Wissenswertes über die Krönung im Mittelalter

- Krönungen oder Weihen gelten als heilige Handlung. Die Bezeichnung Ordo (lateinisch) bedeutet: Ordnung, Rang, Verordnung.
- Im Mittelalter gilt die Ordnung als Ausrichtung des Irdischen auf die göttliche Vorstellung. In der Kirche spricht man von der Ordination, der Weihe. Gemeint ist die Weihe eines Priesters, früher auch des Königs oder einer Königin.
- Zur Krönung gehören: Die "Consecratio" (lateinisch): Einweihung, die Vergöttlichung von Königin oder König, ihre "Sanctitas" (lateinisch) Heiligkeit und das "Consortium Regni" (lateinisch), die gleichberechtigte Teilhabe am Königtum.
- Grundlage für die Formeln des Weihezeremoniells sind die Bücher Judith und Esther im Alten Testament der Bibel. Das Leitmotiv ist die Rettung des Volkes Israel vor der Vernichtung
- Literaturtipps: Amalie Fößel "Die Königin im mittelalterlichen Reich. Herrschaftsausübung, Herrschaftsrechte, Handlungsspielräume", Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart 2000 (Habilitation) Gerlinde Schlenker "Kaiserin Adelheid - consors regni (Teilhaberin der Herrschaft, Mitgestalterin der Reichspolitik)", 2. Auf . Hildburghausen 2001 (Broschüre) Gerlinde Schlenker "Königin Mathilde – Gemahlin Heinrichs I. (895/96)", Aschersleben 2001 (Broschüre)

Es ist der 7. August 936, Aachen, in der Basilika Karls des Großen. Die Sonne steht schon tief und gibt dem Licht im Inneren der Kirche fast etwas Mystisches. Die Gesänge haben ausgesetzt. Für einen Moment ist es ganz still, obwohl der große Kirchenraum bis auf den letzten Platz besetzt ist.

Dreimal ruft der Erzbischof den Heiligen Geist an. Edithas Seele soll frei werden von allem Unerlaubten. Sie soll für immer die Fähigkeit empfangen, an das zu denken, was für die Seele nützlich ist, das Nützliche zu wünschen und danach zu handeln.

Editha steht vor dem Altar und hört auf die Worte von Erzbischof Hillibert. In den Tagen zuvor hat sie auf Knien vor Gott gelegen, fastend, betend: Würde sie, Editha, diesem fremden Volk, das alle Hoffnung in sie und ihren Mann zu setzen bereit ist, die rechte Königin sein können?

Sie hat ihre Arme über der Brust gekreuzt

Erzbischof Hillibert beugt sich zu ihr. Sie hat ihre Arme über der Brust gekreuzt. "Wir bitten dich", betet Hillibert, "wie du die Königin Esther um der Rettung Israels willen aus den Fesseln der Gefangenschaft gelöst, sie zur Gefährtin des Königs und zur Teilhabe an seinem Königtum erhoben hast, so gestatte aus deinem Erbarmen auch dieser deiner Dienerin, Editha, Tochter von Eduard, König von Wessex, sich als würdige und erhabene Gemahlin unseres Königs Otto, Sohn Heinrichs von Sachsen, König des ostfränkischen Reichs, zu erweisen und als Teilhaberin an seinem Reich."

Das heilige Öl, mit dem der Erzbischof sie salbt, fühlt sich warm an auf der Haut. Ein paar Ewigkeiten später drückt er ihr die Krone auf, sanft, unwiderrufich. In seinen Augen begegnet ihr das Wissen um Segen und Bürde. Er spricht über sie die alten Worte: "Mögen in deinem Inneren das Gold der Weisheit und die Edelsteine der Tugend so hell erstrahlen wie der Glanz dieses äußeren Zeichens königlicher Würde." Der Moment wird ihr bleiben bis zum Ende.

Die Krönung Edithas zur Königin des Ostfrankenreichs, Vorläufer des späteren Deutschlands, wird nirgendwo beschrieben. Doch wenn, sind dies die originalen Gebetsformeln der Kirche. Immer wieder ist in der Geschichtsschreibung angezweifelt worden, ob Edithas Salbung zur Königin überhaupt stattgefunden hat. Ottos Krönung wird mehrfach ausführlich beschrieben. Die Königin? Kein Thema. Als einziger vermerkt Thietmar von Merseburg: "Dann, bekräftigt in Gott und in der Reichsherrschaft, befahl Otto, der Szepterträger größter, auch seine Gemahlin Editha, zu krönen." Mehr erfahren wir nicht.

