
Braut, Königin, Geliebte, durch Jahrhunderte verehrt wie eine Heilige. Editha (910-946), Frau von König Otto dem Großen, ist untrennbar mit der Geschichte von Magdeburg und Sachsen-Anhalt verbunden. Die Volksstimme geht in einer großen Serie auf Spurensuche.
Winchester im Jahr 929, Königspalast. Eine junge Frau, vielleicht 17 Jahre alt, blickt nachdenklich aus dem Fenster ins Grün des Innenhofes. Von fern sind die Rufe der Händler mit ihren Fuhrwerken vernehmbar. Aus der Klosterkirche dringt leise der Gesang der Nonnen. Winchester ist im 10. Jahrhundert eine beeindruckende Stadt, Machtzentrum und Hauptstadt des Königreiches Wessex, unter dessen Vorherrschaft die (süd-)englischen Königreiche allmählich zusammengerückt sind. Gerade hat der ältere Halbbruder, Aethelstan, der Prinzessin eröffnet, dass man um ihre Hand angehalten hat.
Seitdem der Vater vor fünf Jahren gestorben ist, führt der Erstgeborene die Amtsgeschäfte, kämpft innerlands gegen Intrigen und eifersüchtige Machtansprüche, nach außen gegen die ständige Bedrohung aus Skandinavien. Geschickt vergrößert er seinen Einfussbereich bis nach Wales und Schottland.
Auch auf dem Festland wird hart um die Vorherrschaft auf der Insel gerungen. Editha, in ihrer Sprache heißt sie auch Edgith oder Eadgith, wird für das Leben als einfussreiche Fürstin erzogen. Sie weiß um den Ehrgeiz des Bruders, der gute Verbindungen zu den hohen Häusern des Kontinents anstrebt. Schon Edithas ältere Schwester Eadgifu hatte ins Westfrankenreich geheiratet, war aber nach Absetzung ihres Gatten mit ihrem kleinen Sohn zurück an den Königshof in Winchester gefohen. Jetzt hat sich für die heiratsfähige Editha ein ostfränkischer Königssohn ins Spiel gebracht: Otto, 17 Jahre jung und designierter Thronfolger.
Sein Vater Heinrich I., auch Heinrich der Vogler genannt, hat eine vornehme Gesandtschaft geschickt. Pelze, Schmuck, Waffen, wertvolle Bücher und andere Geschenke haben sie mitgebracht. Was die vornehmen Männer vom Festland erzählen, weckt Edithas Neugier. Sie möchte die alte Heimat ihrer Ahnen gern sehen. Der Preis kommt ihr indes unbegreiflich und hoch vor. Alles verlassen, was ihr lieb und teuer ist, für einen unbekannten Mann und eine ungewisse Zukunft? Die Schwestern, Brüder, das Hof eben im herrschaftlichen Winchester, die Ausritte durch die sanft hügelige Landschaft, die stillen Stunden in den beiden ihr nahe stehenden Klöstern und auch das quirlige London, die geliebte Themse?
Verlief die Szene in der Welt der englischen Königstochter vor 1080 Jahren im Palast von Winchester ähnlich? Das Mittelalter war eine völlig andere Zeit, weniger laut und hektisch, dafür lebten die Menschen ungeborgen und ständiger Gefährdung ausgesetzt. Das Vorurteil vom düsteren Mittelalter hat sich gerade in den vergangenen Jahren als nicht haltbar erwiesen. Das 10. Jahrhundert war ein Zeitalter des Umbruchs. Neue Ordnungen waren gefragt.
Die Religion, das Christentum, prägte das Leben in einem Maße, wie wir es uns heute kaum mehr vorstellen können. In den Klängen mittelalterlicher Musik, ob sakral oder weltlich, lebt die Atmosphäre weiter. Die Menschen waren auf sich gestellt und legten doch alles Vertrauen in himmlische Mächte.
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