Der Fund der mutmaßlichen Gebeine von Königin Editha und deren Präsentation im Hallenser Landesamt für Archäologie und Denkmalpf ege haben ein ungewöhnlich heftiges Echo ausgelöst. Volksstimme-Chefredakteur Franz Kadell und Reporter Oliver Schlicht sprachen darüber mit Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz ( parteilos ), dem obersten Dienstherren dieser Behörde.

Volksstimme: Die Verbringung der mutmaßlichen Gebeine von Königin Editha und ihre Präsentation in Halle haben vor allem viele Magdeburger aufbegehren lassen. Wie bewerten Sie das?

Jan-Hendrik Olbertz: Ich verstehe dieses Aufbegehren. Die Magdeburger haben ein Recht darauf, unterrichtet zu werden über das, was an Grabungen im Dom und im Umfeld geschieht. Bisher wurde hier die Öffentlichkeit immer einbezogen. In diesem einen sensiblen Fall leider nicht. In gewisser Weise freue ich mich sogar über den Zorn, denn er zeigt, dass sich die Magdeburger mit der Geschichte ihrer Stadt zunehmend identif zieren. Während noch vor wenigen Jahren die Traumatisierung Magdeburgs im 20. Jahrhundert im Mittelpunkt stand, rückt nun zunehmend die große europäische Geschichte der Stadt in den Vordergrund. Die Debatte um den Editha-Fund ist aus meiner Sicht dafür ein Beleg.

Volksstimme: Die Pressemitteilung des Landesamtes über den Fund wurde am 21. Januar verbreitet. Wann haben Sie das erste Mal von dem Fund erfahren?

Olbertz: Der Landesarchäologe Harald Meller teilte mir am 14. November in einem Telefonat mit, dass seine Mitarbeiter einer Spur nachgehen, wonach möglicherweise die Gebeine Edithas gefunden wurden. Da man sich aber nicht sicher sei, wurde Vertraulichkeit vereinbart, um nicht Spekulationen loszutreten. Dies fand ich auch richtig so. Herr Meller hatte die Sorge, je mehr Menschen beteiligt sind, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas an die Öffentlichkeit dringt und die Sicherung des Fundes womöglich gefährdet wird.

Volksstimme: Und wann haben Sie von der geplanten Präsentation in Halle erfahren?

Olbertz: Von der Pressekonferenz und der Präsentation in Halle habe ich erst wenige Tage davor im Zuge der Terminabstimmung mit meinem Büro gehört.

Volksstimme: Gab es eine direkte Terminabsprache zwischen Ihnen und Herrn Meller?

Olbertz: Nein, die gab es nicht. Es gab nur eine Terminabstimmung zwischen den Büros. Ich habe erst über die Einladung selbst mitbekommen, dass diese Sache in Halle stattf ndet.

Volksstimme: Wie genau waren die Auskünfte während des Telefonats im November? Haben Sie da schon von dem für den nächsten Tag geplanten Transport nach Halle etwas erfahren?

Olbertz: Über den Abtransport nach Halle haben wir nicht gesprochen. In dem Telefonat ging es darum, dass ein Bleibehälter in dem Kenotaph gefunden wurde. Man überlege, unter welchen Voraussetzungen er unter höchster Vorsicht zu öffnen sei. Dazu brauche man Zeit, hieß es. Und vermutet werde, dass es sich um die Gebeine Edithas handeln könnte.

Volksstimme: Mussten Sie sich nach der Mitteilung im Januar, die wenige Tage vor der öffentlichen Präsentation nur über die Büros abgewickelt wurde, nicht überfahren vorkommen?

Olbertz: Also, in dem Moment bin ich mir nicht überfahren vorgekommen. Jetzt sehe ich das schon kritischer. Es ärgert mich, dass ich an den wichtigen Knotenpunkten der weiteren Entscheidungen nicht einbezogen war, und dass ich nicht nachgefragt habe. Alle Beteiligten werden aus diesem Konflikt lernen. Ich werfe Herrn Meller keine fachliche Fehlentscheidung vor, allenfalls Gedankenlosigkeit oder zu große Unbefangenheit im Umgang mit einem Fund, dessen wissenschaftliche Dimension er in diesem Moment über die kulturpolitische gestellt hat.

