Über Wildwasser

Wildwasser Magdeburg ist einen Beratungsstelle für Opfer sexualisierter Gewalt und deren Angehörige. Träger ist der gleichnamige Verein. Zum Angebot gehört unter anderem auch Prävention, zum Beispiel in Form von Selbstverteidigungskursen.

Die Beratungsstelle finanziert sich zu 70 Prozent durch die Stadt Magdeburg und das Land, 30 Prozent müssen an Eigenmitteln erbracht werden. Die Beratung hat vier Mitarbeiterinnen, der Verein 28 Mitglieder.

Kontakt zu Wildwasser Magdeburg findet man telefonisch unter: (0391) 251 54 17 und per Mail: info@wildwasser-magdeburg.de.

Hilfe gibt es auch bei Mißmut Stendal, Telefon: (03931) 21 02 21, Mail: miss-mut.stendal@web.de; und bei Wildwasser Dessau, Telefon: (0340) 22 69 24, Mail: wildwasser-dessau@ t-online.de.

Sexueller Missbrauch von Kindern

450 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern wurden im vergangenen Jahr in Sachsen-Anhalt erfasst. Das ist in etwa so viel wie in den beiden Vorjahren.

Die Dunkelziffer wird sogar auf das Fünf- bis Achtfache geschätzt.

In den 450 Fällen gab es 515 Opfer, davon waren 387 Mädchen. Allein 68 Kinder waren unter sechs Jahre alt.

Die Aufklärungsquote liegt bei 90 Prozent. Nur drei Prozent der Verdächtigen sind weiblich. Fast drei Viertel sind älter als 20 Jahre.

Magdeburg l Daniel* hatte seinen großen Halbbruder richtig lieb. Wenn Matthias* zwei Wochen im Monat bei der gemeinsamen Mutter wohnte, teilte der Vierjährige sein Kinderzimmer gern. Doch irgendwann fing sein Matthias an, beim Spielen komische Dinge mit ihm zu tun. Ihn zu berühren, sich an ihm zu reiben. Der Zwölfjährige quälte den Kleinen sogar mit Gegenständen. Das alles immer wieder.

Als sich Daniel nach Monaten seinem Vater anvertraute, versuchten die geschiedenen Eltern erst, die Situation allein zu meistern. Doch sie stritten ständig, waren überfordert. Also suchten sie Hilfe bei der Magdeburger Beratungsstelle von Wildwasser. Dort können Kinder von vier bis zwölf Jahren Missbrauchserlebnisse in einer Spieltherapie verarbeiten. Ihre Welt wieder ordnen.

Mit Einbrecher-Spiel drückte Daniel Gefühle aus

"Sie lernen, mit ihrer Wut, Trauer und Enttäuschung umzugehen", erklärt Beraterin und Psychologin Michelle Wiegmann. Denn in diesem Alter schaffen es viele nicht, darüber zu reden, sodass eine klassische Psychotherapie wenig Sinn macht.

Auch Daniel sprach nicht über den Missbrauch. Als er zum ersten Mal in die Therapie kam, konnte er auch keinen Blickkontakt halten. Wiegmann erinnert sich: "Er stand mit hängenden Schultern im Spielzimmer, hat auf Fragen nur genickt oder den Kopf geschüttelt. Daniel traute sich nicht einmal zu sagen, dass er auf die Toilette musste."

Der Misshandler stammt meist aus dem Umfeld

Rückzug ist eine typische Reaktion sexuell missbrauchter Kinder, sagt Professor Hans-Henning Flechtner. Er ist Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Magdeburger Universitätsklinikum, wo Spieltherapie zur Behandlung verschiedener Störungen mit angewandt wird. Möglich seien aber auch ganz andere Verhaltensweisen: "Manche Kinder sind aggressiv, andere nässen wieder ein."

Daniel suchte sich recht schnell Legofiguren heraus, mit denen er Rollenspiele kreierte. Eines wollte er immer wieder spielen: Ein Einbrecher steigt in ein Museum ein und türmt mit der Beute. Der Wächter ruft die Polizei. Doch als die kommt, ist die Beute wieder da. Ein Szenario mit Bedeutung: "Der Einbrecher konnte unbemerkt etwas Schlimmes tun - so wie auch damals niemand bemerkte, was Daniel angetan wurde", erklärt Michelle Wiegmann.

