Alles zum Streit um Editha unter www.volksstimme.de/editha

Magdeburg/Halle. Der Sarg Königin Edithas (910-946) mit den Gebeinen der ersten Ehefrau Ottos I.: Ein Sensationsfund im Magdeburger Dom, wie es das Landesamt für Archäologie Halle verbreitet? Oder etwa doch nicht? Einiges deutet darauf hin, dass das Grab bereits 1945 und Anfang der 70 er Jahre geöffnet wurde, und dass es zumindest einem Kreis von Experten bekannt war, wer im Kenotaph (Scheingrab) lag.

Die Umstände rund um den Fund der sterblichen Überreste von Königin Editha werden immer sonderbarer. Noch bevor das Landesmuseum für Archäologie am Mittwoch den Sarg mit den Tüchern und den durch eine Durchleuchtung in der Universität Halle-Wittenberg festgestellten menschlichen Überresten medienwirksam präsentierte, sandte ein "Harald Schmitler" eine E-Mail an die Volksstimme.

Der Name stellte sich bei der Recherche der Volksstimme als Pseudonym heraus. Doch zeugen die Zeilen von kunsthistorischen Kenntnissen, vor allem in Bezug auf die Ausgrabungen im Dom. Sollte das, was der Mann schreibt, tatsächlich stimmen, wurde der Sarg in den letzten 64 Jahren bereits zweimal geöffnet.

Schmitler schreibt: "Bereits im Jahre 1945 wurde der Sarkophag unsachgemäß durch die Amerikaner geöffnet, wovon auch noch heute die Beschädigungen am Sargdeckel Kunde tun. Mit groben Hammerschlägen wurde der Deckel damals entfernt. Nachdem man feststellte, dass keinerlei monetär verwertbaren Beigaben im Sarg lagen, verbrachte man selbigen wieder in den Sarkophag und verschloss diesen."

Fotodokumente

Noch mehr aufhorchen lässt der folgende Absatz: "Das nächste Mal wurde der Sarkophag Anfang der 1970 er Jahre geöffnet. Aus dieser Zeit stammen auch die schwarz-weißen Fotografen, welche sich in meinem Besitz befinden." Damals habe man lediglich die mündlichen Überlieferungen bezüglich der Nachkriegsöffnung im Jahr 1945, (bei denen damals mein Großvater zugegen war) überprüft. Der Deckel sei angehoben worden, mehrere Fotos gemacht "und das Ganze wieder verschlossen" worden.

"Schmitler" kritisiert: "Alles mehr oder minder bekannte Fakten, welche dem heutigen Forscherteam bei einem Mindestmaß an echter wissenschaftlicher Forschungsarbeit schon zu Beginn ihrer Arbeiten zur Verfügung gestanden hätten."

Die Recherche der Volksstimme ergab hingegen, dass niemand in der Domgemeinde etwas von einer Graböffnung innerhalb der letzten 64 Jahre weiß. Die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands teilte mit, eine Graböffnung sei lediglich für Otto I. im 19. Jahrhundert dokumentiert.

Doch Christian-Heinrich Wunderlich, Chemiker und Restaurator im Archäologischen Landesamt in Halle, stützt vorsichtig die These "Schmitlers". Er ist sich nahezu sicher, dass Edithas Grab irgendwann zwischen 1510 und 2008 schon mal geöffnet wurde. "Da muss jemand dran gewesen sein", schließt Wunderlich aus den Kratzern am Bleisarg, die durch die Korrosion hindurchgehen. Auch die tiefen Beulen, die von Hammerschlägen rühren könnten, deuten in diese Richtung. Die Archäologen wollen auch das Landeskriminalamt in Magdeburg bitten, sich die Spuren einmal näher anzuschauen.

Doch wer und wann war das? Wunderlich sagt: "Leider haben wir bislang keine Dokumente über ein Öffnung nach 1510." Daher schließt er eine Öffnung zu DDR-Zeiten praktisch aus: "Das wäre sicherlich irgendwo dokumentiert worden." Der Archäologe glaubt auch nicht an einen grabräubernden US-Soldaten im Frühjahr 1945. Er hätte den tonnenschweren Steindeckel des Sarkophags, in dem der Bleisarg lag, beschädigungsfrei hochhieven müssen. In Betracht zieht Wunderlich das 19. Jahrhundert, als der Dom saniert wurde. Steinmetze seien da schon eher in der Lage gewesen, dies zu bewerkstelligen. Doch noch bewegt sich alles im Reich der Spekulation.

Auf die Volksstimme-Bitte an "Schmitler", sich mit der Zeitung in Verbindung zu setzen und die Fotos zur Verfügung zu stellen, hielt sich "Schmitler" bedeckt. Er wolle "keinen Sturm im Wasserglas über eine schnell vergessene Zeitungsmeldung". Er plane "recht bald" im Zusammenhang mit der diesjährigen 800-Jahre-Dom-Feier eine eigene Publikation mit allen Fakten.

Nahe am Geschehen

Eine erfundene Geschichte, eine böse Intrige, um den Entdeckern zu schaden? Nicht wert, hier ausgebreitet zu werden? Dagegen spricht, dass "Schmitler" über präzises Wissen bezüglich der Grabstätte Edithas verfügt. So enthielt seine erste Mail, eingegangen schon am Dienstagabend, also noch bevor die Inschrift auf dem Sarg öffentlich bekannt wurde, die lateinischen Sätze der Sargaufschrift. Wie er mitteilte, habe er sie auf den Fotos, die bei der Graböffnung 1972 oder 1974 geschossen wurden, entziffert.