Volksstimme: Nachdem das Landesamt den Fund zunächst zwei Monate lang geheim gehalten hatte, sollte dann in Halle alles ganz schnell gehen. Kam Ihnen das nicht seltsam vor?

Olbertz: Ich habe mich gewundert, dass der Fund so schnell schon präsentabel ist. Grundsätzlich war es aber richtig, die Öffentlichkeit bald zu unterrichten. Man hätte es eben nur am Fundort machen müssen. In Magdeburg wäre die Präsentation ohne die damit im Nachhinein verbundenen Kränkungen möglich gewesen. Selbst wenn man den Bleibehälter verschlossen gezeigt hätte, wäre dem Bedürfnis der Magdeburger, informiert zu sein, genüge getan gewesen. Es hätte dann auch keiner anstößig gefunden, wenn der Fund als nächstes wie jeder andere Fund von Rang in das Forschungslabor nach Halle gebracht worden wäre. Die Geschichte hat erst diese Dynamik bekommen, weil der Magdeburger Oberbürgermeister nicht beizeiten einbezogen wurde. Herr Meller hat sich bei ihm dafür entschuldigt.

Volksstimme: Sie sehen das in der Rückschau kritisch, wie Sie sagen. Auf der Pressekonferenz hatten Sie Herrn Meller jedoch bescheinigt, alles richtig gemacht zu haben. Wie dürfen wir das verstehen?

Olbertz: Da ist ein Attribut in der Berichterstattung weggefallen. In den ersten Beiträgen wurde ich noch korrekt zitiert: Es sei fachlich alles richtig gemacht worden, das heißt wissenschaftlich und in Bezug auf die Sicherung des Fundes. Dabei bleibe ich.

Volksstimme: Wie erklären Sie sich den unglücklichen Verlauf?

Olbertz: Ich denke, es ist eine Mischung mehrerer, zunächst einmal auch ehrenwerter Beweggründe gewesen. Nämlich Sorge dafür zu tragen, dass nicht am Ende Fotojournalisten in den Dom stürmen, um irgend etwas zu erhaschen. Der Landesarchäologe wollte wohl auch nicht vor der Zeit mit einer These an die Öffentlichkeit treten, die sich möglicherweise als strittig und nicht haltbar erweist. Sicherlich war ihm auch der Rang dieses Fundes bewusst. Er muss schon als Landesarchäologe die Hoheit darüber behalten, wie mit dem Fund umgegangen wird. Wie gesagt, das wäre auch möglich gewesen, wenn die Entdeckung zunächst in Magdeburg präsentiert worden wäre. Im Nachhinein bin ich sicher, dass Herr Meller das auch so sieht. Wir müssen jedenfalls aufpassen, dass das Interesse an seiner Person nicht das Interesse an dem sensationellen Fund, an der Königin Editha, überwiegt.

Volksstimme: Domprediger Giselher Quast sagte, er sei vom Landesarchäologen zum Stillschweigen verpflichtet worden? Hatte Herr Meller das Recht dazu?

Olbertz: Er kann ihn natürlich nicht formell verpf ichten, etwa mit Androhung disziplinarischer Konsequenzen. Aber er kann ihn ins Vertrauen ziehen, so wie es geschehen ist. Im Übrigen: Der Domprediger wird sich als aufrechter Gottesmann nicht zum Schweigen verpfichten lassen, sondern selbst entscheiden, wann er spricht und wann er schweigt. Man kann sich darauf einlassen, eine Sache vertraulich zu behandeln. Dann muss man zu diesem Einvernehmen aber auch stehen.

Volksstimme: Haben Sie von Herrn Meller inzwischen Auskunft erhalten, wie weiter verfahren werden soll?

Olbertz: Er hat mir eine ganze Reihe von Informationen gegeben. Ich habe ihn auch gebeten, seinen Zeitplan zu korrigieren. Wichtig ist, dass Editha bereits im Domjahr eine prominente Rolle spielt. Ich möchte aber trotz des Druckes, der entstanden ist, nicht in die wissenschaftliche Arbeit eingreifen. Man kann das Thema durchaus mit tragfähigen Zwischenergebnissen in Magdeburg präsentieren. Ob dies jetzt mit dem Bleisarg oder dem Deckel mit der lateinischen Inschrift und einer hochwertigen Dokumentation geschieht, ist unerheblich. In jedem Fall besteht die Verpf ichtung, im Domjahr etwas zu tun.

