In Sachsen-Anhalt leben rund 80.000 pflegebedürftige Menschen, 24.500 von ihnen in Heimen. Die Entscheidung, in ein Seniorenheim zu ziehen, ist für viele Menschen und ihre Familien eine der schwierigsten in ihrem Leben. Die Volksstimme beobachtete den Alltag im DRK-Seniorenheim in Hecklingen.

Hecklingen. An diesem Morgen meldet die Nachtschicht im DRK-Seniorenheim in Hecklingen (Salzlandkreis) bei der Übergabe an die Frühschicht um 6 Uhr keine besonderen Vorkommnisse.
Vier Pflegekräfte beginnen im Erdgeschoss mit dem Waschen der Heimbewohner. Dort wohnen in Einzel- oder Zweibettzimmern 26 Senioren, fünf von ihnen sind schwerst pflegebedürftig. Die 98-jährige Marie W. bereitet den Pflegerinnen an diesem Tag Sorgen: Am Schienbein der seit Jahren bettlägerigen Frau entwickelt sich ein Dekubitus. Das sind jene Druckgeschwüre, die durch einseitige Belastung einer Körperpartie entstehen. Die alte Dame, die nur noch 1,34 Meter misst und 29 Kilo wiegt, soll an diesem Tag auf Anweisung des Arztes ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Angelika Koch, Pflegedienstleiterin, geht zu der alten Dame ins Zimmer. Sie liegt dort, die Augen geschlossen, schlummernd in ihrem Bett. Wer in ihr Gesicht blickt und den kleinen Kopf betrachtet, dem wird die Vergänglichkeit des Lebens allzu sehr bewusst. Der Fernseher läuft. Als ihr die Schwester die Schnabeltasse gibt, nippt sie ein paar Schlückchen. "Wir haben alles versucht, um diese Wunde zu vermeiden", erzählt die Pflegedienstleiterin. Die alte Dame liegt auf einer speziellen Wechseldruckmatratze, die das Dekubitus-Risiko mindern soll. Sie erhält extra energiereiche und pürierte Nahrung, eine Verbandsschwester hatte die wunde Stelle abgepolstert. Die Pfleger lagern den Körper, der nur noch Haut und Knochen ist, alle zwei Stunden in eine andere Position; vom Arzt erhielt die Greisin Antibiotika verordnet. Das Druckgeschwür war trotz der Bemühungen der Pfleger nicht zu verhindern. Angelika Koch sieht die Ursache nicht nur in den schwindenden Kräften der Seniorin, auch in der spastischen Körperhaltung: Marie W. schlägt im Liegen ein Bein auf das andere.

Dass Mitarbeiter eines Pflegeheimes so offen über einen Dekubitus-Fall sprechen, ist ungewöhnlich. In der Mehrzahl der Fälle geht ein Dekubitus auf Mängel in der Pflege zurück. Die Offenheit des Hecklinger Seniorenheimes ist in diesem Fall eher ein Hinweis dafür, dass in der Einrichtung hohe Qualitätsmaßstäbe angelegt werden.
"Wir haben nichts zu verheimlichen", meint DRK-Kreisgeschäftsführer Thomas Marchewka. Das Seniorenheim gilt als eines der besten in Sachsen-Anhalt: Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) hatte das Heim im Juni vergangenen Jahres an knapp zwei Tagen auf Herz und Nieren geprüft und dem Pflegepersonal eine sehr gute Qualität seiner Arbeit bescheinigt. Von 700 Punkten hatte das Heim 698 erreicht. Als eines der ersten Heime ist die Rot-Kreuz-Einrichtung seit September 2007 auch im Internetportal des Landes unter dem Titel "Transparenz in der Pflege" vertreten.

In dem Heim mitten im Zentrum der Bördegemeinde leben 102 Senioren, alle sind pflegebedürftig (also in eine der drei Pflegestufen eingestuft), bei fast jedem zweiten Bewohner liegt eine dementielle Erkrankung vor. Die Senioren werden von 51 Pflegerinnen und Pflegern rund um die Uhr betreut – jede zweite Kraft ist eine examinierte Krankenschwester oder ein Krankenpfleger.

