Was man über Demenz wissen sollte

In der wörtlichen Übersetzung aus dem Lateinischen heißt Demenz so viel wie "der Geist ist weg". Damit ist das Hauptmerkmal treffend umschrieben: der Verlust der geistigen Fähigkeiten. Dieser Verlust beruht auf Veränderungen des Gehirns und führt zu schweren Beeinträchtigungen im täglichen Leben.

Der Oberbegriff Demenz umfasst eine Reihe von Krankheitsbildern mit unterschiedlichen Ursachen. Die Alzheimer-Demenz ist die häufigste und wohl auch bekannteste Form der Erkrankung. Die Krankheit tritt meistens nach dem 65. Lebensjahr auf. Etwa zehn Prozent sind jünger als 60 Jahre. Charakteristisch ist der schleichende, nahezu unmerkliche Beginn.
Der Verdacht einer Demenz-erkrankung besteht, wenn folgende Beschwerden auftreten: Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, Eingeschränkte Urteilsfähigkeit, Sprachstörungen, Störungen von Bewegungsabläufen und der sinnvollen Nutzung von Gegenständen, Störung des Erkennens.

Für das Erscheinungsbild einer Demenz ist nicht nur die Krankheitsphase, sondern auch die Persönlichkeit des Kranken von Bedeutung. Die Demenz besitzt also ein sehr persönliches und unverwechselbares Gesicht.
Altersverwirrte Menschen (Demenzkranke), Menschen mit geistigen Behinderungen und psychisch Erkrankte haben einen Betreuungsbedarf, der über den Hilfebedarf hinausgeht. Mit der Pflegereform, die heute in Kraft tritt, erhöht sich die Leistung für Demenzkranke von bisher 460 Euro auf bis zu 2400 Euro jährlich.

Mehr Pflegepersonal: Mit der Pflegereform soll für je rund 25 Bewohner ein zusätzlicher Betreuer
eingestellt werden.

Oschersleben. Rund eine Million Menschen lebt in Deutschland mit einer Form von Demenz. Im Pflegeheim "Kardinal-Jäger-Haus" in Oschersleben (Landkreis Börde) nehmen sich die Mitarbeiter viel Zeit für die Bewohner – oft auf Kosten der eigenen Freizeit. Die Volksstimme hat die Altenpflegerin Heike Holzwarth einen Tag lang im Wohnbereich für Demenzkranke begleitet.

Gerda Rösler ist müde. Sie will schlafen. Dabei ist es längst Zeit fürs Frühstück. Schwester Heike hat Mühe, die 84-Jährige wachzuhalten. Sie redet ihr gut zu, streicht ihr liebevoll über den Arm. "Die Müdigkeit ist eine Erscheinung des Krankheitsbildes. Bei vielen Demenzkranken sind Tag und Nacht verkehrt", sagt die 43-jährige Altenpflegerin, die im Kardinal-Jäger-Haus im Wohnbereich "Sankt Anna" arbeitet.

Dann beginnt sie mit der Grundpflege, wie das morgendliche Frischmachen im Fachjargon genannt wird. Waschen, Eincremen, Wechseln des Inkontinenz-Materials, Kämmen – Gerda Rösler kann sich nicht selbst um ihre Körperpflege kümmern. Sie leidet seit vielen Jahren an Demenz.

Der Bereich für Demenzkranke im Kardinal-Jäger-Haus, einer Einrichtung der Caritas Trägergesellschaft St. Mauritius (ctm), ist gefragt. Eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend belegt, dass fast zwei Drittel aller Bewohner in Pflegeheimen an einer Form von Demenz erkrankt sind. Zwei Wohngruppen mit je 15 Bewohnern gibt es. "Aufgrund der demografischen Entwicklungen hat die Zahl alter Menschen in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen", sagt Wohngruppenleiterin Nadine Germer. "Damit ist auch die Zahl Demenzkranker gestiegen und tut es weiter."

Jährlich 200 000 Demenzkranke mehr

In Deutschland leiden derzeit rund 1,1 Millionen Menschen an einer Demenz - mit steigender Tendenz. Jedes Jahr kommen laut Deutscher Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) etwa 200 000 Neuerkrankte dazu. Außerdem steigt das Risiko einer Erkrankung mit steigendem Alter. Experten rechnen für das Jahr 2030 mit 2,5 Millionen Betroffenen.

Die Caritas-Trägergesellschaft St. Mauritius hat reagiert und einen Bereich eigens für Demenzkranke eingerichtet: Begonnen wurde mit gemischten Gruppen, um die an Demenz erkrankten Bewohner nicht zu isolieren. "Das hat leider nicht funktioniert", sagt Nadine Germer. Wird ein Demenzkranker mit seinen Defiziten konfrontiert, macht ihn das unausgeglichen, manchmal sogar wütend. Die Anforderungen an die Versorgung sind speziell und individuell, so dass sich Nicht-Demenzkranke schnell zurückgesetzt und vernachlässigt fühlen können.

Gerda Rösler beginnt zu singen. Man kann nicht sagen, um welches Lied es sich handelt. "Frau Rösler war früher im Chor", sagt Heike Holzwarth. Das weiß sie aus ihrer "Akte". "Bei Demenzkranken ist es wichtig, dass man viel über ihr Leben weiß." Biografie- und Angehörigenarbeit sind ein wichtiger Baustein in der Betreuung von Demenzkranken.

