Alter und Pflege
11,5 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt sind über 74 Jahre alt - höher ist der Anteil nur in Sachsen. Mehr als 80000 Menschen sind pflegebedürftig, im Bundesvergleich liegen wir damit auf Platz drei. Laut Schätzung der Barmer GEK wird die Zahl bis 2030 um 40 Prozent steigen. Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut.

Die Bürgerinitiative
Die Bürgerinitiative Stendal wurde 2004 gegründet und hat 260 Mitglieder. Rund 40 von ihnen versorgen Ältere und Pflegebedürftige. Neben Haushaltshilfen gehören zum Angebot u.a. eine Tagesstätte für Demenzkranke und ein Generations-Café. Der Verein finanziert sich großteils aus Mitgliedsbeiträgen, Gebühren und Spenden. Knapp ein Fünftel kommt von Pflegekasse und Land.

Stendal l Die Wollmäuse können noch warten. Bevor sich Silke Marzahn in der Wohnung von Alfred Erler an die Arbeit macht, gibt es erstmal ein Käffchen auf der Couch. Sie hat ja noch gar nicht erzählt, wie ihre Geburtstagsfeier war.

Auf den ersten Blick könnten die Zwei als Vater-Tochter-Gespann durchgehen. Aber nur solange, bis sie ihn mit "Herr Erler" anspricht. Seit vier Jahren kennen sich die beiden. Er ist 91 und Witwer, sie 44, verheiratet und Hartz-IV-Empfängerin. Als Haushaltshilfe bei der Bürgerinitiative Stendal unterstützt sie ihn bei einem Herzenswunsch: so lange wie möglich in seiner Drei-Zimmer-Wohnung leben.

Beim Staubsaugen macht sich das Alter bemerkbar

"Abwaschen und kochen kann ich noch ganz gut", erzählt der sympathische alte Mann. "Aber spätestens beim Staubsaugen bekomme ich Luftprobleme. Ganz allein hätte ich jetzt schon Probleme, hier wohnen zu bleiben."

Insgesamt 100 Menschen aus dem Landkreis Stendal werden von den Freiwilligen der Bürgerinitiative betreut. Jeder Fünfte ist von der Kasse als pflegebedürftig eingestuft. "Auch ohne Pflegestufe brauchen Senioren oft Hilfe", sagt Vereinsvorsitzende Marion Zosel-Mohr: "Allein wegen der Verletzungsgefahr, denn im Alter verschlechtern sich Fähigkeiten wie Sehen und Gleichgewichtssinn." Doch deshalb ihr selbständiges Leben in der eigenen Wohnung aufgeben wollen die wenigsten.

Der Bedarf an Hilfe für Ältere ist hierzulande besonders hoch. Denn Sachsen-Anhalt hat nach Sachsen den zweithöchsten Anteil an Über-74-Jährigen. Und die Entwicklung wird sich fortsetzen: Laut Demografieprognose steigt bis 2025 der Anteil der Rentner unter den Erwachsenen von 39 auf 58 Prozent.

Weil viele Junge abwandern, brauchen die Älteren immer häufiger Hilfe von Fremden, erklärt Professor Jürgen Wolf, Altersforscher an der Hochschule Magdeburg-Stendal und Mitglied im Demografie-Beirat des Landes. "Das klassische Familienmodell, bei dem sich der Nachwuchs um die Eltern kümmert, funktioniert oft nicht mehr, weil die Kinder zum Arbeiten wegziehen." In der Altmark sei das Problem besonders gravierend. Hier hätten es zudem Ältere schwieriger als in anderen Regionen, sich selbst zu versorgen, da es wegen der dünnen Besiedlung weniger Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten gebe.