Dass der Täter ausgerechnet der Halbbruder des Opfers ist, kommt nicht selten vor. Laut Landeskriminalamt stammt der Verdächtige in 70 bis 80 Prozent der Fälle aus dem unmittelbaren Umfeld des Opfers - das kann auch der Vater sein, der Onkel oder der Opa. Zudem gibt es bei Heimkindern manchmal Übergriffe untereinander.

In dieser persönlichen Nähe und dem daraus resultierenden ambivalenten Verhältnis zum Misshandler liegt das schlimmste Problem für das Kind, erklärt Flechtner: "Wenn eine Vertrauensperson seine Grenzen verletzt, weiß es nicht mehr, wer gut und wer böse ist. Oft fragt es sich sogar, ob es selbst Schuld trägt."

Zudem habe das Kind Angst, etwas zu sagen, das Schaden anrichtet - zum Beispiel zur Trennung der Eltern führt. Spiele würden eine Situation unverbindlich machen: "Das Kind kann jederzeit sagen: Wir haben das ja nur gespielt. Und es kann sich leichter zurückziehen als aus einem Gespräch."

Rund ein Jahr lang dauert die Spieltherapie bei Wildwasser. In dieser Zeit kommen die Kinder jede Woche für eine Stunde vorbei. Parallel werden auch die Eltern immer wieder beraten. "Meist haben die Bezugspersonen mehr Anliegen als die Opfer", berichtet Wiegmann. "Sie bitten um Tipps, wie sie ihrem Kind helfen können. Manche befürchten auch, dass es später selbst zum Misshandler wird."

Die Familien, in denen sich sexueller Missbrauch abspielt, leben übrigens nicht etwa stets in sozial schwierigen Verhältnissen. "Betroffen sind alle Schichten", sagt Siegfried Hutsch, Jugendhilfereferent beim Paritätischen in Sachsen-Anhalt. "Nur wird der Missbrauch in sozial schwachen Familien häufiger aufgedeckt, weil es dort oft weitere Probleme wie etwa Alkoholmissbrauch gibt."

Plötzlich setzte sich Daniel auch mal zur Wehr

Die größte Befürchtung von Daniels Eltern war, dass er sich nach seinen Gewalterfahrungen später in der Schule alles gefallen lassen würde. Um dem entgegenzuwirken, feilte die Beraterin in winzigen Schritten an seinem Selbstbewusstsein - zum Beispiel, indem sie ihm bei einer Kabbelei mit Schaumstoffkeulen eine sichere Körperhaltung zeigte.

Die Wirkung der Therapie ist bei jedem der kleinen Klienten anders. "Aber irgendeine Veränderung bemerken wir immer", sagt Wiegmann. Ein Kind kann seine Gefühle besser ausdrücken, ein anderes sucht wieder mehr Kontakt zu Klassenkameraden, das nächste klammert sich weniger an die Eltern. Infrage kommt eine Spieltherapie allerdings nur, wenn das Opfer keinen Kontakt mit dem Täter hat.

Was das Jahr mit Wildwasser bei Daniel bewirkt hat, zeigt wohl am eindrucksvollsten eine Szene im Spielzimmer, die sich gegen Ende zutrug. Da warf sich Michelle Wiegmann mit Daniel Bälle zu. Als sie so fest schmiss, dass er nicht fangen konnte, meinte der Junge plötzlich: "So! Ich gehe jetzt auf die Toilette. Wenn ich wiederkomme, wirfst du nicht mehr so dolle. Und ich bekomme den großen Ball!"

Das Spielzimmer hat eine Renovierung nötig

Das besagte Spielzimmer ist mittlerweile 21 Jahre alt. Die Tapete hat Flecken, der Teppichboden Stolperfallen, der Maltisch wackelt. Außerdem geht immer mal Spielzeug kaputt - nicht verwunderlich an einem Ort, wo Kinder ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Manches davon ist unverzichtbar, zum Beispiel Stofftiere mit böser Mimik oder Pistolen für Rollenspiele.

Ausgaben für das Zimmer sind allerdings eine Herausforderung für die Beratungsstelle. Immerhin müssen rund 30 Prozent ihrer Kosten aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden gestemmt werden. Dank der Spendenaktion "Leser helfen" könnte diesmal ein Weihnachtswunsch in Erfüllung gehen, den das Wildwasser-Team schon länger hegt: "Wir würden das Spielzimmer gern renovieren und neu einrichten, damit sich die Kinder noch schneller wohlfühlen."

* Namen von der Redaktion geändert

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