Heute ist es besonders heiß. Das Thermometer zeigt schon jetzt 25 Grad. Dabei ist es gerade acht. Der Schweiß steht Heike Holzwarth auf der Stirn. Sie cremt Frau Rösler den Rücken ein, zieht ihr ein Unterhemd an. Darüber Rock und T-Shirt. Dann hebt sie den schwachen Körper in den Rollstuhl. Hilfe bekommt sie von Pflegerin Annemarie Bader. "Bei einigen Bewohnern schafft man es alleine einfach nicht."

Auf fünf Bewohner kommen eine Fach- und eine angelernte Kraft. Dafür, dass Demenzkranke rund um die Uhr Betreuung und Beaufsichtigung brauchen, sind das eigentlich zu wenig. "Würden wir uns strikt an die Minutenvorgaben für die einzelnen Pflegemaßnahmen halten, bliebe keine Zeit für ein Gespräch oder eine Umarmung", sagt Heike Holzwarth. Grundpflege und Toilettengänge sind in der vorgeschriebenen Zeit kaum zu schaffen. "Die Zeit hänge ich hinten dran", sagt Heike Holzwarth. Das tut sie gern. "Ich finde, das gehört zu unserem Beruf dazu."

Schwester Heike fährt Gerda Rösler zum Frühstück in das Esszimmer des Wohnbereiches. Zeit zum Verschnaufen gibt es für die 43-Jährige nicht. Auch das Essen fällt den meisten Senioren schwer. Vorsichtig und mit viel Geduld reicht sie Gerda Rösler das Essen. Die linke Hand liegt bei einer anderen Bewohnerin auf der Schulter. "Ich will nach Hause", kommt es Gerda Rösler immer wieder über die Lippen. Dabei klingt ihre Stimme, als würde sie zu weinen beginnen. Heike Holzwarth tröstet sie, nimmt sie in den Arm und motiviert sie zum Essen.

Dabei sitzt ihr die Zeit im Nacken. Zwei Bewohnerinnen warten noch auf die Grundpflege. "Bis zum Mittagschlaf muss ich durch sein." Nicht etwa, weil sie dann mal kurz die Füße hochlegen will. Die Mittagsruhe nutzt Schwester Heike für die Dokumentation der Pflege: "Wir müssen alles genau aufschreiben. Wie war der Stuhlgang? Wie viel wurde getrunken? Wie ist das Befinden?" So kann sich jede Kraft über den Krankheitsverlauf informieren. Das kostet Zeit. Zeit, die besser den Bewohnern gehören sollte.

Zur Morgengymnastik auf die Terrasse des Kardinal-Jäger-Hauses muss Gerda Rösler jedenfalls ohne Schwester Heike. Begeistert ist sie davon nicht. Die 84-Jährige will lieber wieder ins Bett. Annemarie Bader ist an ihrer Seite. Sie redet ihr gut zu. "Für Demenzkranke ist das regelmäßige Training von Koordination und Bewegung besonders wichtig", sagt sie. Es sei ein Balanceakt zwischen den Bedürfnissen der Bewohner und dem Versorgungsauftrag. "Ich kann einen Bewohner ja auch nicht zum Baden zwingen, aber nach einigen Tagen ist es eben unumgänglich."

Herausfinden, was für Bewohner das Beste ist

Zurück im Wohnbereich macht sich Heike Holzwarth gleich wieder an die Arbeit. Die Zimmergenossin von Gerda Rösler wartet noch auf die Grundpflege. "Frau Magner hat heute einen guten Tag", sagt Heike Holzwarth, als sie das Zimmer der 81-Jährigen betritt. Die lächelt ihr schon entgegen. Die Augen von Su-sanne Magner verraten aber, dass sie auch anders kann. "Es kommt schon vor, dass wir beschimpft werden oder dass uns Bewohner kneifen oder hauen, aber das darf man nicht persönlich nehmen", sagt Heike Holzwarth. Überhaupt sei der Beruf oft eine Gratwanderung. "Es gibt Emotionen, aber man muss aufpassen, dass es nicht zu nah an einen rankommt."

Die Arbeit mit Demenzkranken erfordert regelmäßige Schulungen. "Es gibt nicht die Demenz", sagt Nadine Germer. Demenzpflege heißt Ausprobieren und Herausfinden, was für den Bewohner das beste ist. Betreuungs- und Behandlungsmethoden sollen individuell auf jeden Bewohner abgestimmt werden.

Zum Mittagessen haben sich alle wieder im Esszimmer versammelt. Es gibt Kohlrouladen und Rippchen. Dazu Kartoffeln und Bohnen als Beilagen. "Die Bewohner können täglich zwischen zwei Gerichten wählen", sagt Schwester Heike, die nun auch am Mittagstisch Platz genommen hat. "Wenn ein Bewohner einmal einen besonderen Wunsch hat, wird das von unseren Köchen auch berücksichtigt."

Auf dem Platz neben Gerda Rösler sitzt Annemarie Bader. Sie ist damit beschäftigt, die Kohlroulade in mundgerechte Stücke zu teilen. Dann reicht sie ihr das Essen. Geduldig führt sie jeden Löffel zum Mund der Bewohnerin. Gerda Rösler isst ihren Teller leer. Sie sieht jetzt zufrieden aus. Weiß sie doch, dass nach dem Essen der wohlverdiente Mittagschlaf auf sie wartet.