Magdeburg (sj). 24 Stunden, sieben Tage die Woche: Angehörige, die seit Jahren Pflegearbeit leisten, gehen oft bis an die Belastungsgrenze.
Nach Angaben des Münchner Altenpflege-Kritikers Claus Fussek kommt Gewalt in der Pflege selbst in vorbildhaften Familien vor. Über Aggressionen gegen Pflegebedürftige zu reden, war noch bis vor wenigen Jahren tabu. Inzwischen wird Gewalt auch in der häuslichen Pflege thematisiert.

Die Wahrscheinlichkeit, Gewalt gegen alte Menschen aufzudecken, ist nach Angaben der Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter immer noch geringer als bei Kindesmisshandlungen. Gesellschaftlich werde "Altenmisshandlung", so die Initiative, eher geduldet und ausgeblendet. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation
werden in wirtschaftlich entwickelten Ländern mindestens vier bis sechs Prozent der Alten in ihrem Zuhause misshandelt oder vernachlässigt. Ein besonderes Risiko hätten pflegebedürftige Menschen. Jeder dritte von ihnen hat im Lauf seiner Pflegebedürftigkeit irgendwann unter Auswirkungen von Vernachlässigung (Wundliegen, Austrocknung) gelitten.

Die Initiative verweist in diesem Zusammenhang auch auf die hohe Suizidrate bei alten Menschen. 40 Prozent aller Selbsttötungen werden von Über-60-Jährigen begangen.
In den meisten Fällen resultiert Gewalt aus einer Überforderung der pflegenden Angehörigen, durch Stress, Erschöpfung, fehlendes Wissen und die sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Angehörigen. Der Pflegebedürftige hält die pflegende Person oder sein Umfeld ständig auf Trab, fordert, ist unleidlich.

Aggressionen äußern sich dann sowohl in seelischer als auch körperlicher Form gegenüber den Angehörigen: Vernachlässigung, Freiheitsbeschränkung durch Festbinden an Stuhl oder Bett, Schläge, Missachtung des Willens, Ruhigstellen mittels Medikamenten.

Das wohl Schwierigste ist, Zeichen der Aggression frühzeitig zu erkennen und ihnen gegenzusteuern, ehe es zur Gewalt kommt. Der erste Schritt ist, wahrzunehmen, dass man innerlich wütend, ärgerlich oder verzweifelt ist. Es kostet einiges an Selbsterkenntnis und Überwindung, denn dieses Thema ist mit negativen Gefühlen besetzt, wie Schuld, Versagensangst, Scham. Als Pflegender muss man sich an dieser schwierigen Situation weiterentwickeln. Dazu gehört auch, sich in die andere Person hineinzuversetzen und die schwierige Situation anzunehmen. Warum reagiert der Pflegebedürftige aggressiv, warum will er sich nicht waschen lassen, warum jammert er ununterbrochen, obwohl ich doch alles für ihn tue? Erst wenn man den anderen und dessen Situation verstehen kann, ist es möglich, gegen die eigene Aggression und am Ende gegen die Gewalt vorzugehen. Dennoch - es ist ein schwieriger Entwicklungsprozess in einer schwierigen Situation und er erfordert in einigen Fällen professionelle Hilfe.