Das Landesamt hat ja für den Dom und die Domforschung eine Menge geleistet. Denken Sie nur an den Domplatz und die Rekonstruktion des Grundrisses der Vorgängerkirche. Es gibt eine ganze Reihe von Dokumentationen und Publikationen des Landesamtes über den Dom und die Domgrabungen. Es ist sehr schade, dass dies aktuell alles vergessen wird.

Ich finde, diese Debatte ist nicht ausgewogen, denn der gute Ruf der Archäologie und der Denkmalpfege in Sachsen-Anhalt, der weit über die Landesgrenzen hinausreicht, ist maßgeblich dem Wirken des Landesamtes und seines Direktors zu verdanken.

Volksstimme: Einen konkreten Zeitplan gibt es demnach noch nicht?

Olbertz: Nächste Woche ist ein Treffen zwischen Herrn Meller, Herrn Oberbürgermeister Trümper, Herrn Quast und mir vereinbart. Ich möchte uns gern systematisch über die weiteren Arbeitsschritte des Landesamtes unterrichten lassen. Dabei geht es nicht um einen Blick zurück. Ich sehe jetzt mehr die Verpflichtung, vorauszuschauen. Bis zu diesem Treffen erwarte ich einen Masterplan, in dem steht, wann mit welchen Ergebnissen zu rechnen ist und wie sie der Öffentlichkeit vorzustellen sind. Anschließend werde ich die Medien informieren. Damit alle wissen, was mit Editha bis zu ihrer Rückkehr in den Dom geschieht.

Volksstimme: Das Jahr geht aber schnell herum. Besteht da zu einer Präsentation in Magdeburg noch eine realistische Chance?

Olbertz: Ja. Sicherlich nicht mit dem Abschluss der Forschungen. Das wäre unseriös. Aber ich glaube, dass die Bestimmung des Knochenalters mittels der Kohlenstoffanalyse und auch die DNA-Rekonstruktion aus dem Zahnmaterial in einer Zeitspanne von drei bis vier Monaten möglich ist. Dafür sind übrigens nur winzige Partikel nötig. Es wäre also möglich, eine solche Präsentation in Magdeburg mit greifbaren Zwischenergebnissen zu verbinden. Denn die Klärung der Frage, ob es sich um einen authentischen Fund oder um einen Irrtum handelt, ist ja eminent wichtig.

Volksstimme: Sie haben keine Fachaufsicht über den Landesarchäologen. Aber der Landesarchäologe hat die Verfügungsgewalt über alle Funde. Er kann sagen, was damit geschieht. Ist diese Konstruktion aus ihrer Sicht vernünftig?

Olbertz: Ja. Weil er das als Repräsentant des Landes macht. Derzeit melden sich Stimmen aus unterschiedlichen Regionen, die beklagen, es würden Funde einkassiert.

Man sollte bedenken: Wir reden über ein Landesmuseum. Und ein Museum, das nicht sammelt, ist kein Museum mehr. Ich finde es richtig, die wichtigen Funde, die die Geschichte des Landes Sachsen-Anhalt betreffen, in einer Hand zu verwalten, zu dokumentieren, wissenschaftlich zu betreuen.

Volksstimme: Wenn die Funde in Halle zusammengefasst und wissenschaftlich betreut werden — welche Möglichkeiten bleiben dann den Kommunen und Landkreisen, in denen die Funde gemacht worden sind?

Olbertz: Das Museum ist doch nicht nur für die Hallenser da. Es muss die Regionen mit Leihgaben in die Lage versetzen, auch den jeweiligen regionalen Kontext in der historischen Betrachtung zu illustrieren und zu präsentieren. Die Sachen sollen dort, wo es sinnvoll und machbar ist, durchaus an den Orten gezeigt werden, wo sie gefunden wurden. Das Landesmuseum hat nicht den Auftrag, nur seine Magazine zu füllen. Aber wir können nicht überall im Land, wo etwas gefunden wurde, Vitrinen aufstellen.

Volksstimme: Wenn das Gesetz einem Landesarchäologen erlaubt, ganz nach eigenem Ermessen mit einem Fund zu verfahren, wäre dann nicht eine Gesetzesänderung notwendig?