Wichtig ist das Miteinanderreden

Bevor sich an diesem Morgen die Senioren zum Frühstück in die auf jeder der drei Etagen befindlichen Wohnbereichsküchen oder in den Speisesaal begeben, haben die Pflegerinnen alle Hände voll zu tun: Die Bettwäsche wird gewechselt. Die Bewohner erhalten ihre Medikamente, Schwester Iris Neugebauer spritzt den Diabetikern im Erdgeschoss das Morgeninsulin. Die Pfleger messen Blutdruck, inkontinente Senioren erhalten neue Vorlagen bzw. werden zur Toilette gebracht. Eine Bewohnerin fühlt sich an diesem Tag nicht: Sie erhält ihr Frühstück ans Bett in ihrem Zimmer.

Während die Senioren frühstücken, wuselt es im Büro der Pfleger: Da sind letzte Formalitäten für eine in der Nacht im Alter von 90 Jahren verstorbene Seniorin zu erledigen. Schwester Iris Neugebauer organisiert die Krankenhauseinweisung für Maria W., füllt den Verlegungsbogen aus und informiert die amtlich bestellte Betreuerin der Seniorin. Währenddessen läutet fast pausenlos die Klingel im Büro der Pfleger – vor allem dann, wenn die Bewohner in ihren Zimmern Hilfe benötigen, zum Beispiel beim Aufstehen oder dem Toilettengang. Schwester Iris übermittelt für eine an diesem Tag gerade aus dem Krankenhaus heimgekehrte Bewohnerin den Entlassungsbericht an den Hausarzt. Sie bestellt die Medikamente, kümmert sich um die fehlende Chipkarte der Krankenkasse, informiert die Angehörigen und meldet die Seniorin wieder in der Küche an.

Tätigkeiten hinter den Kulissen, die nicht unmittelbar zur Pflege gehören. Für die Bewohner aber sind sie enorm wichtig. In dem Heim haben sich die Mitarbeiter das Arbeitsmotto "Möchtest Du von Dir selbst gepflegt werden? gestellt. Diesem Grundsatz ordnet sich jede Handlung unter. Das bedeutet nicht nur einen respektvollen Umgang mit den alten Menschen, sondern auch das zwischenmenschliche Gespräch über ihre Sorgen und Nöte. Auch wenn die Pfleger nicht endlos Zeit haben, sagt Schwester Iris: "Das Miteinanderreden ist für alte Menschen enorm wichtig. Viele machen sich Stress, der nicht sein muss. Ich kann aber ein Gespräch schon am Morgen beim Waschen führen. Ich vermittle ihnen dabei das Gefühl, jetzt nur für sie da zu sein. Dann trauen sie sich, sich auch auszusprechen."

Ein Pflegeheim ist, so hart es klingt, die letzte Station im Leben eines Menschen, wenn er den Alltag in seiner gewohnten Umgebung nicht mehr ohne fremde Hilfe bewältigen kann. Auch wenn das Essen gut ist, die Pfleger nett sind und Pflege in hoher Qualität leisten – das richtige Zuhause wird es nicht mehr werden. Die Pfleger wissen aus ihrer Erfahrung, dass sich viele Bewohner schwer tun, ihren körperlichen Abbau und den damit notwendigen Einzug ins Heim zu akzeptieren.

So ähnlich formuliert es Heinz Dopheide, Vorsitzender des Heimbeirates: "Viele meinen, die Welt ist hier vorbei. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, auf die Menschen zuzugehen, ihnen wieder Hoffnung zu geben." Dass es auch anders sein kann, erzählt Ilse Beck. Sie hat ihre Situation angenommen. Vor eineinhalb Jahren hatte sich die heute 91-Jährige aus Löderburg zum Umzug ins Heim entschieden. Sie war schwer gestürzt, der Arzt riet ihr, ins Heim zu ziehen. Sie hat ihr eigenes Zimmer und sagt heute: "Ich fühle mich sauwohl hier." Hermine Broza (74) zeigt bereitwillig ihr Zimmer, das hell und freundlich ist. Sie konnte dort eigene Möbel aufstellen und ist, wie sie betont, "überaus zufrieden".