Ob er seine Frau vielleicht vergessen hat, fragte man in der Wissenschaft und stritt eifrig, ob Thietmar die Krönung Edithas vielleicht nur ergänzt, also erfunden hat? Allerdings stellten die Historiker auch Ablauf und Schauplatz von Ottos (minutiös beschriebener) Weihe in Abrede.

Merkwürdigerweise ging man bis vor kurzem einer Frage nicht auf den Grund: Wie wird eine Frau überhaupt zur Königin? Einfach indem sie einen König heiratet oder einen Mann, der später zum König wird? Also rein formal, durch Heiratsurkunde, ohne eigenes Ritual? Von manchen Königinnen, Kaiserinnen ist überliefert, dass sie in eigenen oder der Krönung ihres Gatten nachgeschalteten Zeremonien gekrönt wurden.

Adelheid, Ottos zweiter Frau zum Beispiel, setzte in Rom der Papst persönlich die Kaiserkrone auf den Kopf, nachdem er ihren Gemahl zum Kaiser erhoben hatte. Auch vor der Zeit Edithas, im 9. Jahrhundert bereits, sind im westfränkischen Reich eigenständige Krönungen von Königinnen bekannt. Aber was ist mit all denen Königinnen, Kaiserinnen im Lauf der Geschichte, deren Zeremoniell schlicht nirgendwo erwähnt wird? Wie erhoben die Menschen im Mittelalter eine Frau in den Königinnenstand? Was erwarteten sie von ihr? Welche Symbolkraft hatte sie? Und: Was bedeutet das für Editha?

Etwas Licht ins Dunkel der Geschichtswissenschaft bringt Professor Amalie Fößel, die heute einen Lehrstuhl an der Universität Essen-Duisburg inne hat. Ihre Habilitation "Die Königin im mittelalterlichen Reich" aus dem Jahr 2000 hat Grundlagen gelegt für weitere Forschungen. "Es steht außer Frage, dass die Krönung zur Königin zu jeder Zeit einen wichtigen Akt darstellte." Seither hat eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit den Gattinnen der Könige und Kaiser des zehnten, elften und zwölften Jahrhunderts eingesetzt, die noch voll im Gang ist.

Nach den neuesten Erkenntnissen der Historiker waren die Königinnen und Kaiserinnen vom Prinzip her echte Teilhaberinnen der königlichen oder kaiserlichen Macht ihres Gatten und sind wohl auch gekrönt worden. Insofern spricht mehr dafür als dagegen, dass Editha tatsächlich eine gekrönte Königin ist. Gerade das Prestige, das die Historiker immer wieder anführen, das Editha durch ihre eigene königliche Herkunft aus dem alteingesessenen Hause Wessex mit auf den Kontinent gebracht hat, dürfte bei der Frage – Krönung, ja oder nein? – ins Gewicht gefallen sein.

"Wie hätte man Editha die Krönung verweigern sollen?", fragt Amalie Fößel. Und: Wieso hätten die Ottonen ohne Not auf eine symbolische Handlung erster Klasse verzichten sollen, wie es die Königinkrönung zusätzlich war? Sie waren doch gerade bestrebt, ihre junge Dynastie zu legitimieren.

Die Weihe eines Herrrschers und einer Herrscherin war im Mittelalter etwas anderes als heutzutage die Ernennung eines Präsidenten oder Bundeskanzlers. Die Ordination, der Ordo, zu dem auch die Krönung eines Herrschers gehörte, war eine heilige Handlung. Dabei handelte es sich um ein Sakrament, das nur ausgewählte Erzbischöfe (meist der aus Mainz oder aus Köln) oder der Papst persönlich in Gottes Namen spenden durften.

"Die Macht bedarf der Sichtbarkeit"

Die Menschen des Mittelalters waren empfänglich für Rituale. Das öffentliche Leben, die Macht des Königtums und die Macht der Kirche gründeten zu einem hohen Grad auf deren Wirkkraft. Nicht zuletzt hat das die jüngste Ausstellung im Magdeburger Kulturhistorischen Museum deutlich gemacht: Spektakel der Macht. "Macht bedarf der Sichtbarkeit, und das ist besonders im Mittelalter über Rituale erfolgt", erklärt die Kunstwissenschaftlerin Jutta Götzmann, Leiterin des Potsdam-Museums, im Rahmen der Präsentation.

