Im Jahr 929 oder 930, zwischen Quedlinburg und Magdeburg. Das junge Paar war schon vor ausgeritten. Hinter sich das Gefolge, Ritter, Knappen, Edelfrauen und die Planwagen, die schwer beladen mit all den Truhen und Kisten den alten Handelsweg entlang schwankten, der hier schon durch lichten Wald führte. Jetzt jagte Editha Otto nach, über den weichen Waldboden, bis sich die grün schimmernde Kathedrale aus Bäumen öffnete und den Blick freigab auf eine freundliche Auenlandschaft und im Hintergrund den großen Fluss des Ostens.
Editha zügelte unwillkürlich ihr Pferd. Das also war die Elbe. Das Ende der Welt, wie sie ihr bekannt war. Fremder als alles, was ihr bisher begegnet war, seitdem sie – war es erst zehn Wochen her ? – ihre Heimat verlassen hatte und vom Rhein aus in dieses wilde Land gekommen war. Hinter dem blau glänzenden Band begann das Gebiet der Slawen. Wald so weit sie blicken konnte. Otto hatte ihr davon erzählt.
Sie hat den Schatten der Zukunft gespürt
Er hatte große Träume. Das hatte sie deutlich gespürt. Und während der langwierigen Hochzeitszeremonie in der großen Kirche in Quedlinburg, die sie ein wenig an das heimische Gotteshaus in Winchester erinnerte, hatte sie plötzlich den Schatten der Zukunft gespürt. Das Pferd schnaubte und riss sie in die Gegenwart. Am Horizont wartete Magdeburg, die Stadt, die Otto ihr nach der Hochzeitsnacht geschenkt hatte und die er ihr jetzt zeigen wollte.
Vielleicht war es ähnlich, als Editha das erste Mal die Elbe sah. Der Grenzfluss des ostfränkischen Reichs, so wollen es die Chroniken und Sagen der Stadt Magdeburg wissen, soll die Westsächsin an ihre englische Heimat erinnert haben, an die Themse. " Schon beim ersten Besuch der kleinen Ortschaft Magadoburg äußerte sie ihr Wohlgefallen ", heißt es in den von Axel Kühling 2001 neu herausgegebenen Magdeburger Sagen.
Der strategisch günstig gelegene Ort ist seit 805 nachgewiesen, der Ära Karls des Großen, und war – hier am äußersten Ostrand des Reichs – durch den Handel mit den Slawen geprägt. Pelze, Honig, Metalle sollen hier umgeschlagen worden sein. Diese Auskunft gibt die Hallenser Historikerin Gerlinde Schlenker.
Man kann zwar davon ausgehen, dass Magdeburg im Jahr 929 / 930 noch keinesfalls mit dem gerade florierenden London vergleichbar war, dem Edithas Bruder Aethelstan durch die Einberufung zahlreicher Witans oder Witenagemots, Versammlungen der Weisen, bereits mehr und mehr politische Bedeutung verliehen hatte. Und doch ist die Beziehung zwischen Editha und ihrer Stadt Magdeburg ebenfalls eine der ganz großen Liebesgeschichten.
Wo waren Otto und Editha nach ihrer Hochzeit ? Wo verbrachten sie ihre Flitterwochen ? Über die ersten sieben Jahre schweigen die Chroniken. Es ist keine Urkunde, kein Dokument bekannt, dass Auskunft geben würde. Die Historiker können sich keinen rechten Reim darauf machen. Das spektakuläre Paar verschwindet komplett von der Bildfläche.
Die Magdeburger sind der Meinung: Otto und Editha weilten in Magdeburg. Die Legenden und Sagen der Stadt berichten ausführlich von der Vorliebe des jungen Paares für die Stadt an der Elbe, von ihren ehrgeizigen Bauprojekten. Als tätig und engagiert werden die beiden beschrieben. In der Tat gab es genug zu tun: 924 erst waren die Wenden in Magdeburg eingefallen und hatten gezeigt, wie verletzbar die Stadt sich damals noch darbot. Gerlinde Schlenker: " Eins ist aber sicher. Magdeburg hätte es ohne dieses gewaltige Engagement des Königspaares Editha und Otto dem Großen nie in dieser Form gegeben. "
Von einer veritablen Neugründung sprechen Sagen und Legenden, die Magdeburger Schöppenchronik, aber auch die früheste Chronik der Magdeburger Erzbischöfe. Dabei wird Editha bereits bei Thietmar von Merseburg als treibende Kraft dargestellt : " Auf ihren ( Edithas ) Antrieb begann er ( Otto ) die Stadt Magdeburg zu bauen, wohin er die leiblichen Überreste des Märtyrers Christi Innozenz mit großer Pracht bringen ließ. Denn diese Stadt erwarb und erbaute er um der ewigen Vergeltung willen und zum Heile des Vaterlandes. " So soll sie die Initiative für eine Stadterweiterung selbst ergriffen haben, indem sie mit einem Pflug weit über die bereits bestehenden Siedlungen hinaus eine Furche zog. Auf diesem Ring habe Otto im Anschluss die Befestigungsanlagen Magdeburgs errichtet.
Eine Geschichte von symbolischer Qualität : Editha bestimmte persönlich die neue Dimension der Stadt. Doch auch konkret verstanden ergibt das Ganze Sinn : Aus ihrer ständig bedrohten Heimat in Wessex hatte Editha ein Wissen um Verteidigungssysteme, Ringwälle, Burgenketten, die sie in ihr neues Zuhause mit einbrachte. Damit war sie im prekär, aber vielversprechend gelegenen Magdeburg goldrichtig.
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