Olbertz: Nein, das glaube ich nicht. Man muss sicherlich die Verfahrensweisen und die Praxis einmal prüfen. Bei den gesetzlichen Bedingungen, die im Übrigen denen in anderen Bundesländern gleichen, sehe ich diese Notwendigkeit nicht. Im Übrigen ist es so, dass das Landesamt die Funde ja auch selbst macht. Es führt systematisch die Grabungen durch, ohne die man nichts finden würde, und es geht damit die Verpflichtung ein, die wissenschaftliche Auswertung und die Präsentation zu organisieren.

Volksstimme: Der Leiter des Landesamtes für Archäologie und Denkmalpfege ist gleichzeitig Leiter des Landesmuseums in Halle. Ist das nicht ein Interessenskonflikt?

Olbertz: Das würde ich nicht sagen. Es ist ja ein Landesmuseum, und Halle ist nur sein geografscher Standort. Wir würden jetzt den gleichen Kummer haben, wenn das Museum zum Beispiel in Bernburg stünde. Ein Museum liegt immer jenseits der Fundorte, solange ein Fund nicht direkt daneben gemacht wird.

Volksstimme: In der Diskussion wird immer wieder betont, Halle werde bevorzugt und Sie persönlich trügen dazu maßgeblich bei. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?

Olbertz: Beim Bericht der Mitteldeutschen Zeitung über das Minister-Ranking des Hochschulverbandes wurde ich kürzlich als Wahl-Hallenser bezeichnet. Nicht als Hallenser. Ist das nicht interessant? Daran sehen Sie schon, dass es keineswegs so ist, dass ich permanent Vorteile für Halle herauszuholen versuche. Ich fnde, die beiden Städte sollten ihre Unterschiede selbstbewusst und mit Stolz leben. Das sind sie ihrer Geschichte schuldig. Ich bin dagegen, durchzurechnen, wie viel Quadratmeter Museumsfläche es pro Einwohner da und dort gibt. Das ist unwürdig für beide Städte.

In Halle begegnet mir die Argumentation oft genau anders herum: Ich würde Magdeburg bevorzugen. Wenn Sie ins Theater gehen, könnten Sie diesen Eindruck bestätigt finden. Vergleichen Sie mal die Theater, in welchem baulichen Zustand sie sind. Oder nehmen Sie die Theaterverträge: Glauben Sie, es war einfach, den Hallensern aktuell 1,5 Millionen Euro Zuschüsse zu streichen, und das größtenteils zu Gunsten von Magdeburg? Ein anderes Beispiel: Welches der beiden großen Museen wurde denn als erstes umfangreich renoviert? Das Magdeburger.

Volksstimme: Die Stiftung Kloster Unser Lieben Frauen und die Klosterbergesche Stiftung – beide aus Magdeburg – sollen mit ihrem Vermögen der Kunststiftung des Landes zugeordnet werden. Diese Landesstiftung hat ihren Sitz ebenfalls in Halle. Sind das nicht Belege für Umschichtungen von Magdeburg nach Halle?

Olbertz: Im Gesetz von 2004 steht nur, dass diese Option verwirklicht werden soll. Das ist bislang nicht passiert. Die beiden Stiftungen bestehen fort. Wir werden uns erst in der nächsten Zeit damit beschäftigen. Aber auch das hat nichts mit Halle zu tun. Die Kunststiftung ist eine Landesstiftung und hat ihren Sitz in Halle, so wie viele andere Landeseinrichtungen ihren Sitz in Magdeburg haben. Die Verbindung zur Stiftung Moritzburg ist sinnvoll, um für das Land Synergieeffekte zu nutzen.

Volksstimme: Gerüchte wollen nicht verstummen, dass es längst Planungen für eine Erweiterung der Halleschen Museenlandschaft gibt. Die Rede ist sogar von einem Mittelalterzentrum. Ist da etwas dran?

Olbertz: Nein. Das ist eine glatte Erfndung. Solche Gerüchte werden bewusst geschürt. Das zeigt aus meiner Sicht, wie die Diskussion eine Eigendynamik bekommt, die uns allen Sorgen bereiten sollte. Ein Mittelalterzentrum in Halle ist eine Ente hoch drei.