Auch eines der Kinder von Alfred Erler ist weiter weggezogen, nach Leipzig. Die anderen zwei leben zwar in Sachsen-Anhalt, kümmern sich auch. "Aber sie müssen viel arbeiten. Da kann ich nicht erwarten, dass sie mich ständig besuchen." Und so bleibt der Stendaler die meiste Zeit allein, seit seine Frau vor sieben Jahren gestorben ist. Deshalb schätzt er seine zwei Heinzelmännchen - Silke Marzahn wechselt sich mit einer zweiten Freiwilligen ab - nicht nur wegen ihrer fleißigen Hände. "Wir reden viel über meine Zeit in Russland. Sieben Jahre lang habe ich dort gelebt, davon vier als Kriegsgefangener", erzählt er. Für einen 91-Jährigen hat er noch erstaunlich viele Details auf Lager. Silke Marzahn findet diese Einzelheiten alles andere als langweilig. "Für mich ist seine Geschichte spannend. Mein Vater war nämlich früher russischer Offizier."

In diesen Couch-Gesprächen vor oder nach der Hausarbeit liegt der große Unterschied der Bürgerinitiative zu Pflegediensten, erklärt Zosel-Mohr. "Bei uns wird nicht nach Minuten abgerechnet. Oft entstehen sogar Freundschaften." Die Freiwilligen bekämen zwar eine kleine Aufwandsentschädigung, berichtet sie. "Aber sie machen das nicht in erster Linie wegen des Geldes."

In einer alternden Gesellschaft unentbehrlich

Das mag man auch Silke Marzahn ohne Weiteres glauben. Wenn man sie nach ihrer Motivation fragt, antwortet sie ohne zu überlegen: "Na, weil ich meine Zeit sinnvoll nutzen will. Vor dem Fernseher herumzusitzen, das ist nichts für mich." Wohl deshalb betreut die gelernte Bürokauffrau auch zwei weitere Senioren und arbeitet außerdem noch ehrenamtlich in der Freikirche und im Theater.

So wie sie sind viele der 40 Haushaltshilfen in der Bürgerinitiative Arbeitslose, einen großen Teil machen auch rüstige Rentner aus. Forscher Wolf hält diese Menschen in einer alternden Gesellschaft für unentbehrlich: "Es geht nicht ohne Freiwillige, wenn man mehr will als trocken, sauber, satt." Die Politik müsse allerdings die Rahmenbedingungen schaffen.

In Sachsen-Anhalt werden Ehrenamtler mit einem Demografie-Förderprogramm unterstützt, das die Anschubfinanzierung für Selbsthilfe-Projekte leistet. Bisher gab es zum Beispiel Geld für ein Demenzservicezentrum in Schönebeck und Nachbarschaftshilfe-Projekte der Freiwilligenagenturen im Land. Was Wolf zufolge noch fehlt, ist eine landesweite Regelung, mit der Freiwillige kostenlos mit Bus und Bahn fahren dürfen.

Wer Demenzkranken hilft, braucht eine Ausbildung

Noch bis Ende des Jahres erhält auch die Bürgerinitiative Stendal für einen Teil ihres Projektes eine Förderung, und zwar vom Bund. Hierbei geht es um Menschen mit Demenz, das betrifft derzeit elf der betreuten Senioren. Wer sie besucht, braucht eine Ausbildung. "Demenzkranke werden speziell beschäftigt, während man ihnen im Haushalt hilft, zum Beispiel mit Gedächtnisspielen", erklärt Zosel-Mohr. Die Ausbildung dauert mindestens 30 Stunden, zu den Referenten gehören etwa Logopäden und Ernährungsspezialisten.

15 Ehrenamtliche haben das Programm bisher durchlaufen, auch Silke Marzahn: "Ich habe zum Beispiel gelernt, wie ich geschickt das Thema wechsele, wenn eine Situation unangenehm ist. Das gibt mir mehr Sicherheit."

Mit den Spenden der Leser würde der Verein gern weitere Ehrenamtler ausbilden lassen. So sollen auch künftig viele Altmärker lange in ihrer vertrauten Umgebung leben können - selbst wenn sie mit 91 geistig nicht mehr so fit sind wie Alfred Erler.