Zerbst. Wenn ein nahestehender Mensch zum Pflegefall wird, ändert sich das Leben von Patient und Angehörigen oftmals dramatisch. Viele sind nicht bereit, den Ehemann oder die Mutter oder den Vater in ein Pflegeheim unterzubringen, sondern stellen sich der nicht einfachen Aufgabe, den gebrechlichen Menschen in den eigenen vier Wänden zu pflegen.

Einer von tausenden Pflegefällen ist die 89-jährige Gertrud Pommernelle, die von ihrer Tochter Anita Rentsch und Schwiegersohn Friedel gepflegt wird. Die Rentschs haben für die Mutter ihr Schlafzimmer ausgeräumt und renoviert. Dort stehen jetzt neben einem Rollstuhl und einem Toilettenstuhl ein Krankenbett, in dem die Pflegebedürftige ( Pflegestufe II ) liegt. Das Gehen fällt der alten Frau schwer – wenn es ihr gut geht, setzt die Tochter ihre Mutter in den Rollstuhl und schiebt sie in den Garten.

Noch Anfang vorigen Jahres hatte die Mutter, die fünf Kinder großgezogen hatte, allein gelebt. Von einer Darmoperation hatte sie sich allerdings nicht mehr richtig erholt. Nach einem zweimonatigen Krankenhausaufenthalt wurde sie in einem Pflegeheim im nahen Zerbst untergebracht. Doch mit der Qualität der Pflege waren die Kinder unzufrieden. "Sie wurde gewindelt und das Essen hingestellt, mehr nicht", erklärte der Schwiegersohn. Im Heim hatte die Mutter noch eine Thrombose am Bein bekommen. Die Kinder mussten zu den Heimkosten 800 Euro aus eigener Tasche hinzuzahlen. "Ich habe daran keinen Sinn mehr gesehen", begründet Friedel Rentsch die Entscheidung, die Mutter aus dem Heim zu holen.

Die Mutter nun pflegen zu müssen, war nicht geplant. Es ist inzwischen fast ein Jahr her, seitdem die Mutter bei ihrer Tochter Anita wohnt. Und es sind schon kleine Fortschritte zu sehen. "Als unsere Mutter aus dem Heim kam, konnte sie nicht einen Schritt laufen", erzählt die 64-jährige Tochter. Jetzt sind schon wieder kleine Schritte mit dem Rollator möglich.

Die Pflege der Mutter bestimmt den Tagesablauf in dem kleinen Bauernhaus in Gehrden: Bevor es gegen 7.30 Uhr Frühstück gibt, putzt die Tochter die Zähne der Mutter. Sie setzt die 89-Jährige auf den neben dem Bett stehenden Toilettenstuhl, kämmt ihr die Haare und verabreicht die Medikamente. Zur Morgenwäsche nach dem Frühstück kommt ein ambulanter Pflegedienst, mit dem die Mutter einen Pfl egevertrag abgeschlossen hat. Wenn der Pflege-Profi das Haus nach getaner Pflege wieder verlässt, sitzt die Mutter angezogen im Rollstuhl oder im Sessel und schaut Fernsehen.

Für Anita Rentsch ist der Pflegealltag inzwischen Routine geworden. "Man gewöhnt sich dran", erklärt sie bescheiden. Das Geld, das die Pflegekasse zahlt, ist eine kleine Entschädigung für die Tochter. Dennoch, die Rentschs merken, dass Pflege auf die Dauer viel abverlangt. "Ich bin ja Rentnerin. Sonst würde ich das gar nicht schaffen", sagt die frühere Geflügelzüchterin. Es gibt natürlich Einschränkungen und Verzicht im Alltag. Einfach mal wegfahren – in den Urlaub – ging bisher nicht, machbar sind dagegen zwei bis drei Stunden Abwesenheit, um den Einkauf zu besorgen.

Wenn die Mutter abends um 18.30 Uhr für die Nachtruhe fertig gemacht wird, weiß die Tochter auch um die seelische und körperliche Belastung von Pflege. Die Pflegebedürftige vom Rollstuhl oder Bett in den Toilettenstuhl zu bringen, ist eine Kraftanstrengung. Was sie aber nicht aufhören lässt, ist der Lebenswille ihrer Mutter Gertrud. Und es ist so etwas wie Dankbarkeit, wenn sie zu ihren Kindern sagt, "ohne Eure Hilfe wäre ich längst tot". Deshalb haben sich die Rentschs vorgenommen, so lange sie ihre Mutter pflegen können, "machen wir das".