Das Wohlfühlgefühl hat neben der Atmosphäre auch mit der Ausstrahlung des Gebäudes an sich zu tun: 1997 für 20 Millionen Mark erbaut, macht es auf den ersten Blick nicht den Eindruck eines Heimes, sondern eher eines kleinen, gediegen ausgestatteten Hotels. Im Innern gibt es nicht die üblich endlos langen, grell ausgeleuchteten Flure, sondern gemütliche mit Sitzecken eingerichtete Etagen in warmen Farbtönen. Das Heim mit eigener Küche und Wäscherei gehört dem DRK Staßfurt-Aschersleben e.V. Ein Heim­platz kostet für einen Bewohner der Pflegestufe I im Eigenanteil 617,55 Euro im Monat (inklusive Vollverpflegung und Wäschereinigung), 1023 Euro trägt die Pflegekasse. Gewinn, so betont DRK-Geschäftsführer Marchewka, macht der Verband mit dem Heim nicht.

Für die Bewohner ist letztlich aber entscheidend, wie gut die Mitarbeiter arbeiten. Jedes Detail der Pflege wird für jeden Bewohner dokumentiert: Nicht nur die Verabreichung der vom Arzt verordneten Medikamente und die Kontrolle von Blutdruck und Blutzucker, sondern auch wie oft und wie viel jeder der bettlägerigen Bewohner trinkt und isst. Bei Bettlägerigen wird detailliert notiert, wie oft und auf welche Seite eine Umlagerung erfolgt. Für Bewohner, die zu Untergewicht neigen, gibt es Spezialkost aus der hauseigenen Küche oder hochkalorische Trinknahrung. Bei Schmerzpatienten erfolgt eine ausführliche Dokumentation der Stärke der Schmerzen.

"Ein guter Ruf muss immer wieder neu erkämpft werden", sagt Heimleiterin Renate Liedtke. Und es gebe nirgendwo etwas, was man nicht noch besser machen könnte. Diese Erfahrung haben die Pfleger selbst gemacht. Nämlich, als ein Bewohner sich beschwerte, er würde nicht zur Toilette geführt werden und müsste sich deshalb in die Hose machen. Daraufhin kam der Medizinische Dienst unangemeldet zur Kontrolle. "Wir waren damals niedergeschlagen und haben uns gefragt, ob wir denn alles falsch machen", berichtet Angelika Koch. Die Prüfung er­gab aber keinerlei Beanstandung am Pflegemanagement, dafür aber Hinweise zum Umgang mit Schmerzpatienten.

Die Hinweise haben die Pfleger berücksichtigt, so dass schließlich die Tiefenprüfung vor einem Jahr überaus positiv ausgefallen war. Darauf sind die Pfleger um Angelika Koch zu Recht stolz.
Dennoch, die Betroffenen, die Heimbewohner, um die es schließlich geht, sehen Pflege aus ihrem Blickwinkel: "Ich beobachte, dass die Pfleger schwer arbeiten müssen", sagt Willi Böttcher. Aber der 87-Jährige wünscht sich, man sollte bei der Pflege mehr das Persönliche sehen und meint: "Es ist eine Pflege nach Minuten." Ohne Willi Böttcher gehört zu haben, bestätigt Schwester Monika die Aussage. "Alte Menschen, besonders demente, brauchen viel Zuwendung", sagt die Pflegerin, die seit 28 Jahren in der Pflege tätig ist. "Für das Menschliche bleibt wenig Zeit. Das macht einen unzufrieden."

(Anmerkung: Inzwischen ist die Patientin Marie W. wieder im Pflegeheim. Die Ärzte haben festgestellt, dass es sich um kein Druckgeschwür handelte, sondern um ein Gangrän, eine durch eine verstopfte Arterie hervorgerufene Gewebeentzündung.)