Die Königinnenkrönung ist für die gerade erst begründete ostfränkische Königstradition dennoch ein Novum. Mathilde, Ottos Mutter, wurde, davon können wir ausgehen, nie gesalbt. Selbst ihr Mann, König Heinrich verzichtete auf diese letzte sakrale Handlung, die in seinem Verhältnis zu den übrigen ostfränkischen Fürsten eine störende Überhöhung der eigenen Person dargestellt hätte.

Heinrich betonte lieber die Nähe und Gleichwertigkeit zu den übrigen Fürsten. Sein innenpolitisches Programm hieß: Amicitia, lateinisch: Freundschaft. Sein Sohn setzt unübersehbar andere Prioritäten: Otto unterzieht sich der vollständigen Zeremonie der Königskrönung mit allen Schikanen, inklusive Salbung, und setzt sich damit vom übrigen Adel ausdrücklich ab.

Diesem Zweck hatte ja bereits die Hochzeit mit der englischen Prinzessin, mit Editha, gedient. Insofern – glauben wir Thietmar von Merseburg und Amalie Fößel – ist Editha tatsächlich die erste nach einem feierlichen Zeremoniell gekrönte und gesalbte ostfränkische (deutsche) Herrscherin. Vielleicht erklärt das, warum Otto die Krönung seiner Frau in einer eigenen Zeremonie ausdrücklich anordnen lassen muss, wie es Thietmar von Merseburg berichtet. Editha – auch hier eine Frau des Übergangs.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Königinnenkrönung sind noch jung, vieles noch unerschlossen. Fest steht: In Ottos Familie, der kurzen ostfränkischen Herrschertradition selbst, gibt es für die Einsetzung der Königin kein Vorbild. Doch anders als für Otto, der seine Krönung nach dem westfränkischem Modell vollziehen lassen kann, in den Fußstapfen Karls des Großen nach Aachen reist, sogar die fremde Kleidung anlegt, wie die Chronisten hervorheben, ist für seine Frau Editha die Orientierung an den Königinnen des älteren Westfrankenreichs (des späteren Frankreichs) nicht gerade hilfreich.

Schließlich ist dort, im Westen des Kontinents, der Wirkungsradius der Frau inklusive Königin eher begrenzt: Kinder, Küche, Kirche, sprich Hausund Hofhaltung. Diese eingeschränkte Sichtweise spiegelt sich auch in den Gebeten und feierlichen Handlungen der Krönungszeremonie wieder.

Bei den westfränkischen Nachbarn fehlt die entscheidende Formulierung, mit der der König einwilligt, seine Macht, seine Herrschaft, sein Königtum mit der Frau an seiner Seite zu teilen: consortium regni. Im Ostfränkischen wird erst 14 Jahre nach Edithas Tod, 24 Jahre nach ihrer Krönung die Idee der weiblichen Teilhabe an der (männlichen) Macht schriftlich f xiert. Das Selbstbewusstsein der sächsischen Frauen bereits zwei Generationen zuvor, wie bei Mathilde, Ottos Mutter erkennbar, spricht eine andere Sprache.

Die Krönungsordnung, auch "Mainzer Ordo" oder Königinnen-Ordo genannt, entsteht 960 im Mainzer Sankt-Alban-Kloster. Federführend ist Ottos bereits erwähnter ältester, unehelicher Sohn Wilhelm, aus der Verbindung mit einer vornehmen Slawin. Er ist 954 dort Erzbischof geworden. Die unter seiner Leitung in Worte gefasste eigene Ordnung für die Krönungszeremonie im Ostfrankenreich bleibt über Jahrhunderte maßgeblich und wird bis ins späte Mittelalter hinein im Wortlaut kaum mehr verändert.

Hinzugefügt zu den älteren Gebetstexten werden später nur die Regieanweisungen: Die Königin hatte mit gekreuzten Armen vor dem Altar zu stehen, wenn der Erzbischof sie salbte. Ihre Salbung erfolgte nur im Brustbereich, während der König das Sakrament an Brust, Stirn, zwischen den Schultern und an den Armen erhielt. Auch sonst unterschieden sich die Abläufe. Bei der Königin gab es, so berichtet es Amalie Fößel, bis auf das Aufsetzen der Krone keine Übergabe königlicher Insignien. Auch war keine symbolträchtige Thronbesteigung an einem mythisch bedeutendem Ort vorgesehen wie es für die Könige der Thron Karls des Großen im Aachener Dom war.

