
In den ersten sieben Jahren ihrer Ehe verschwinden Editha und Otto von der politischen Bühne. Das gibt den Historikern Rätsel auf. Vielleicht war das junge Ehepaar einfach privat unterwegs. Schließlich waren der amtierende König, Ottos Vater Heinrich, und dessen Frau Mathilde, noch voll im Geschäft. Eine Spurensuche in Frohse – heute ein Stadtteil von Schönebeck – lohnt sich. Dort soll sich das Liebesnest von Otto und Editha befunden haben.
Über dem Salzland hängen in diesen Tagen noch Nebelschwaden am frühen Morgen. Zumal in Richtung Elbe. Der Wind geht durch und durch. Nicht gerade ideale Umstände, ein sagenumwobenes Liebesnest wiederzuf nden. Auf dem Stadtplan ist Frohse ein Zipfel der Stadt Schönebeck, der in den großen Fluss hineinragt. 711 soll es hier, in Sichtweite Magdeburgs, bereits einen Turm gegeben haben. Ottos Vater, Heinrich I ., schreiben es die heutigen Einwohner zu, den Platz an der Elbe befestigt und den Burgturm zu einem Burgward – eine Befestigungsanlage – ausgebaut zu haben. Otto selbst soll dann einige Meter weiter entfernt einen prächtigen Königshof errichtet haben.
" Ja, die Burg von Otto ", sagt Herbert Boden, Frohsianer, ein freundlicher Mann in den Sechzigern, bedächtig und schaut Richtung Fluss. Sein Grundstück grenzt direkt an die Elbwiesen. Die Menschen in Frohse leben seit Jahrhunderten mit dem Fluss. " Hier die Bepfanzung hat man schon früher gegen das Hochwasser angelegt ", zeigt Boden. Allerdings nicht zu Ottos und Edithas Zeiten, denn da verlief das Flussbett der Elbe 500 Meter weiter östlich. " Die Burg, die solls hier mal gegeben habe, ja. " Und wo ? Boden schaut elbabwärts : " Gehn Sie mal da lang !"
Die Straße heißt tatsächlich Burgwall. Nach ein paar hundert Metern lande ich schließlich im Hafenbereich. Alles Asphalt und Platten. Im Hintergrund Silos, ein Kieswerk, ein Schrotthandel und schräg gegenüber – ein Puff. Nach einer für die Weltgeschichte folgenreichen Romanze sieht es hier nicht aus. Ebenso wenig nach Mittelalter.
Ein Schild weist Richtung Campingplatz. Noch ein Hinweis " Unbefugten betreten verboten ". Ein bellender Labrador verleiht der Botschaft Nachdruck. Der Herr über Hund und Grundstück pfeift den Hund zurück. " Yachthafen " ist mit der Hand auf eine große Plane geschrieben. Hier, wo der Solgraben in die Elbe mündet, kann man im Sommer in der Elbe baden. Auf der anderen Seite des Grabens die ehemalige Schifferschule.
" Hier gibt es keine Burg. " Der Campingplatzbetreiber ist sich sicher. " Auch vor tausend Jahren nicht. " Er setzt nach : " Höchstens vor zehntausend. " Auf dem Rückweg, diesmal über die grün schimmernden Elbwiesen, gibt doch noch eine Informationstafel Aufschluss über die Lage der Burg Frohse und die schöne Geschichte vom Stelldichein Ottos und Edithas.
Direkt am Hafenbecken soll der Königshof gelegen haben. 1924 wurde dort der Elbhafen Frohse fertiggestellt. Auch die Burg Frohse habe zur Morgengabe Ottos an Editha gehört, vermerkt der Elbuferförderverein. Das hohe Paar soll die ein oder andere schöne Stunde hier – abseits des höfschen Protokolls – verbracht haben.
Luidolf kam ein Jahr nach der Hochzeit
Auf einer Sandbank sitzen Hunderte von Möwen. Am Himmel kündigt eine Wildgänseschar vom Frühling. Eine charmante Vorstellung ist es, Editha und Otto, jung, verliebt, lebensfroh in dieser Kulisse auftauchen zu lassen. Etwas wärmer könnte es sein. Mit wehendem Schleier ist sie hier vielleicht entlang geritten oder gelaufen, mit Otto, ohne Otto, später mit den Kindern. Erst mit Liudolf, der planmäßig im Jahr nach der Hochzeit geboren wurde. Dann kam Luitgard. Glückliche Stunden, durchatmen : Königliches Entspannen in Frohse. Alles was zählt, ist der Augenblick, Leben. Alles scheint möglich.
Noch sind die Schatten nicht sichtbar : die harten, blutigen Kämpfe, die Otto zu bestehen hat – gegen den eigenen Bruder, Schwager, enge Verbündete, äußere Feinde, Slawen und Ungarn. Den Mann zu lieben, der im Zentrum all dieser Anfeindungen und Angriffe steht, muss später an die Grenzen des Erträglichen gehen. Ständige Gefährdung. Die Angst teilt Editha mit vielen Frauen – nicht nur ihres Zeitalters. Von der Mutter wird ihr die Sorge um den Krieg führenden Vater bereits vertraut gewesen sein. Wo hat sie ihre Zuversicht hergenommen ? Der Tod war im Mittelalter gegenwärtig. Auch deshalb machte man sich frühzeitig Gedanken um Seelenheil und Memoria, Andenken, über den Tod hinaus. Halt fanden die Menschen in ihrem Glauben.
Und Otto ? In den Momenten von Lebensgefahr – was hat es dem König bedeutet, neben dem Gott im Himmel, für den zu sterben täglich erforderlich sein konnte, zumindest einen Menschen auf der Welt zu wissen. Eine Frau, für die am Leben zu bleiben sich lohnte. In Zeiten, in denen Gewalt an der Tagesordnung war, brauchte es Rückhalt, Rückbindung. Das bedeutet wörtlich übersetzt im übrigen das lateinische Wort " religio ". Editha hat ihrem Mann offenbar menschlich einen solchen Ort geboten. Thietmar von Merseburg setzt es in Bezug : " Aus allen offenen und geheimen Gefahren ging Otto durch die Gnade des Herrn und die unablässige Fürsorge seiner heiligsten Gemahlin stets wohlbehalten hervor. "
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