Er gibt auch Hinweise auf die Unterlagen in Halle, die durch Archivumlagerungen dorthin gelangt sind. In den dortigen Archivarien würden nicht nur "die Bausumme des Sarkophags erwähnt, sondern auch die Tatsache, dass es sich um eine Umbettung der Gebeine handelt". Der Sarkophag habe sich bereits vor der Aufstellung des heutigen Grabmals im gotischen Dom befunden, wenn auch an anderer Stelle. "Stein und Bleisarg wurden im Zuge der Umbettung 1510 angefertigt."

Unterdessen werden auch die Umstände der Bergung des Editha-Sarges und die Präsentation des Fundes in Halle immer weniger erklärlich. In einer Presseerklärung der Domgemeinde wird offenbar, dass es hinter den Kulissen richtig gekracht haben muss: "Beim Anschneiden einer Grablege wurde zugesichert, die Domgemeinde in die Weiterüberlegungen einzubeziehen." Im Oktober sei der Gemeindekirchenrat von der Stiftung Schlösser und Dome informiert worden, dass im Kenotaph ein Sarg entdeckt worden sei. Die Öffnung sei beschlossen worden, anthropologische und archäologische Untersuchungen desselben würden vor Ort stattfnden. "Weder die Einbeziehung der Domgemeinde in den Entscheidungsprozess noch der Verbleib des Sarges zur Untersuchung in Magdeburg sind jemals eingehalten worden. Im Gegenteil wurden alle Beteiligten zur absoluten Diskretion verpflichtet." Domprediger Giselher Quast als "Hausherr" ließ sich entgegen der Absprachen zwischen der Stiftung und der Domgemeinde auf das Schweigegebot ein.

Knochen nicht berührt

Angesichts der Verbringung der Gebeine Edithas fordert die Domgemeinde vom Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz, dem Landesarchäologen Harald Meller und dem Direktor der Domstiftung, Boje Schmuhl, die "schnellstmögliche" Rückkehr und würdige Beisetzung Edithas im Magdeburger Dom noch im Jubiläumsjahr 2009 und die vollständige Rückkehr des Sarkophages, der Gebeine und möglicher Grabbeigabe ohne vorherige Zwischenausstellung.

Der Ärger über die eilige Überführung Edithas nach Halle ist in Magdeburg nicht verraucht. Auch unter Wissenschaftlern nicht – zumal radiologische Untersuchungen an der Uniklinik in Magdeburg auch ohne Probleme hätten gemacht werden können, wie Fachleute versichern. Im Landesamt Halle sagte ein Archäologe, am Tag des Fundes habe man versucht, mit einem Radiologen in Magdeburg Kontakt aufzunehmen. "Er war aber nicht erreichbar."

Auch die Gerüchteküche erhält fast täglich neue Zutaten. So wird erzählt, Meller plane in Halle ein weiteres Museum, um seine Fundstücke zu präsentieren. Auf Regierungsebene wird das heftig bestritten.

Auch die Faltenbildung auf zwei verschiedenen Fotos wirft Fragen auf. Die Archäologen in Halle betonten öffentlich immer wieder, dass sie die Knochen bislang nicht angerührt hätten. "An den Knochen war noch niemand dran, defnitiv nicht", so erst gestern wieder Alfred Reichenberger, Sprecher des Landesamtes, zur Volksstimme.

Doch gestern früh, am Tag nach der Präsentation in Halle, rieben sich einige bei der Zeitungsschau verwundert die Augen: Die Volksstimme zeigte ein Foto vom geöffneten Sarg, das das Landesamt Ende 2008 aufnehmen ließ. Die Mitteldeutsche Zeitung zeigte ein Foto vom Mittwoch, als Chef-Archäologe Meller den Fund vor mehr als 100 Journalisten präsentierte. Das Tuch, das Edithas Gebeine verhüllt, zeigt auf beiden Fotos eine ganz unterschiedliche Faltung. War da doch jemand dran?

Dazu Reichenberger: "Das kann ich mir nicht erklären." Chemiker und Restaurator Wunderlich: "Das Tuch ist von uns bewegt worden; mehrmals. Gleich nach dem Fund haben wir das Tuch mit einem Ministaubsauger und Pinsel vom Staub befreit. Dann haben wir mit Holzstäbchen Teile des Tuchs angehoben, um zu schauen, wo es hohl liegt. Und es ist bewegt worden, als in der Uni eine Endoskopie gemacht wurde."

An der Uni Halle wurde, so Wunderlich weiter, mit einer kleinen Kamera ins Innere gefahren, um Bilder zu bekommen. Außerdem wurde eine Computertomografie gemacht. Dazu wurde der Deckel des Sargs abgenommen, das Bündel aber darin gelassen, sagt Wunderlich, der mit dabei gewesen war. Wegen des Bleis seien die Bilder entsprechend schlecht ausgefallen. Die Archäologen suchen nun nach einer Methode, schärfere Bilder zu erhalten. So könnte das gesamte Bündel mit Stäben und Scheiben befestigt in einen Plexiglaskasten gehoben werden, um eine erneute Computertomografie anzufertigen.

In den kommenden zwei, drei Wochen, so sagt Wunderlich, wollen die Archäologen die Knochen aus dem Tuch entnehmen. Mit aller Vorsicht sagt er: "Das ist wie eine archäologische Grabung." Dann werden sie verteilt: Ein Teil bleibt zur chemischen Untersuchung in Halle; ein Teil geht nach Mainz, um Erbgut herauszuf ltern; ein weiterer Teil geht nach Kiel, wo mittels der Radiokohlenstoffdatierung (C-14-Methode) das Alter der Gebeine ermittelt wird.