Orientiert am Alten Testament

Ob König oder Königin – übereinstimmend orientierte man sich bei der Weihe im Sinne eines göttlichen Auftrags an den Königen im Alten Testament: Saul, David, Salomo männlicherseits, Judith und Esther weiblicherseits. Weibliche Klugheit und Tapferkeit sowie das Einstehen für die eigenen kulturellen Wurzeln sind die Eigenschaften, die man offenbar im Mittelalter von den eigenen Herrscherinnen verkörpert haben will. Beide Frauen, Judith und Esther, retten ihr Volk, indem sie sich beherzt einmischen.

Das Buch Esther wäre laut Amalie Fößel unter dem Aspekt der Königinnenfrage einmal ein eigenständiges und lohnenswertes wissenschaftliches Thema. Für die moderne Königinnenforschung ist aber entscheidend, dass dort in der alten lateinischen Fassung der Bibel, der Vulgata, nachweislich erstmals in der Geschichte überhaupt die Formel vom "consortium regni" auftaucht: Teilhabe an der königlichen Macht.

Das ist für die heutige Forschung der Schlüsselbegriff zum Verständnis des Phänomens mittelalterliche Königin. Das zentrale, heute vielzitierte Prinzip bedeutet, dass die Königin weitaus mehr ist als eine heutige First Lady. "Es eröffnet der gottgefälligen und in gleicherweise klug wie gerecht vorgehenden Königin einen breiten Handlungsspielraum", erklärt dazu Amalie Fößel. Die Königin spielt im personengeprägten Machtgefüge, wie es für das Mittelalter charakteristisch ist, eine entscheidende Rolle. Sie ist als weibliches Gegenüber zum amtierenden männlichen Machthaber angelegt mit eigenen Aufgaben und Wirkungskreisen.

Eine Crux der Mittelalterforschung, mit der jeder, der zu Editha mehr wissen will, ständig konfrontiert ist: Längst nicht alles Wissenswerte und Wichtige wurde schriftlich dokumentiert. Im Gegenteil. Egal wie die Formel ausgesehen hat, nach der Editha zur Frontfrau Ostfrankens erhoben wurde: Für ihr eigenes Selbstverständnis und Selbstbewusstsein dürfte die Idee der mit ihrem Mann geteilten Macht jedenfalls prägend gewesen sein.

"Zehn Jahre lang teilte sie die Herrschaft über das Königreich", schreibt bereits der älteste Chronist Widukind von Corvey zu Editha. Deshalb sprechen auch die Professoren Joachim und Caspar Ehlers, Ludger Körntgen, Gerlinde Schlenker, Matthias Puhle, Leiter des Kulturhistorischen Museums, und Landesarchäologe Harald Meller dennoch von Editha als Teilhaberin an der königlichen Macht, als "consors regni".

Das lateinische Wort "consors" bedeutet wörtlich übersetzt: brüderlich, schwesterlich, gemeinsam, gleichbeteiligt und gleichberechtigt. Königinspezialistin Amalie Fößel bezeichnet dies zwar als "Projektion", geht aber ebenfalls davon aus, dass Editha Grundlagen gelegt hat für die ihr nachfolgende zweite Frau Ottos: Adelheid. "Für Adelheid ist das consortium, die Teilhabe an der Macht, erstmals in unseren Breiten nachweisbar", erklärt Fößel. In ihrer Ära ist der Königinnen-Ordo aus Mainz brandneu.

Dennoch: Nicht Adelheid und Ottos Mutter Mathilde, seine Schwiegertochter Theophanu waren Ausnahmegestalten, was ihre politisch-gesellschaftliche Bedeutung anbelangt, auch wenn dies in der Schule weiterhin so gelernt werden muss. Editha – und andere Königinnen des zehnten, elften und zwölften Jahrhunderts – prof tierten in unterschiedlicher Form von einem grundlegenden Beteiligungsprinzip, das ihnen mehr Gestaltungsspielraum ließ, als die Nachwelt lange zur Kenntnis nehmen wollte.

Der genauere Blick auf die Königin und ihre Autorität habe daher nichts mit Feminismus zu tun, erklärt Professor Matthias Puhle: "Bis dieses Wissen allerdings Einzug in unsere Geschichtsbücher hält, wird es wohl noch etwas dauern."