 2007.

Rund drei Jahre später treffe ich Janin Niele im Stadtpark. Sie hat bereits zum vierten Mal das Festival "Rock im Stadtpark" organisiert und ist gerade 18 Jahre alt. Das Festival 2010 soll größer werden als die Vorgänger. Man müsse sich entwickeln, sagt Janin Niele.

Wenige Stunden vor Konzertbeginn wirkt sie erstaunlich ruhig, ist aber angespannt – und ständig klingelt ihr Handy. Hier fehlt etwas, dort klappt was nicht, eine Band wird sich verspäten. Veranstaltungsalltag eben.

Zwischendurch erzählt mir Janin Niele, was in den vergangenen drei Jahren passiert ist. Nach dem erfolgreichen Blickfeld-Konzert fasst sie den Entschluss, noch im gleichen Jahr das erste "Rock im Stadtpark" auf die Beine zu stellen. Natürlich muss ihre Lieblingsband mit dabei sein. Der Stadtpark Rotehorn ist genau der richtige Standort für ein Sommer-Rockfestival. Und es gelingt. Zwar noch im kleinen Rahmen, aber erfolgreich. Da steht für Janin übrigens bereits fest, dass sie in die Veranstaltungsbranche gehen will. Sie wird das Gymnasium mit der Fachhochschulreife verlassen und beruflich schnurstracks auf ihr Ziel losgehen.

2008 dann das zweite "Rock im Stadtpark", ein bisschen größer als das erste und wieder ein Erfolg. Zwar nicht finanziell, da kommt sie gerade so über die Runden, aber die Bands kommen und das Publikum auch.

Und wenn ich das bin, dann bin ich auch die Chefin

Übrigens ist Janin Niele da immer noch minderjährig und muss sich für alles Geschäftliche einen "erwachsenen Partner" suchen, denn Gastronomen und Musik-Agenturen akzeptieren keine Unterschrift eines 17-jährigen Mädchens.

Janin beginnt zwischenzeitlich eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau, steigt aber nach ein paar Monaten wieder aus. Der Grund: Langeweile. "Ich habe den ganzen Tag an der Rezeption gesessen, Telefongespräche vermittelt und den Fotokopierer bedient. Das war nichts. Wenn man mir wenigstens einen Kindergeburtstag zum Organisieren gegeben hätte." Vor wenigen Wochen hat Janin übrigens bei der IHK ihre Prüfung als Veranstaltungskauffrau erfolgreich absolviert – als eine der wenigen sogenannten externen Prüflinge.

Das dritte "Rock im Stadtpark" geht für Janin Niele dann böse aus. Sie hat auf die falschen Partner gesetzt und organisatorische Probleme und Verzögerungen im Programm verärgern das Publikum. Am Ende bleibt sie für ihr junges Alter auf einem Berg von Schulden sitzen. Aber gibt nicht auf. Sie geht drei bis vier Jobs gleichzeitig nach, um Geld zu verdienen, weil sie auf keinen Fall ihre Partner enttäuschen und ihnen nichts schuldig bleiben will.

Viele Menschen haben einen Traum, aber …

Spätestens jetzt muss Janin erkennen, dass das Musikgeschäft ein Haifischbecken ist, in dem meistens nicht nachhaltig gewirtschaftet wird, sondern jeder das schnelle Geld im Auge hat.

Aber Janin lernt, denn nach jeder Veranstaltung setzt sie sich hin und analysiert genau, wie was gelaufen ist. "Sonst macht man immer wieder den gleichen Fehler", sagt sie.

Das "Rock im Stadtpark" 2010, vor dem ich Janin dann treffe, wird wieder ein Erfolg. Sie kann bekannte Bands nach Magdeburg holen, es kommen wieder deutlich mehr Zuschauer und die Probleme halten sich in zu bewältigenden Grenzen.

Ein Grund dafür ist sicherlich auch, dass Janin jetzt volljährig ist und selbst verhandeln und Verträge unterschreiben kann. "Ich konnte alles kontrollieren", sagt sie und freut sich auch darüber. Denn sie hat auch gelernt, dass bei gro-ßen Veranstaltungen einer das Sagen haben muss, und das kann nur der sein, der am Ende auch die Verantwortung für alles trägt. "Und wenn ich das bin, bin ich auch die Chefin", sagt die jetzt 19-Jährige.

Der zweite Grund für den Erfolg sind die vielen Freunde und Bekannten von Janin. "Ohne sie geht gar nichts", weiß sie, denn ein Rockkonzert braucht viele Hände, damit es richtig krachen kann. Und auch Janins Familie hilft ihr, wo sie kann. Ihre Mutti Tessi sagt ihr dann auch schon mal mit mütterlichem Nachdruck, wann sie etwas auf die Bremse treten soll. Denn Janin kommt gern auch mal 48 Stunden ohne Schlaf aus – und das unter Volldampf auf der Überholspur.

Magdeburg soll ein Standort für Rock- festivals werden

Mit ihren für das Musikgeschäft "paar Lenzen" und ihrem jungen Unternehmen hat sich Janin Niele bereits einen Namen gemacht. Und welchen, kann man daran erkennen, dass es ihr gelungen ist, für das "Rock im Stadtpark 2011" unter anderem die Band "Wir sind Helden" in den Rotehornpark zu holen. Ein ganz besonderer Erfolg.

Warum ist Janin Niele denn nun zur Kandidatin für den Magdeburger des Jahres geworden? Nicht, weil sie Rockkonzerte veranstaltet, das tun viele. Sondern, weil sie 2010 zu den Jugendlichen gehört hat, die sich engagieren, die sich mit viel Mut und mit der Leichtigkeit ihrer Unbekümmertheit in etwas hineinstürzen, von dem die Allgemeinheit etwas hat, weil sie etwas bewegen und verändern wollen, etwas aufbauen wollen. Eine Stadt wie Magdeburg kann sich glücklich schätzen, wenn Jugendliche wie Janin Niele Freiräume erkennen und mit farbenfroher, bunter und wie ich finde, gern auch mal mit lauter Kultur füllen.

"Viele Menschen haben einen Traum, aber trauen sich nicht, ihn Wirklichkeit werden zu lassen", sagt Janin. So will sie nicht sein. Sie hat den Traum, Magdeburg zu einem großen Standort für Rockfestivals zu machen, wie etwa "Rock am Ring" oder das "Hurrikanfestival". Die Fans sollen jeden Sommer nach Magdeburg pilgern und hier tolle Konzerte erleben, wünscht sie sich. Und unter den Bands, die dann den Stadtpark rocken, soll unbedingt einmal "die beste Band der Welt", "die Ärzte" sein. "Aber das werde ich schaffen", ist sich Janin sicher. Wünschen wir ihr und uns, dass sie recht behält.